Corona

Neue Armut

Droht wieder gähnende Leere in den Einkaufszentren? Foto: Flash90

Viele Israelis sind wütend, verwirrt und fühlen sich in Zeiten der Corona-Krise im Stich gelassen. Nach der Öffnung von Schulen und Wirtschaft steigen die Zahlen der Neuinfektionen wieder, und Jerusalem erließ jetzt neue einschneidende Einschränkungen für die Bevölkerung.

Am Wochenbeginn hatte das Kabinett ohne Diskussion in der Knesset verkündet, dass Bars, Nachtclubs, Veranstaltungshallen, öffentliche Schwimmbäder und Fitnessstudios bis auf Weiteres wieder schließen müssen. Und vielleicht auch bald der Strand, Parks und teilweise sogar Kinderbetreuungen für den Sommer, wie vom Gesundheitsministerium gefordert.

Am Dienstag gab Professor Sigal Sadetsky, eine Verfechterin des harten Lockdown-Kurses, ihr Amt als Direktorin für öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium auf, aus Protest gegen den ihrer Ansicht nach zu laschen Kurs der Regierung in der sich wieder zuspitzenden Corona-Krise.

LOCKDOWN Bereits mehrfach lagen die täglichen Neuinfektionen jetzt über der Marke von 1000. Da es zur gleichen Zeit jedoch weniger als 100 Menschen gibt, die mit ernsthaften Symptomen im Krankenhaus behandelt werden, halten manche die Maßnahmen für zu hart – besonders mit Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen.

21 Prozent der Israelis sind noch immer ohne Job, bei vielen läuft das Arbeitslosengeld in den nächsten Wochen oder sogar Tagen aus.

Gesundheitsminister Juli Edelstein machte das Dilemma deutlich, als er sagte, dass aus medizischer Perspektive Israel wieder in den Lockdown müsste, die Regierung aber auch die wirtschaftlichen Auswirkungen im Blick haben müsse. Premierminister Benjamin Netanjahu kündigte am Montag in der Kabinettssitzung ein Corona-Rettungspaket für die Wirtschaft an: »Wir werden Unternehmen, Selbstständigen und Arbeitnehmern helfen.«

Unterdessen sorgen Äußerungen des Ministers Tzachi Hanegbi (Likud) über die wirtschaftliche Notlage für Unmut. Besonders Selbstständige, Geschäftsinhaber und Künstler haben daraufhin ihre Entrüstung in den sozialen Netzwerken kundgetan. »Realitätsfremd« und »abgehoben« sind dabei die milderen Bezeichnungen.

Hanegbi, Minister ohne Portfolio, hatte am Freitag in einem Fernsehinterview gesagt: »Dieser Quatsch, dass Leute in Israel nichts zu essen haben, ist Schwachsinn.« Auf den Einwand der Journalisten, dass dies tatsächlich so sei, legte er nach: »Schwachsinn.«

Oppositionsführer Yair Lapid (Jesch Atid) schrieb anschließend auf Twitter: »Geh und triff die Selbstständigen, die Arbeitslosen, die Geschäftsinhaber, deren Leben zerstört ist.« Die Regierung funktioniere nicht, die Wirtschaft kollabiere, so Lapid. »Man kann den Leuten nicht weismachen, dass sie Geld haben, wenn es keines gibt.«

Hanegbi entschuldigte sich mit den Worten, dass er diesen Satz in einer hitzigen Debatte geäußert habe, nicht so meine und die Aussage zurücknehme. Vielen jedoch war das nicht genug. Einer, der sich beschwerte, ist Eyal Altaretz. Der arbeitslose Tontechniker hatte dem Minister geschrieben, dass er in die Suppenküche muss, weil er seit Corona nichts mehr verdiene. Die Aussage des Ministers hält er für eine unglaubliche persönliche Beleidigung. »Ich arbeite, seit ich 15 bin. Jetzt, mit 50, muss ich betteln gehen. Der Minister für Nichts könnte mit seinem Budget, das er fürs Nichtstun erhält, allen Hungrigen helfen.«

