Corona-Krise

»Mit dem Risiko leben«

Nach dem Lockdown: der Mahane-Yehuda-Markt in Jerusalem Foto: Flash 90

Israel befindet sich im zweiten Lockdown innerhalb von wenigen Monaten, hat sowohl die höchsten Infektionsraten an Covid-19 als auch die größte Arbeitslosigkeit aller Zeiten. Ein Exitplan existiert nicht. Wir fragen drei Experten aus den Bereichen Gesundheitspolitik, Soziales und Wirtschaft: »Israel – quo vadis?«

Hagai Levine, Professor für Epidemiologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Mitglied der Expertengruppe für die Corona-Beratung der Regierung, kritisiert die derzeitige Politik aufs Schärfste. Er hält den Lockdown für »nicht akkurat und vermeidbar«, obwohl er der Meinung ist, dass wegen der hohen Infektionsraten definitiv etwas getan werden müsse.

Seine Gruppe habe wiederholt gedrängt, mit den Menschen zusammenzuarbeiten, »doch die Regierung ist komplett von der Bevölkerung abgekoppelt«. Für ihn ist es klar, dass die Abriegelung des Landes eine politische Entscheidung war und keine, die auf Expertenmeinung beruht.

SYNAGOGEN Er ist überzeugt, dass man vor allem Massenveranstaltungen unterbinden müsse, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen – und zwar rigoros. Das jedoch geschehe hierzulande nicht. So erlaubte es die Regierung trotz explodierender Infektionszahlen von mehr als 8000 am Tag, an Jom Kippur die Synagogen zu öffnen, um die ultraorthodoxen Parteien in der Koalition nicht zu verärgern.

Levine ist entsetzt: »Es gab möglicherweise die größten Massenveranstaltungen der Welt – das ist wahnsinnig gefährlich, das ist wohl jedem klar. Darüber hinaus ist es die völlig falsche Botschaft.« Außerdem würden verschiedene Schulen trotz des Lockdowns öffnen, und es werde nichts dagegen unternommen.

»Es ist so, als verabreichte man einem Patienten Medizin, die er nicht mehr braucht.«

»Es gibt keinen Plan, und die letzte Zeit war von totaler Verwirrung geprägt. Doch wo der Plan fehlt, fehlt auch die Logik«, macht Levine klar. »Wir haben um einen Plan geradezu gebettelt. Doch es kam keiner. Sich ständig ändernde Anweisungen haben das Vertrauen der Israelis in die Regierung völlig zerstört. Es herrscht Chaos.«

Dabei brauche es vor allem drei Dinge, um das Coronavirus in den Griff zu bekommen: »Vertrauen, Solidarität und langfristige Planung. Doch die Regierung konzentriert sich auf die falschen Dinge und hat ein falsches Konzept. Nötig ist, dass man die Zusammenkünfte unterbindet, nicht die Bewegungsfreiheit der Menschen stoppt. Man muss der Gesellschaft erlauben, weiterleben zu können.«

So ist seiner Meinung nach die totale Schließung des Ben-Gurion-Flughafens überflüssig. »Es ist so, als verabreichte man einem Patienten Medizin, die er nicht mehr braucht.« Mit Corona-Tests und Quarantäne könne man durchaus Menschen ein- und ausreisen lassen, rät er. »Man kann das Risiko nicht vollständig ausschließen – stattdessen muss man versuchen, damit zu leben.«

TRAUMA Shirley Ben Shlomo von der Fakultät für Sozialarbeit an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan nennt die Corona-Krise »geteilte traumatische Realität« für Therapeuten und Patienten.

Sie erläutert, dass die israelische Gesellschaft vom Wert der Gemeinschaft geprägt ist, mit Familientreffen, sozialen und religiösen Zusammenkünften. »Der erste Lockdown hat dies in Richtung der Annäherung des Individuums an sich selbst oder seine Kernfamilie verschoben, doch die Israelis hatten die Botschaft verstanden und sich an die Regeln gehalten.«

Die häufigsten psychischen Probleme sind Depressionen und Angstzustände.

»In den Supermärkten gab es lange Schlangen. Die Menschen deckten sich mit dem Notwendigen ein, und jeder achtete darauf, dass Familienangehörige mit Risikofaktoren geschützt wurden. Das prominenteste Beispiel dafür war Pessach, an dem die Familien per »Zoom« feierten. Die Aufforderung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, zum normalen Leben zurückzukehren, statt einen langsamen Übergang zu erklären, war, als hätte man den Korken aus der Flasche gezogen. Und es knallte überall. Das hat uns in den zweiten Lockdown geführt.«

VERTRAUEN Und wie geht es der Gesellschaft damit? »Sie ist medizinisch und wirtschaftlich arg mitgenommen, das Vertrauen in die Regierung ist angeschlagen«, so Ben Shlomo. Das habe sich bereits an Pessach gezeigt, als sowohl der Premier als auch der Präsident mit ihren erweiterten Familien feierten, die nicht zu ihrem Haushalt gehören.

