Armee

Mit Pejes im Panzer

Soldaten der orthodoxen Neztah-Yehuda-Brigade nach einem nächtlichen 40-Kilometer-Marsch Foto: Flash 90

Rosch Haschana steht bevor. Für viele wird das neue Jahr wohl mit einem Schreck beginnen. Denn in diesen Tagen landen Tausende von Einberufungsbescheiden in den Briefkästen junger ultraorthodoxer Männer. Bereits am 1. August war das sogenannte Tal-Gesetz abgelaufen. Es besagt, dass Studenten an religiösen Hochschulen vom Militärdienst ausgenommen sind. Missbrauch ist weit verbreitet, nicht wenige schreiben sich zwar an einer Jeschiwa ein, sind jedoch nur auf dem Papier anwesend. Im Jahr zuvor hatte das Oberste Gericht entschieden, die Regelung sei rechtswidrig, da sie dem Gleichbehandlungsgrundsatz widerspreche.

Bislang jedoch schaffte es die Politik nicht, eine neue gesetzliche Regelung zu schaffen. Vor einigen Monaten zerbrach daran sogar die kurzzeitige Einheitskoalition zwischen dem regierenden Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der Kadima-Partei. Etwas weniger als ein Drittel der extrem frommen Männer dient in der Armee oder leistet Ersatzdienst, etwa in Rettungseinheiten des Magen David Adom oder ZAKA. Die meisten verweigern kategorisch.

verwaltung Nun will die Regierung Fakten schaffen. Verteidigungsminister Ehud Barak rief eine Arbeitsgruppe ins Leben, die sich mit den Belangen der potenziellen Rekruten befasst, und ordnete an, die militärische Verwaltung habe sich auf die Einberufung vorzubereiten. Doch da eine klare gesetzliche Regelung nach wie vor fehlt, äußerte sich Stabschef Benny Gantz nur vage: »Die Einberufung der ultraorthodoxen Männer ist keine militärische Angelegenheit, sondern eine politische. Die Politiker werden entscheiden, und die Armee wird sich anpassen.« Glücklich scheint Gantz mit dem Auftrag nicht zu sein. Angeblich befürchtet er unnötige Aufregung in Jeschiwa-Kreisen.

2013 würden Ultraorthodoxe 13 Prozent aller männlichen Soldaten stellen. Theoretisch. Denn die Chance, dass viele von ihnen tatsächlich bald die olivgrüne Uniform überziehen werden, ist äußerst gering. Und das liegt nicht nur an der Unwilligkeit der potenziellen Rekruten. Denn jeglicher Beschluss lässt auf sich warten. In Jerusalem ist es kein Geheimnis, dass noch Monate ins Land gehen werden, bis ein konkreter Gesetzentwurf die Gremien durchläuft. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die ewigen Verzögerer ihre Taktik gar bis zu den nächsten Wahlen hinziehen werden.

Dennoch werden nun etwa 7.500 Charedim angeschrieben, damit sie sich in den Rekrutierungszentren melden. Der Prozess, so ein IDF-Sprecher, diene dazu, die Männer in die Bereiche einzuteilen, in denen sie dienen sollen. Zunächst würden allerdings nur persönliche Daten aufgenommen. Doch schon geht in ultraorthodoxen Kreisen die Angst um. Mehrere Rabbiner riefen die 17- bis 18-Jährigen auf, nichts zu unterschreiben, was später als Einverständniserklärung gewertet werden könnte.

Tricks Der Vorstand einer Jerusalemer Jeschiwa, der seine Identität nicht preisgeben wollte, erklärte im Fernsehen, die Studenten müssten gewarnt werden. »Es geht die Vermutung um, dass die Armee die jungen Männer in den Armeedienst tricksen will.« Angeblich, so der Rabbiner, existieren neue Dokumente, die später für eine Einberufung benutzt werden sollen. Diese Vermutung war auch auf den Titelseiten einschlägiger charedischer Zeitungen zu lesen.

Die Armee wehrt sich vehement gegen diesen Vorwurf: Seit 15 Jahren gebe es dieselben Dokumente für Jeschiwastudenten, die zunächst der Feststellung der Personendaten dienten, so die IDF. Es habe hier keinerlei Änderungen gegeben. Während der Gültigkeit des Tal-Gesetzes allerdings mussten sich Charedim lediglich in den Armeebüros einfinden und eine Verweigerungserklärung unterschreiben. Nun jedoch sollen sie denselben Registrierungsprozess durchlaufen wie andere, so der Sprecher. Dabei solle, soweit das möglich sei, auf die besonderen Bedürfnisse der streng religiösen Menschen geachtet werden.

Große Teile der israelischen Bevölkerung verlangen seit Langem Gleichberechtigung beim Wehrdienst. Schimon Maimon, der selbst drei Jahre lang in einer Kampfeinheit Soldat war und bis zu seinem 45. Lebensjahr regelmäßig beim Miluim (Reservedienst) strammstand, findet es überfällig: »Jeder, der in Israel lebt, muss in die Armee, um das Land zu verteidigen und seinen Kopf für andere hinzuhalten. So funktioniert unser Staat in dieser Region nun mal. Lange genug haben die Ultrareligiösen das nicht getan und sich immer mehr zu Schmarotzern in unserer Mitte entwickelt. Es reicht! Sie sollen kämpfen wie wir alle.«

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