EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 55 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Jerusalem

»Nichts weniger als Wahnsinn«

Noam-Vorsitzender Avi Maoz Foto: Flash90

Die radikalste der drei rechtsextremen Parteien in der Knesset, die Anti-LGBTQ-Fraktion Noam, wird Teil der Regierungskoalition. Das bestätigte der Likud des designierten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Sonntag. Der Vorsitzende Avi Maoz soll stellvertretender Minister und Chef einer Behörde für die national-jüdische Identität werden, die extra dafür geschaffen werde, heißt es.

Der scheidende Premier Yair Lapid von der Zentrumspartei Jesch Atid twitterte daraufhin: »Mit jedem Tag, der vergeht, scheint es, als würde hier keine völlig rechtsgerichtete Regierung gebildet, sondern eine völlig durchgeknallte.«

Die eingehende Regierung unter Netanjahu hatte sich auf die Fahnen geschrieben, eine »vollständige rechte Koalition« zu bilden. Präsident Isaac Herzog hatte Netanjahu das Mandat übertragen. Bislang jedoch konnten sich die Parteien, die nach der Wahl am 1. November ins Parlament einzogen, noch nicht auf die Vergabe der Posten einigen. Darunter sind drei rechtsextreme Parteien, der Jüdische Zionismus, Otzma Jehudit und Noam.

rückschritt »Dies ist der Mann, der sich gegen die Aufnahme von Frauen in die israelische Armee oder in Führungspositionen stellt und für die Konversionstherapie für LGBT und jeden anderen vorstellbaren Rückschritt ausspricht«, fügte Lapid hinzu und wandte sich an Netanjahu-Anhänger: »Ist es das, was Sie wollten? Dass dieser rückständige Nationalist Entscheidungen über Ihr Leben trifft? Über Ihre Töchter? Ihren schwulen Neffen? Soll der Staat Israel so aussehen?«

»Ist es das, was Sie wollten? Soll der Staat Israel so aussehen?«

Scheidender premier yair lapid

In dem Koalitionsabkommen gab Netanjahu der Forderung von Noam, die lediglich mit einem Mandat in der Knesset vertreten ist, nach, eine Autorität für jüdische Werte zu bilden. Ein vom Likud veröffentlichtes Foto zeigt Maoz, wie er nach der Unterzeichnung freudestrahlend die Hand von Likud-Chef Netanjahu schüttelt.

EINWANDERUNG Laut der Ankündigung wird ihm auch die Leitung von Nativ übertragen, der Regierungsbehörde, die für die Förderung der Einwanderung aus postsowjetischen Staaten zuständig ist. Dabei hob Maoz bereits hervor, dass er die Berechtigung zur Alija einschränken wolle, indem er Enkeln von Juden keine Einwanderung erlauben werde.

Auch seine Aversion gegen Frauen in der Armee verheimlicht er nicht. Erst am Sonntag verkündete er, dass er daran arbeite, eine Armeeeinheit zu schließen, die für die Förderung der Chancengleichheit von Frauen im Militär zuständig ist. In einem Interview mit Kanal zwölf meinte er, die Position der Beraterin für Gender-Angelegenheiten müsse sofort gestrichen werden, denn sie führe Werte ein, die der IDF angeblich fremd seien.

Seine Werte indes sind Rassismus, Sexismus, der sich in Überzeugungen wie »Frauen gehören zurück in die Familie« äußert, Homophobie und Anti-Pluralismus. Aussagen, dass »ausländische Mächte und viele Länder hinter einer massiven Kampagne stehen, um jede Norm oder jedes Konzept in Israel zu untergraben und zu verändern«, erinnern stark an Verschwörungstheorien, wie sie derzeit en masse in den USA kursieren.

Maoz will Bildungs- und Justizsystem sowie Wissenschaft und Militär von »postmodernen Weltanschauungen reinigen«.

Maoz tönte auch, das Bildungs- und Justizsystem davon zu reinigen, was er »mit postmodernen Weltanschauungen infiziertes Körpergewebe« nannte, sowie die Wissenschaft und das Militär zu reformieren.

OPPOSITION Die Opposition nannte die Ernennung des »ultrakonservativen, antipluralistischen und homophoben Nationalisten« zum Leiter einer Behörde für jüdische Identität »nichts weniger als Wahnsinn«.

Die Vorsitzende der Arbeitspartei, Merav Michaeli, schrieb in den sozialen Medien: »Israel steuert auf dunkle Zeiten zu«. Sie versicherte aber, man wolle mit allen Mitteln gegen Noam kämpfen und nicht zulassen, dass das Land in den Abgrund stürze.

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will rasch neue Regierung in Israel bilden

Netanjahus Lager verliert die Mehrheit, doch auch Ex-Militärchef Eisenkot kann mit seinem Lager nicht allein regieren. Dennoch erklärt er, schon bald eine Koalition schmieden zu wollen

 28.10.2026

Jerusalem

Vorfälle bei Parlamentswahl

Für die große Mehrheit der Israelis verlief der Wahltag friedlich. Es gab jedoch Einschüchterungsversuche und sogar Angriffe

 28.10.2026

Jerusalem

Benjamin Netanjahu bei Wahl vorn - aber ohne Mehrheit

Bleibt der heutige Ministerpräsident an der Macht? Oder kommt es zum Regierungswechsel? Der Politikveteran gibt sich in der Wahlnacht trotz unklarem Ausgang siegesgewiss

 28.10.2026 Aktualisiert

Analyse

Die Wahl bringt keinen klaren Sieger hervor - was nun?

Die Wahlbeteiligung war mit 77,7 Prozent die höchste seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Doch die richtungsweisende Wahl in Israel ergab zunächst kein klares Ergebnis. Wie geht es jetzt weiter?

von Sara Lemel  27.10.2026

Israel

Wahltag in Blau-Weiß

Bis zuletzt warben die Parteien vor den Wahllokalen um Stimmen - und von denen gab es viele zu holen: Die Wahlbeteiligung war so hoch wie seit 1988 nicht mehr. Ein 94-Jähriger gab seine Stimme mit letzter Kraft ab und starb kurz darauf

von Sabine Brandes  27.10.2026

Knesset-Wahl

Eisenkot will Netanjahu ablösen

Netanjahus Likud liegt zwar laut ersten Prognosen vorn, doch seinem Lager fehlen viele Sitze zur Mehrheit. Ex-Militärchef Eisenkot will die Regierung ablösen – doch gelingt ihm das?

 27.10.2026

Knesset-Wahl

Lapid: Öffentlichkeit hat Netanjahu-Lager »nach Hause geschickt«

Netanjahus Likud-Partei wurde zwar laut Prognosen stärkste Kraft im Parlament, kommt aber mit ihren Partnern nicht auf eine Mehrheit. Die Opposition sagt, seine Regierung sei damit »gefeuert«.

 27.10.2026