Koscher

Mit Reibekuchen auf Platz 1

Tom Franz mit seiner Frau Dana und dem gemeinsamen Sohn Foto: PR

Am Ende regnet es Konfetti, jubeln die Zuschauer, strahlt der Sieger. Der neue israelische »Masterchef« ist gekürt. Er heißt Tom Franz, ist blond und stammt aus Köln. Über Wochen hat sich der Deutsche in die Herzen der Israelis gekocht. Mit seiner koscheren Mischung aus Reibekuchen und mediterraner Küche verzückte er die Gaumen der Jury, in fehlerfreiem Hebräisch mit deutschem Akzent begeisterte er Millionen an den Bildschirmen. Nach seinem Sieg am Dienstagabend beugt sich der 1,95-Mann zu seiner Frau Dana herunter und sagt: »Du bist jetzt mit dem Masterchef von Israel verheiratet.« Dann nimmt er sie in den Arm und bedankt sich bei Gott für seinen Erfolg. Tom, der Deutsche, ehemaliger Christ, gläubiger Jude, Liebling der Israelis.

Mehr als eine Million Menschen schaltete wochenlang ein. Von 14 Hobbyköchen schafften es drei in die Endausscheidung: Jackie Azoulay, die marokkanische Jüdin aus einfachen Verhältnissen, die Araberin Salma Fayoumi und Tom, der Deutsch-Israeli. Die kuriose Mischung bescherte dem Sender enorme Einschaltquoten. Einen Tag vor dem Finale sitzt Tom in seinem Lieblingscafé im Namal, dem Hafen von Tel Aviv. Neben ihm liegt seine Kamera. Er träume davon, irgendwann eine Ausstellung zu haben, steht in seinem Profil auf der Website des Fernsehsenders Keschet.

Hüne Die Israelis lieben den blonden Hünen mit der sanften Stimme. »Ejse ozar«, sagt eine Frau, als sie ihn im Café erblickt, »was für ein Schatz«. Nicht nur kochen könne der, sondern er sei auch ein »echter Mensch«. Dann erzählt sie ihrer Begleitung, welch »steinigen Weg dieser schöne Deutsche gegangen ist, um ›zu uns‹ zu gehören«.

Mit »uns« meint sie die Juden. Es ist nicht unbedingt alltäglich, dass Israelis über Deutsche in Begeisterungsstürme ausbrechen. Doch Tom hat das gewisse Etwas, das seine Umgebung in Verzückung geraten lässt. Es ist eine Mischung aus entwaffnendem Charme, Bescheidenheit und Offenherzigkeit, die ihm Sympathien en masse beschert. Dass er fast unverschämt gut aussieht, ist dabei sicher nicht schädlich.

1990 kam der heute 39-Jährige zum ersten Mal als Zivildienstleistender nach Israel, verliebte sich in Land und Leute. Anschließend kehrte er zurück in die Heimat, studierte Jura und arbeitete als Anwalt in einer internationalen Kanzlei. »Aber es fühlte sich alles falsch an«, erinnert er sich. Vor acht Jahren dann packte Tom seine Sachen, zog nach Tel Aviv und begann seine Konversion zum Judentum vor dem orthodoxen Rabbinat. Heute sagt er: »Ich fühle mich in Israel einfach zu Hause.«

Geschmack Seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckte Tom Franz, nachdem er von zu Hause ausgezogen war. Die Juroren der populären Reality-Show loben sein Talent am Herd. Starkoch Jonathan Roschfeld meinte schon in einer der ersten Sendungen augenzwinkernd: »Von mir aus kannst du jetzt gehen und eine halbe Stunde vor dem Finale wiederkommen, denn so muss ein Siegergericht schmecken.«

Bei dem Deutsch-Israeli kommen ausschließlich koschere Leckereien in die Töpfe. Als Beschränkung sieht er es nicht, Fleisch und Milch zu trennen. »Im Gegenteil, ich habe dadurch ja praktisch zwei Küchen und zwei verschiedene Geschmäcker zur Verfügung. Es ist vielmehr ein Geschenk.«

Koscher oder nicht: Besonders eine rheinische Spezialität hatte es den Profiköchen am Richterpult angetan. Als Tom Reibekuchen mit selbst gemachtem Apfelmus serviert, ist es um die vier geschehen. Roschfeld brachte nur ein »Metoraff!« heraus, erzählt Tom. Was man am besten mit »der totale Wahnsinn« übersetzt. Chaim Cohen, gerade vom Lifestylemagazin »Time Out« zum Koch des Jahres gewählt, meinte gar: »Das könnte ich jeden Abend verputzen.«

Zuspruch Nach dieser Geschichte ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass es ein Traum des Auswanderers ist, eine Reibekuchenbude in Tel Aviv aufzumachen. »Okay«, räumt er ein, »vielleicht würde ich da nicht jeden Tag am Bratfett stehen, aber gekocht würde nach meinem Rezept.« Am Erfolg zweifelt er nicht, denn die Israelis würden die kulinarische Mischung aus salzig und süß nicht kennen, aber sicher schätzen. Eine Marktlücke wäre ein Kartoffelpufferstand mit dem Konterfei eines großen, blonden Deutschen als Logo ganz sicher.

Am Morgen vor der Entscheidung antwortet Tom auf die Frage, ob Israel überhaupt für einen »deutschen Masterchef« bereit sei, dass man sich nur die Talkbacks zu den Artikeln über ihn im Internet ansehen müsse. »Es gab nicht einen bösen Kommentar dazu, dass ich Deutscher bin. Alles war liebenswürdig und positiv. Ich finde, das beantwortet die Frage.« Nach diesen Worten erscheint auf seinem Gesicht ein breites Lächeln. »Ich habe in der letzten Zeit so viel Liebe und Zuspruch erfahren, das ist schon fast unglaublich.«

Integriert Diese Liebe sei es, die ihn sagen lässt: »Ich fühle mich völlig integriert in Israel.« Um bei diesem Satz anzukommen, sei nach seiner Einwanderung das Einleben in eine Synagogengemeinschaft von großer Bedeutung gewesen. Die Menschen um ihn herum hätten wohl gespürt, dass er es ehrlich meine und von ganzem Herzen »Jude werden wolle«.

Tom führt noch immer ein religiöses Leben. Dem hat sich sogar seine Ehefrau Dana angepasst. Als Tom sie auf einer Parkbank in der Stadt sah und »so oft an ihr vorbeiging, dass es schon peinlich war«, war sie eine junge, gänzlich säkulare Frau. Aus Liebe zu Tom wurde Dana religiös. Heute bedeckt sie ihr Haar, trägt lange Röcke und Strümpfe. Das Paar hat einen elf Monate alten Sohn. Für die beiden passt das Leben so, wie Tom betont: »Wir fühlen uns genauso wohl in der orthodoxen Welt von Bnei Brak wie in der säkularen von Tel Aviv.«

Welchen Status Tom in Israel tatsächlich hat, beweist eine andere Show: Die Satiresendung »Eretz Nehederet« (Ein wundervolles Land) nimmt mit Vorliebe Politiker und lokale Stars auf die Schippe. Wie sehr man dabei auch durch den Kakao gezogen werden mag, in den 90 Minuten porträtiert zu werden, gilt als medialer Ritterschlag. Tom war dabei. Als er das erzählt, fährt er sich durch die Haare, so, als könne er nicht ganz glauben, was ihm gerade widerfährt. Der letzte Deutsche, der in »Eretz Nehederet« eine Rolle bekam, war der Papst.

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