Porträt

Mit kühlem Kopf

Will Netanjahu entthronen: Yair Lapid Foto: Flash 90

Er ist die treibende Kraft hinter dem Block für politischen Wandel: Yair Lapid, Chef der Zukunftspartei. Vor seinem Eintritt in die Politik vor knapp zehn Jahren sorgte er sich, dass seine Landsleute zu viel mit Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt sind: »Das ist gefährlich.« Jetzt will er dafür sorgen, dass sie den Blick nach vorn richten. Seine Zentrumspartei hat den passenden Namen dafür: Jesch Atid – »Es gibt eine Zukunft«.

Damit will er nach zwölf Jahren den am längsten regierenden Premierminister Israels ablösen – Benjamin Netanjahu vom rechtskonservativen Likud. Dem Präsidenten musste Lapid bis Mittwoch um Mitternacht verkünden, dass er in der Lage ist, eine regierungsfähige Koalition zu bilden. Von diesem Moment an hat er sieben Tage Zeit, bevor in der Knesset über diese Regierung abgestimmt wird. Dafür benötigt er eine einfache Mehrheit.

konstrukt Doch dieser Block ist alles andere als ein einfaches Konstrukt. Im Gegenteil: Nie lagen die Ideologien so weit auseinander wie bei dieser Koalition. Von der Linkspartei Meretz bis zur nationalreligiösen Partei Jamina ist ein breites Spektrum vertreten. Auch eine islamische Partei soll Teil der Regierung werden: Raam unter der Leitung von Mansour Abbas. Es wäre das erste Mal in Israels Geschichte, dass eine arabische Partei auf der Regierungsbank der Knesset vertreten ist.

Beteiligt sein sollen außer Raam die Linkspartei Meretz, die Arbeitspartei Awoda, die Mitte-Parteien Jesch Atid und Blau-Weiß, die rechte, säkulare Partei Israel Beiteinu von Avigdor Lieberman, die Neue Hoffnung von Ex-Likud-Mitglied Gideon Saar und die nationalreligiöse Jamina unter der Leitung von Naftali Bennett.

Lapid muss Parteien von ganz links bis ganz rechts unter einen Hut bringen.

Anders als bei vorherigen Regierungsbildungen ist keine der Parteien übermäßig dominant. Auf Partnerschaft wird es also ankommen müssen. Doch Lapid ist fest entschlossen, seinen Plan Realität werden zu lassen. »Es gibt da diese Sache, die heißt: Wir«, sagte er kürzlich. »Es ist an der Zeit, dass es eine Regierung gibt, die diese Sprache spricht und für das Land arbeitet.«

chefsessel Seine Partei Jesch Atid ist die größte der potenziellen Koalitionsparteien. Bei den Wahlen am 23. März bekam sie 17 Mandate. Gleichwohl will ihr Vorsitzender Lapid einem anderen den Vortritt als Regierungschef lassen: Naftali Bennett. Die beiden wollen sich den bedeutendsten Posten im Land im Rotationsverfahren teilen, doch Bennett, der lediglich sieben Sitze holte, soll als Erster Platz auf dem Chefsessel nehmen.

Das ist beschlossene Sache. Alle, die Lapid als Schönling mit Hang zum Rampenlicht bezeichnen, straft er damit Lügen. Wieder einmal. Denn es ist nicht das erste Mal, dass er zeigt, dass ihm das Wohl des Landes näher ist als sein Ego oder Machtstreben.

So will er zunächst den Posten des Außenministers übernehmen – eine Idealbesetzung. Der einstige Fernsehmoderator, Buchautor und Kolumnist fühlt sich wohl auf den Bühnen der Welt. Eine Weile versuchte er sogar, in Hollywood Fuß zu fassen, und spielte auch in heimischen Filmen mit. Dabei ist er gleichzeitig bodenständig, seit langen Jahren mit seiner Frau Lihi verheiratet und Vater von drei Kindern. Mit seinem Charme und guten Aussehen ist er das perfekte politische Aushängeschild für die Nation.