EINKÜNFTE Die nationale Sozialversicherungsanstalt Bituach Leumi spricht bereits von einem besorgniserregenden Phänomen: den »neuen Armen«. Menschen, die niemals gedacht hätten, dass es sie treffen würde, müssten heute staatliche Unterstützung beantragen. 21 Prozent der Israelis sind noch immer ohne Job, bei vielen läuft das Arbeitslosengeld in den nächsten Wochen oder sogar Tagen aus. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass bis zu 80.000 kleine Unternehmen und Geschäfte die Corona-Krise nicht überstehen werden.

Ahuva Galfand aus Kiriat Ono, 36, war stolze Eigentümerin eines Modelabels. Vor zwei Jahren hatte die Designerin ihr eigenes Geschäft eröffnet und ihre Kreationen online verkauft. »Wenn man so ein Geschäft eröffnet, dauert es, bis man die Früchte erntet. Als ich endlich begann, aufzuatmen, kam diese Corona-Krise und hat alles zerstört.«

Um finanzielle Hilfe zu bekommen, musste sie das Einkommen des letzten Jahres angeben. Das jedoch belief sich auf Null, weil sie alle Einkünfte ins Geschäft gesteckt hatte. Also bekommt sie keinen einzigen Schekel vom Staat. »Mein eigenes Geschäft war ein riesiger Traum. In nur einer einzigen Woche ist er zerplatzt.«

Notlage Präsident Reuven Rivlin bestätigt das, zeigte sich angesichts der wirtschaftlichen Notlage betroffen: »Ich sehe immer mehr kleine Unternehmen, die zusammenbrechen. Jahre der Hoffnung sind vergangen, Träume zerstört. Wir dürfen das nicht geschehen lassen.« Die Regierung müsse einen Notfallplan erstellen, um sie zu retten, und von anderen Ländern lernen, die dies tun.

Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass bis zu 80.000 kleine Unternehmen und Geschäfte die Corona-Krise nicht überstehen werden.

Doch viele warten noch immer auf Unterstützung. Nach den neuerlichen Einschränkungen ist die Angst bei vielen groß, welche wirtschaftlichen Konsequenzen die zweite Corona-Welle bringt und ob sie vielleicht auch ihren Lebensunterhalt vernichtet.

RECHNUNGEN »Wenn meine Kinder nicht in die Betreuung gehen, kann ich nicht arbeiten«, sorgt sich die freiberufliche Unternehmensberaterin Efrat Schechter aus Tel Aviv. »Ich bin darauf angewiesen, mich intensiv vorzubereiten und zu den Menschen zu gehen, die mich beauftragen. Mit zwei kleinen Kindern zu Hause geht das nicht.« Zwar hat ihr Ehemann noch seinen Job, »aber von einem Gehalt ist es für uns unmöglich, unser normales Leben weiterzuleben«.

Das kann auch Vicky Attia nicht. Die geschiedene Frau lebt mit ihren vier Kindern in Cholon. Ihr wurde vor einigen Tagen der Strom abgestellt, weil sie die Rechnungen seit Monaten nicht mehr bezahlen kann. Zwar hat sie noch einige Lebensmittel in den Schränken, aber nur, weil Nachbarn helfen. Für die Miete haben ihre Eltern und Klassenkameraden des Sohnes gesammelt.

Attia ist alleinerziehend, arbeitete vor der Corona-Krise als Bedienung in einem Restaurant und verkaufte nebenbei selbstgemachten Schmuck. »Leicht war es vorher auch nicht, aber ich kam über die Runden.« Nun, da beide Einkommensquellen versiegt sind, weiß Attia nicht mehr weiter. »Ich bin überall herumgelaufen und habe gefragt, in jedem Laden, jedem Lokal. Es ist mir ganz egal, wo ich eine Arbeit finde. Aber es gibt keine.«

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