Vermächtnis

Milch, Kampf und Honig

Eines Tages im Frühsommer 1943 kamen Vertreter der linkszionistischen Jugendbewegung »Hashomer Hatzair« (Der junge Wächter) in einen kleinen, namenlosen Kibbuz am Fuß einer Sanddüne im Süden des damaligen britischen Mandatsgebiets. Hier lebten polnischstämmige Juden unter einfachsten Bedingungen. Sie schliefen in Zelten, hielten Hühner und Kühe und stellten Honig her, was ihnen australische Soldaten der britischen Armee beigebracht hatten.

Die Hashomer‐Hatzair‐Leute brachten einen Vorschlag mit. Eine Versammlung wurde einberufen, um ihn zu diskutieren: Der Kibbuz sollte den Namen »Jad Mordechai« annehmen, zu Ehren von Mordechai Anielewicz, der im April 1943 den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto gegen die Nazis angeführt hatte und nach vier Wochen verzweifelten Widerstands im Ghetto gefallen war. »Wieso wir?«, fragten die Kibbuzniks. »Wir haben nichts getan, um diese Ehre zu verdienen.« Aber dann stimmten sie zu – nicht ahnend, dass sie fünf Jahre später die Mission des jungen jüdischen Widerstandskämpfers in ihrer eigenen Geschichte erfüllen würden.

krieg Nurit Livni hörte Schritte, dann Stimmen. Jemand beugte sich zu ihr hinunter und sagte: »Steh auf, zieh dich an. Schnell.« Es war Nacht, und eine Weile lang dachte die Achtjährige, sie befinde sich noch in einem Traum. Doch um sie herum quengelten ihre Freunde schlaftrunken, andere weinten. Kurze Zeit später marschierte eine Gruppe von etwa 100 Kindern in Begleitung ihrer Mütter zu Transportern am Eingang des Kibbuz Jad Mordechai.

Dort warteten die Väter – schweigend, mit besorgten Mienen. »Sie umarmten uns, die Frauen weinten, dann mussten wir in die Fahrzeuge steigen«, erinnert sich die heute 73‐Jährige, die im Kibbuz aufwuchs und dort heute noch lebt. Die stundenlange Fahrt, die Enge im Fahrzeug, die Angst und vor allem die Ungewissheit in den kommenden Monaten – das alles hat sie nie vergessen. Es war die Nacht zum 19. Mai 1948, und der gerade gegründete Staat Israel war in seinen ersten Krieg verwickelt: Die Ägypter griffen an und standen kurz vor Jad Mordechai, das für die Verteidigung Tel Avivs von strategischer Bedeutung war.

Im Morgengrauen begann der ungleiche Kampf: eine gut ausgerüstete ägyptische Armee gegen ein Häufchen von 110 schlecht bewaffneten Kibbuzniks und etwa 40 Soldaten der Untergrundbewegung Palmach – blutjunge Menschen ohne jede Kampferfahrung. Fünf Tage lang widerstanden sie den Angreifern, bis schließlich klar war: Sie konnten nicht gewinnen. In der Dunkelheit traten die Verteidiger von Jad Mordechai mit Verwundeten und Toten die Flucht an.

Der Kibbuz war damit zwar verloren, doch die fünf Tage Widerstand hatten ihren Sinn gehabt. In dieser Zeit hatten sich die israelischen Truppen neu formieren können, um die Ägypter schließlich zurückzudrängen. 29 Menschen aus Jad Mordechai starben dafür. »Viele waren auch verwundet«, erinnert sich Nurit Livni. Darunter ihr Vater, den sie erst viele Wochen später wieder traf und der sich von den Verletzungen sein Leben lang nicht mehr richtig erholte.

symbolik Mordechai Anielewicz reckt sich dem blauen Himmel entgegen. Sein Blick ist entschlossen, sein Körper strotzt vor Kraft, in der rechten Hand hält er eine Granate. Die riesige Skulptur, die der israelische Künstler Natan Rappaport 1951 für den Kibbuz gestaltete, erinnert in der Ausführung ein wenig an die berühmte Statue von Michelangelo in Florenz, die David kurz vor seinem Steinwurf gegen Goliath darstellt. Sie hat wenig Ähnlichkeit mit dem Äußeren des wirklichen Anielewicz.