MAINSTREAM Auch hütet sich Lapid, in Extreme zu verfallen. Er ist Mainstream auf ganzer Linie. Mit den Palästinensern will er eine Verständigung, verdammt jedoch auch die Siedlerbewegung nicht. Als er in die Politik eintrat, sagte ein Kommentator über ihn: »Niemand kann es allen recht machen. Aber Lapid hat es wenigstens versucht.« So kommt er auch mit Bennett klar, einem Hardliner für die Sache der Siedler.

Die vergangenen zwei Jahre in Israel waren von Krisen geprägt. Es gab wohl kaum ein Schimpfwort, das nicht durch die Flure der Knesset hallte, kaum eine Charakterschwäche, die man sich nicht gegenseitig vorwarf. Lapid aber hielt sich aus den Schlammschlachten heraus.

Ob er von seinem einstigen Bündnispartner Benny Gantz auf der politischen Bühne sitzen gelassen wurde oder Bennetts Wankelmut ertragen musste: Der 58-Jährige machte zwar kein Hehl daraus, was er darüber dachte, doch egal, wie heiß die Gerüchteküche um ihn herum brodelte, er behielt einen kühlen Kopf. Mit dieser Haltung, meinen Politikexperten, könne er es vielleicht tatsächlich schaffen, die weit auseinanderklaffenden Ideologien des Wandel-Blocks unter einen Hut zu bringen.

Die Leitung der Opposition im vergangenen Jahr ließ ihn weiter wachsen, bescheinigt man ihm. Zuvor hatten ihn viele am Titel »sexiest man in Israel« gemessen, der ihm einige Male zuteilwurde. Mehr als mittelmäßige Politik wurde nicht erwartet. Doch Mittelmaß ist nichts für Lapid.

FAMILIE Das zeigt seine Familiengeschichte: Sein Großvater mütterlicherseits gründete die Tageszeitung »Maariv«, sein Vater Josef »Tommy« Lapid war einer der berühmtesten israelischen Journalisten, ging dann in die Politik, wurde Justizminister und stellvertretender Premier. Lapid senior, säkular durch und durch, lebte dem Sohn seine Überzeugungen vor. Seine Mutter Schulamit Lapid ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen des Landes.

Aus politischen Schlammschlachten hielt sich Lapid heraus.

Warum Lapid einen politischen Wandel will, macht er immer wieder klar: »Israel kann in eine neue Ära eintreten. Dann wird es plötzlich ruhiger werden. Minister werden zur Arbeit gehen, ohne gegen andere zu hetzen, ohne zu lügen, ohne ständig Ängste zu schüren.« Wer sich noch fragt, warum Netanjahu abgelöst werden müsse, der brauche sich nur seine letzte Rede anzuhören, fasste er zusammen. Mehr sagt er nicht.

Dabei war Lapid nicht immer überzeugter Netanjahu-Gegner. In der Koalition unter dessen Führung saß er von 2013 bis 2014 als Finanzminister. Eine undankbare Rolle für den noch unerfahrenen Politiker, die ihm keine Fans bescherte. 2019 schloss er sich dann mit dem ehemaligen Stabschef Gantz zusammen. Unter dem Namen Blau-Weiß hatte man ein erklärtes Ziel: Netanjahu zu entthronen. Der war damals bereits in drei Fällen wegen Korruption angeklagt.

Doch die Corona-Pandemie machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Gantz koalierte mit Netanjahu, um nach seinen eigenen Angaben das Land mit einer Notstandsregierung vor dem Virus zu retten. Lapid sagte nicht viel nach dem Verrat an der gemeinsamen Sache. Es gab weder Verwünschungen noch abgebrochene Brücken. Jetzt haben sich die beiden wieder zusammengetan. Vielleicht kann Lapid ja wirklich in die Zukunft schauen.

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