Jerusalem

Mobil am Schabbat

»Es gibt eine Alternative – Schabus«: Mitglieder der Kooperative Foto: Screenshot JA

Wenn in Jerusalem die Straßen ruhiger werden und die Menschen sich auf den Schabbat vorbereiten, kehren auch die Busse und Bahnen in die Depots zurück. Der öffentliche Nahverkehr ist in den meisten Gegenden Israels am Schabbat, von Freitag ab Sonnenuntergang bis Samstag zur selben Zeit, nicht erlaubt. Doch bald soll am Schabbes der Schabus durch die Stadt rollen.

Schabus – der Name ist eine Verbindung der Wörter Schabbat und Bus – will eine Alternative bieten. Hovav Yannai, Mitinitiator der »Kooperative Transportvereinigung Jerusalem«, wie das Projekt offiziell heißt, erklärt, warum: »Durch den Mangel an Bussen und Bahnen stecken viele Einwohner am Wochenende, wenn sie Zeit hätten, etwas zu unternehmen, zu Hause fest. Vor allem jene, die sich kein Auto oder Taxi leisten können.«

Besonders jungen Menschen, Teenagern, Studenten und Soldaten, sei dadurch die Möglichkeit verwehrt, Freunde oder Verwandte zu besuchen, heißt es in der Presseerklärung von Schabus. »Dabei hätte man doch gerade am Wochenende Zeit füreinander.«

status quo Zwar gibt es kein festgeschriebenes Gesetz, das den öffentlichen Nahverkehr verbietet, doch seit der Staatsgründung gehört die Schabbatruhe zum Status quo. Das Verkehrsministerium erteilt schlicht keine Genehmigungen, und zwar nicht nur in den religiösen Vierteln der Städte wie Mea Schearim oder Bnei Brak, sondern im ganzen Land. Es fahren weder Fernzüge von A nach B, noch Busse im Herzen von Tel Aviv oder am Stadtrand von Netanja.

Allerdings gibt es Ausnahmen: In der Hafenstadt Haifa, wo eine große arabische Gemeinde lebt, verkehren Autobusse das ganze Wochenende über. Ebenfalls im arabischen Osten Jerusalems. Zwischen Tel Aviv und Jerusalem pendeln die Scheruts, die Sammeltaxis, auch am Schabbat weiter, doch in den meisten Städten sind öffentliche Verkehrsmittel tabu.

Die neue Kooperative begann mit einem Brief der Jerusalemerin Schlomit Raz, die sich vom Stadtrat Alternativen zum fehlenden Busverkehr wünschte. Die Meretz-Abgeordneten Laura Wharton und Pepe Alalo nahmen das Anliegen ernst, begannen mit der Recherche und stießen auf die Idee einer Kooperative.

In dieser müsse man Mitglied werden, um den Dienst in Anspruch nehmen zu können, erläutert Yannai. »Schabus ist damit praktisch ein privates Unternehmen und darf daher am Schabbat verkehren. Ein Dienst für alle Bürger, bei dem sie einfach auf der Straße in die Busse einsteigen, würde den Status quo unterlaufen. Als Mitglied der Kooperative aber darf man sich sehr wohl hin- und herchauffieren lassen.«

Schabus ist als Non-Profit-Organisation angelegt, was bedeutet, dass sämtliche Gewinne wieder in das Projekt fließen müssen. Kein Problem, meinen die Macher. »Je mehr Mitglieder wir haben, desto günstiger wird logischerweise der Fahrpreis.« Derzeit wird man für einen Monat lang Beförderung am Schabbat umgerechnet sieben bis zehn Euro zahlen müssen. Mitmachen kann jeder, der sich über die Website shabus.co.il anmeldet und den Jahresbetrag von rund elf Euro zahlt. Die Busse werden von einer Firma in Ost-Jerusalem gemietet.

App Modern ist Schabus auch: Die Handy-App »Hop on«, mit der bezahlt werden kann, ersetzt die Fahrscheine aus Papier. Auch die Feuertaufe ist bereits bestanden. Stolz berichten die Gründer, dass alle nötigen Anträge genehmigt und die bürokratischen Hürden übersprungen sind.

Bislang sei Schabus erstaunlicherweise auf nur wenig Widerstand gestoßen, sagt Yannai. Zwar habe es in charedischen Medien einige böse Artikel gegeben, doch sonst blieb es bislang ruhig. »Es ist ja auch nicht so, dass wir die religiösen Einwohner provozieren wollen. Schabus wird nicht in orthodoxen Vierteln verkehren, und natürlich muss niemand, der nicht will, bei uns einsteigen. Doch für die säkularen Städter ist dies eine echte Alternative, um das Leben in der Stadt lebenswerter zu machen. Wir haben kein Interesse an einem Konflikt, sondern nur daran, unser soziales Recht auf Beförderung durchzusetzen. Und das stößt in der Gesellschaft auf breiten Konsens.«

Auch auf den Umweltaspekt macht Yannai aufmerksam: »Überall auf der Welt werden zusätzliche öffentliche Verkehrsmittel eingeführt, um die Umwelt zu schützen. Nur bei uns nicht. Das ist schlimm, und wir wollen das ändern.«

Startgeld Wenn es nach den Initiatoren geht, soll es nicht bei einem Bus und auch nicht ausschließlich bei Jerusalem bleiben. Das bekennt Yannai ohne Umschweife. »Es ist zwar unser erklärtes Ziel, allerdings nur das kurzfristige. Langfristig wollen wir die Regierung und die Beförderungsunternehmen dazu bringen, öffentliche Verkehrsmittel am Schabbat im ganzen Land zu erlauben.«

Doch nun startet das Projekt zunächst lokal. Die erste Fahrt soll freitags ab 20 Uhr von Neve Yaakov über French Hill, das Stadtzentrum, die German Colony und Talpiot bis nach Gilo und wieder zurück führen. Entsprechend der Bedürfnisse der Mitglieder können weitere Routen eröffnet werden. Reguläre Haltestellen wird es nicht geben. Jedoch soll Wert darauf gelegt werden, dass auch Geschäfte oder Einrichtungen angefahren werden, die am Schabbat geöffnet sind. »Wir wollen diese Betriebe mit unserer Initiative unterstützen und Solidarität zeigen.«

Doch damit die Räder rollen, braucht die Kooperative Startgeld. Bislang sind von den benötigten 100.000 Schekeln (etwas weniger als 20.000 Euro) 84.000 über die Aktion auf der Crowdfunding-Website »Headstart« zusammengekommen. Noch zehn Tage, dann soll alles in der Kasse sein. »Sofort nach den Feiertagen, spätestens Anfang Mai, wird es losgehen«, verspricht Yannai. Im Sinne des Freiheitsfestes Pessach sollen sich die Jerusalemer dann etwas freier in ihrer Stadt bewegen können.

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