Die Steigerung der Infektionsrate habe darüber hinaus zu Machtkämpfen innerhalb der polarisierten Gesellschaft geführt. Der zweite Lockdown werde begleitet von Stimmen, für die die Politik gescheitert sei. Alte, kranke und behinderte Menschen, die auf die Hilfe von anderen angewiesen sind, würden dabei extrem hart getroffen. »In den vergangenen Jahren wurde der Fokus darauf gelegt, sie zu integrieren. Doch weil viele von ihnen Risikogruppen angehören, werden sie komplett isoliert. Was die Einsamkeit natürlich verstärkt.«

Die häufigsten psychischen Probleme seien Depressionen und Angstzustände, vor allem existenzielle Ängste durch den Verlust der Arbeit. Seit Mai meldete die Organisation »ERAN – Emotional First Aid« 70 Suizidversuche wegen finanzieller Probleme – 2019 waren es zehn im ganzen Jahr. Dem Gesundheitsministerium zufolge hat sich die Zahl der Selbstmorde insgesamt um 58 Prozent erhöht. Häusliche Gewalt sei um zwölf Prozent gestiegen, die Gewalt von Ehepartnern sogar um 31 Prozent. »Dies ist allerdings kein spezifisch israelisches Problem, sondern wird aus der ganzen Welt berichtet«, betont die Expertin.

»Zusammenfassend kann man sagen, dass ein langer Aufenthalt im Lockdown für jene gut ist, die ein stabiles Lebensgerüst haben, den restlichen aber schadet. Den zweiten Lockdown beschreiben die meisten als ›härter‹, weil die Ungewissheit im Hinblick auf die Zukunft größer ist.«

KOSTEN Dan Ben-David, Professor für Ökonomie an der Universität Tel Aviv und Gründer des unabhängigen Instituts für sozioökonomische Forschung, Shoresh, hält den Lockdown »keineswegs für notwendig«. Stattdessen hätte man nach der ersten Abriegelung die außergewöhnlichen Charakteristika Israels ausnutzen sollen: »Wir sind ein kleines Land und praktisch eine Insel, Einreisen werden zu 100 Prozent kontrolliert. Damit hätte man arbeiten können, um Millionen von Tests durchzuführen, die besten Experten zu engagierten, Material zu kaufen und anderes mehr.«

Die Kosten der Krise beliefen sich (bis vor dem zweiten Lockdown) auf mehr als die Summe des Verteidigungs- und des Bildungsbudgets, das Bruttoinlandsprodukt werde um rund zehn Prozent sinken. »Dies sind für Israelis völlig unverständliche Zahlen. Damit könnten wir alle Spezialisten der Welt und noch viel mehr bezahlen, um das Virus zu bekämpfen.«

Die Diskrepanz zwischen Reich und Arm wird sich durch die Krise noch verschärfen.

»Nach dem ersten Lockdown waren wir in einer Position, aus der heraus wir Corona in Israel hätten eliminieren können. Doch der Mann, der verantwortlich ist, handelte nicht und meinte, er wisse es besser als alle Experten.« Doch es sei nicht allein Netanjahus Schuld. Der Volkswirt argumentiert, dass viele grundlegende Bereiche im Land bereits seit Langem »kaputt« seien. »Die Bildungs- und Gesundheitssysteme beispielsweise befinden sich seit den 70er-Jahren im freien Fall. Die Belegungsrate der Krankenhäuser ist die höchste in der OECD, weil nichts zur Verbesserung unternommen wurde. Seit den 70er-Jahren ist der Entwicklungsverlauf derselbe, es gibt keinerlei Fehlertoleranz.«

wirtschaft Weil es der Wirtschaft relativ gut ging, habe sich niemand darum gekümmert, etwas in den entsprechenden Bereichen zu tun. »Dabei zahlen 20 Prozent der Bevölkerung 92 Prozent der Einkommensteuer. Wir lassen einfach nicht genug Menschen an unserer Maschine teilhaben.« Die Diskrepanz zwischen Reich und Arm werde sich durch die Krise noch verschärfen.

Es sei extrem schwierig, den langfristigen Trend eines Landes zu ändern, erläutert Ben-David. Diesem wirtschaftlichen Gesetz unterliege Israel wie jede andere Nation. Man müsse dafür die nationalen Prioritäten anpassen und die Infrastruktur in Sachen Bildung, Gesundheit, Verkehr und Ähnlichem verbessern. »Die Corona-Pandemie ist eine riesengroße Krise. Vielleicht rüttelt sie ja genug Leute hierzulande auf, damit sich wirklich etwas ändert.«

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