Magen David Adom

Mit Blaulicht und Sirene

Freiwilliger Rettungshelfer: Lukas Dreifuss (rechts) beim Abtransport eines Verletzten. Foto: gettyimages

»Kadima, Autounfall, krallt euch das Rückenbrett und die Erste‐Hilfe‐Tasche! Schnell!«, ruft der Fahrer. Meine kanadische Kollegin Neta und ich greifen nach der Ausrüstung. Wir befinden uns in einem arabischen Viertel in Ostjerusalem. Ein sichernder Blick aus der geöffneten Tür und schon bahnen wir uns laufend einen Weg durch die Schar der Schaulustigen. Eine Frau um die dreißig liegt benommen über dem Steuerrad ihres Autos. Rücksichtslose Autofahrer brausen an uns vorbei, während wir die Verletzte aus dem Auto zerren, aufs Rückenbrett schnallen und in den Rettungswagen tragen. Mit Blaulicht und Sirene rasen wir durch die Straßen Jerusalems. Währenddessen misst Neta Blutdruck und Puls der Patientin. In der Notaufnahme kümmern sich die Ärzte weiter um die Verletzte. Und wir werden zum nächsten Notfall beordert.

hilfsprogramm Es ist der zweite Tag meines Freiwilligeneinsatzes in einem Krankenwagen des Magen David Adom (MDA) in Jerusalem. Im Rahmen des MDA Overseas Program bietet der Rote Davidstern seit 2001 in Zusammenarbeit mit Israel Experience dieseMöglichkeit an, das speziell für junge Erwachsene aus dem Ausland konzipiert ist. Einem zehntägigen Intensivkurs folgt der mindestens einmonatige Einsatz als Ersthelfer und Mitglied eines Ambulanzwagens. Magen David Adom ist in Israel offiziell für Krankentransport‐, Notfallrettungs‐ und Blutspendedienste zuständig. 1930 gegründet, hat er heute neben den rund 1.200 Angestellten über 10.000 Freiwillige. Ich hatte mich für das MDA‐Programm angemeldet, nachdem mehrere meiner Freunde daran teilgenommen und es mir als bleibende Erfahrung fürs Lebens empfohen hatten.

In der Beit‐Yehuda‐Herberge in Jerusalem beginnt Anfang Mai der zehntägige auf Englisch geführte Intensivkurs. Rund 60 Teilnehmer aus Nordamerika und Europa besuchen täglich fast zwölf Stunden den Unterricht und üben für den Ernstfall. Die Lektionen sind sehr anspruchsvoll: Wir lernen alles von Herz‐Lungen‐Reanimation über verschiedene Arten von Verletzungen und Krankheiten bis hin zum richtigen Verhalten bei Vorfällen mit mehreren Verletzten oder sogar Toten. Einige der Teilnehmer studieren Medizin und haben Vorwissen, andere sind, wie ich, Neulinge in der Welt der Heilkunde. Nach einer guten Woche Unterricht und intensiven Übungen machen wir einen Abschlusstest. Nur wer diesen besteht, darf dann als Ersthelfer arbeiten.

Am Limit Die meisten von uns werden in MDA‐Stationen in Haifa, Tel Aviv, Herzlya und Jerusalem eingesetzt. Ich habe die israelische Hauptstadt gewählt. In der von Konflikten geprägten Metropole erhoffe ich mir spannende Einsätze. Mein erster Einsatz beginnt um 6.30 Uhr. Schichtwechsel ist angesagt, es herrscht emsiges Treiben. Die Einsatzleiterin auf der Station teilt mich zusammen mit meiner Kollegin Neta einem Ambulanzfahrer zu. Aus dem Materiallager holen wir fehlende Bandagen und Einweghandschuhe und schon kommt aus dem Lautsprecher der erste Einsatzbefehl. Bis zum Schichtende sind wir pausenlos unterwegs, fast immer über dem Tempolimit, aber mit Sirene und Blaulicht. Neta mag diesen Kick: »Auf einer Ambulanz zu sein ist ein Abenteuer, man weiß nie, was einen erwartet.«

Für mich steht die Begegnung mit fremden Kulturen und das Erwerben medizinischer Kenntnisse im Vordergrund. Im Laufe meines Einsatzes bin ich mit Leiden, Krankheiten und Armut konfrontiert, aber auch mit dankbaren Gesichtern, Gesten und Worten. Ein einziges herzliches »Toda! – Danke!« kompensiert so manches Leid, das man sieht. Immer wieder kommt es zu unerwarteten Begegnungen und Erlebnissen: Etwa als wir an einem Sonntagnachmittag zu einer 93‐jährigen Dame gerufen werden, die von starken Rückenschmerzen geplagt wird. Im Krankenwagen sitze ich neben ihr und messe routinemäßig ihren Blutdruck. Mir fällt auf, dass sie Hebräisch mit deutschem Akzent spricht. Als ich sie darauf anspreche, erzählt sie mir, dass sie ursprünglich aus Berlin kommt. Die anderen Sanitäter amüsiert, dass wir von nun an nur noch Deutsch miteinander sprechen.

Herzmassage Am Ende meines Aufenthaltes in Israel mache ich eine Erfahrung, die mir lange in Erinnerung bleiben wird. Von der Zentrale erhalten wir einen Notruf: Ein 58‐jähriger Mann habe einen Herzstillstand erlitten. Nach wenigen Minuten kommen wir am Ort des Geschehens an. Der Patient liegt leblos auf dem Boden, Flüssigkeiten sprudeln aus seinem Mund. Wir versuchen, ihn mit Herz‐Lungen‐Reanimation zu retten, ich beginne sofort mit einer Herzmassage. Nach einer dramatischen halben Stunde kann der Arzt nur noch seinen Tod feststellen. Wir haben es nicht geschafft. Immer wieder versichern wir uns gegenseitig, dass wir alles in unserer Macht Stehende versucht haben. Nach kurzer Zeit kommt die Tochter des Verstorbenen ins Zimmer gerannt. Sie beginnt hysterisch zu weinen – wir aber rasen schon zum nächsten Unfallgeschehen.

Den nächsten Tag verbringen wir vorwiegend mit Warten. Das ist ganz gut so, denn ich brauche Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Nach vier Wochen habe ich nicht nur zahlreiche Erfahrungen, Bilder und Eindrücke in meinem Gepäck, sondern auch die Fähigkeit, in Notsituationen richtig und rasch zu reagieren.

www.israelexperience.org.il/mda

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