Der Hashomer‐Hatzair‐Held war von zierlicher Gestalt und zu der Zeit, als er den Aufstand im Warschauer Ghetto anführte, von Hunger und Krankheiten ausgezehrt. »Stimmt, so sah er nicht aus, aber wichtiger ist die Symbolik«, sagt Linda Casher, eine gebürtige Amerikanerin, die seit mehr als 30 Jahren im Kibbuz lebt und die Führungen im dortigen Museum übernimmt. »Anielewicz und der Kibbuz stehen für die Fähigkeit der Juden, sich selbst zu verteidigen. In der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft«, unterstreicht sie und schaut zum südlichen Horizont, wo die Häuser von Gaza‐Stadt zu sehen sind.

museum In der Zeit um Jom Haschoa kommen besonders viele Jugendliche in den Kibbuz und besuchen das Museum, ein dreigliedriges Gebäude aus massivem Beton ohne einen einzigen rechten Winkel. Der Architekt Arie Sharon hat es 1968 entworfen. Anfangs war es lediglich zum Gedenken an die Helden von 1948 konzipiert. Auf Anregung von Abba Kovner, der selbst bei Wilna im Untergrund gegen die Nazis gekämpft und überlebt hatte, wurde die Ausstellung ergänzt.

Heute wird dort gezeigt, wie die Nazis an die Macht kamen, wie ihr System zur Vernichtung des jüdischen Volkes funktionierte, man sieht Warschau und das Ghetto im Modell, man liest über die jüdischen Untergrundbewegungen und erfährt, dass rund 250.000 Juden gegen die Nazis kämpften. Die Ausstellung ist mit wissenschaftlicher Begleitung entstanden und geht besonders nah, weil sie sich an Individuen festmacht; gezeigt werden viele persönliche Besitztümer der Helden von einst. Eine Schulklasse aus Beer Sheva, die an diesem Tag zu Besuch ist, zeigt sich dennoch wenig beeindruckt. Als die Lehrerin fragt, was die Jugendlichen am meisten interessiert hat, sind Schweigen und Achselzucken die Antwort.

büstenhalter Nurit und Linda haben Tränen in den Augen vor Lachen. Die Freundinnen erinnern sich an die Zeit, als Jad Mordechai noch streng sozialistisch war. Gearbeitet wurde für das Kollektiv, das im Gegenzug für Unterkunft, Essen, Kleidung und Erziehung der Kinder sorgte. So weit das Ideal von Hashomer Hatzair. Im Alltag ließ sich das nicht immer reibungslos umsetzen. Meist machten menschliche Schwächen einen Strich durch die Rechnung und sorgen jetzt in der Erinnerung für Heiterkeit.

»Manche bekamen einfach mehr«, sagt Linda und erzählt von Judith, die stets mehr Büstenhalter als andere Frauen zugeteilt bekam. Als sich diese beschwerten, druckste der für die Ausgabe verantwortliche Mann herum, bis er schließlich verzweifelt herausplatzte: »Dagegen ist nichts zu machen. Sie braucht sie, sie hat einfach zu viel Busen!« Linda selbst weigerte sich standhaft, die Kibbuzhosen anzuziehen. »Sie hatten Falten an den Hüften, damit sah ich noch dicker aus.«

Nurit erinnert sich an ihre Hochzeit. Das Brautkleid bekam sie genäht, fünf andere Frauen ebenfalls. Denn Hochzeiten fanden immer im Pulk statt. »Wir fuhren zum Rabbi nach Aschkelon, ließen uns registrieren, und dann ging es zurück zum Feiern.« Das Zusammengehörigkeitsgefühl im Kibbuz sei stark gewesen, sind sich die Frauen einig. Es waren schöne, aber auch schwere Zeiten, denn die zweite Generation der Kibbuzniks war streng in ihrer Überzeugung. Besonders Linda, die Amerikanerin, bekam das zu spüren. »Ich habe viel geweint.«

kapitalismus Doch wie in den meisten Kibbuzim hat auch in Jad Mordechai der sozialistische Gedanke inzwischen dem Kapitalismus Platz machen müssen. Der Kibbuz züchtet Kühe, produziert Wassermelonen, Blumen, Zitronen und anderes. Vor allem aber steht sein Name für Honig. Was die Gründer einst mit wenigen Bienenstöcken begonnen hatten, ist zum Big Business geworden. Jad Mordechai ist der größte Honigproduzent in Israel. In den Regalen der Supermärkte dominieren die Gläser mit dem Logo des Kibbuz.

Der Prozess der Großvermarktung begann in den 90er‐Jahren, erinnert sich Nurit. Die 270 Mitglieder mussten zuvor entscheiden, in welche Richtung ihre Zukunft gehen sollte. Die Mehrheit stand für den kapitalistischen Weg. Seit 2002 ist die Strauß‐Élite‐Gruppe, ein großer Nahrungsmittelher‐ steller, der Hauptanteilseigner, und der Honig kommt längst von Imkereien aus ganz Israel.

In Jad Mordechai wird er nur noch raffiniert und abgefüllt. Viele, vor allem ältere, Kibbuzmitglieder konnten sich lange nicht mit den Veränderungen abfinden. Als einmal ein hoher Firmenboss zu Besuch kam, sagte eine alte Frau zu ihm: »Jad Mordechai ist nicht nur Honig, es ist Überzeugung, Glaubwürdigkeit und Geduld.«

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