Nahost

»Nicht tatenlos zusehen«

Scharfschützen der von der Türkei unterstützten syrischen Nationalarmee schießen auf kurdische Kämpfer. Foto: dpa

Die türkischen Angriffe gegen die Kurden im Norden Syriens stoßen auch in Israel auf Ablehnung. Während sich Benjamin Netanjahu mit Kritik an US-Präsident Donald Trump zurückhält, der die Invasion durch den Abzug seiner Truppen ermöglicht hatte, warnte der israelische Premier davor, dass die Türkei und ihre Verbündeten »ethnische Säuberungen gegen die kurdische Bevölkerung« durchführen könnten, und sagte humanitäre Hilfe zu.

Zuvor hatten mehr als hundert Offiziere der israelischen Armee Netanjahu aufgefordert, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Gräueltaten gegen die Kurden zu verhindern. »Als Israelis und Juden können wir nicht tatenlos zusehen«, schrieben sie in ihrem offenen Brief.

Die Angriffe der Türkei gegen Kurden bedeuten für Israel auch ein strategisches Problem.

Verschiedene Regierungschefs und US-Politiker beider Parteien verurteilten die Auslieferung der engsten amerikanischen Verbündeten, die im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) Zehntausende von Kämpfern verloren hatten, aufs Schärfste. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte Ankara auf, die Kämpfe einzustellen, und stoppte Waffenlieferungen an die Türkei.

Besuch In der Angelegenheit wird noch am heutigen Donnerstag der amerikanische Außenminister Mike Pompeo in Israel erwartet. Er will nach seinem Besuch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nach Jerusalem reisen, um die türkische Offensive und die US-Politik mit Netanjahu zu besprechen.

US-Außenminister Mike Pompeo wird heute zu Gesprächen mit Premier Netanjahu in Jerusalem erwartet.

US-Medien berichten, Pompeo wolle gemeinsam mit US-Vizepräsident Mike Pence Ankara auffordern, die Angriffe gegen die Kurden zu beenden. Doch Erdogan hatte seine Auffassung bereits vor Pompeos Landung in der Türkei klargemacht: »Es wird niemals einen Waffenstillstand geben«. Auch US-Sanktionen seien für ihn keine Bedrohung.

Nachdem Erdogan Trump am 6. Oktober angerufen hatte und in der Konversation sein Ziel erklärt hatte, einen Korridor im Norden Syriens zu besetzen, rund 30 Kilometer tief und bis 350 Kilometer lang, gab ihm Trump offenbar sein Einverständnis.

Offensive Unmittelbar danach zog Trump die in der Region verbliebenen amerikanischen Soldaten ab – und die blutige Offensive begann. In kürzester Zeit sind Hunderte von Menschen durch die Luftangriffe der Türken getötet und mehr als 160.000 aus ihren Häusern vertrieben worden. In die von den Kurden verlassenen Gebiete zogen syrische oder türkische Streitkräfte ein. Die Gefängnisse mit Tausenden von Terroristen sind teilweise unbewacht, es wird angenommen, dass viele bereits geflohen sind.

In kürzester Zeit sind Hunderte von Menschen durch die Luftangriffe der Türken getötet und mehr als 160.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden.

»Das Ergebnis ist verheerend. Wir haben einen völligen Krieg«, schrieb der Militärkorrespondent der linksliberalen Tageszeitung Haaretz, Amos Harel. Dies führe zu einem Dominoeffekt, der schlechte Nachrichten für alle anderen bedeute, besonders für die Israelis.

Der IS könne aufleben, und der Iran, versteckt hinter dem syrischen Assad-Regime, werde versuchen, die Kontrolle über die Kurdengebiete zu übernehmen: »Das Problem ist strategisch und zeigt, dass es von der Trump-Regierung absolut keine Verbindlichkeiten in Sachen Nahost gibt«, so Harel.  Langfristig sei das ein großes Problem für Israel. »Denn wir brauchen die Amerikaner für die Kämpfe, die kommen werden.«

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