Engagement

»Mehr Mitgefühl wäre schön«

Die deutsche Jüdin Rebecca de Vries setzt sich für Flüchtlinge aus Afrika ein

von Sabine Brandes  30.10.2012 07:46 Uhr

Die Kleinsten brauchen Unterstützung am nötigsten: Rebecca de Vries hilft. Foto: privat

Die deutsche Jüdin Rebecca de Vries setzt sich für Flüchtlinge aus Afrika ein

von Sabine Brandes  30.10.2012 07:46 Uhr

Plötzlich waren sie Nachbarn. Als Rebecca de Vries vor einem Jahr in den Süden von Tel Aviv zog, konnte sie kaum glauben, was sie sah. Doch nicht die dreckigen Wege oder die ärmliche Atmosphäre schockten sie. Es waren die Menschen, die sie nicht mehr losließen. Praktisch vor ihrer Haustür hausen Hunderte von afrikanischen Flüchtlingen in Parks, schlafen auf der Straße. Für die junge Jüdin aus Osnabrück ein unerträglicher Anblick. »Es gibt Dinge, die kann man nicht hinter sich lassen. Das Schicksal dieser Männer, Frauen und Kinder gehört dazu.«

Zwar hatte sie schon von der Situation gehört, sie aber nie so deutlich gesehen. »Für Deutsche, die Israel als Krisengebiet empfinden, ist der Gedanke, als Nichtjude hierher zu flüchten, fast absurd. Doch es sind Zigtausende, die auf Sicherheit und Schutz in genau diesem Land hoffen.« Die 28-Jährige musste nicht lange überlegen. Sie beschloss, den Schock in etwas Positives umzusetzen. »Schließlich ist in meiner Familie immer vermittelt worden, dass alle Menschen gleich sind und man helfen muss.«

Engagement ist ihrer Familie eine Herzensangelegenheit. Rebeccas Eltern und Großeltern leben es ihr vor, beispielsweise besucht ihre Oma Erna de Vries drei- bis viermal pro Woche deutsche Schulen, um mit Kindern über den Holocaust zu sprechen. Sie wird stolz sein auf ihre Enkelin, die zuerst die Ärzte für Menschenrechte in Jaffa (Physicians for Human Rights) bei Verwaltungsaufgaben unterstützte und mittlerweile beim African Refugee Development Center (ARDC) ein Praktikum macht.

Ehrenamt Viermal pro Woche hilft Rebecca Flüchtlingen ohne Ausweispapiere bei der Klärung ihrer Identitäten und sorgt dafür, dass sie sich im israelischen Bürokratiedschungel nicht gänzlich verirren. Das ARDC ist 2004 von Flüchtlingen selbst gegründet worden. Es bietet unter anderem Beratungen, rechtlichen Beistand und Sprachunterricht. Die »Shelter« der Organisation versorgen jährlich 3500 Frauen und Kinder mit Unterkunft und Verpflegung.

Trotz ihrer Motivation könne die Arbeit auch belastend sein, gibt die junge Frau zu, die in Israel Politik- und Nahostwissenschaften studiert und vor zwei Jahren Alija machte. »Wir versuchen, so gut es geht, zu organisieren, dass sich die Leute zurechtfinden. Klären auf, damit sie ihre Rechte wahrnehmen können.« Oft jedoch erschwerten kulturelle Unterschiede die Arbeit, oder die Menschen seien verzweifelt und hätten große Angst, zurückgeschickt zu werden. Besonders die Drohungen des Innenministers Eli Yishai, dem härtesten Verfechter der Abschiebepolitik, sorgen für Panik. »Manchmal können wir dann gar nichts machen. Das ist sehr traurig.«

Doch es gibt auch Erfolgserlebnisse, die der 28-Jährigen ein wahrhaftes Glücksgefühl bescheren: »Es kann Berge versetzen, wenn wir mit jemandem gemeinsam zur Behörde gehen oder einen Brief auf Hebräisch mitgeben. Das zu sehen, tut wahnsinnig gut.«

Familie Auch eine persönliche Geschichte motiviert Rebecca immer wieder: »Mein Großvater erzählte mir einmal, wie eines Tages religiöse Juden aus Osteuropa vor der Tür seiner Familie gestanden hätten. Sie hatten die Mesusa gesehen und baten die Familie um eine warme Mahlzeit und Unterkunft. Ängstlich, dass diese altmodischen, ärmlichen Leute den Antisemitismus im Dorf wecken könnten, gab seine Mutter den Bittenden etwas zu essen, schickte sie dann aber fort. Mein Großvater sagte, dass er sein Leben lang an diese Leute denken musste. Jedes Mal, wenn er in Not war, Hilfe bekam oder er Hunger hatte. Die ganze Zeit im Ghetto und Lager.« Rebecca hat Gänsehaut, während sie erzählt. »Ich möchte mich niemals fragen müssen, ob ich jemanden weggeschickt habe, dem ich hätte helfen können.«

hilfe Und selbst wenn man, aus welchen Gründen auch immer, nichts tun könne, so solle man doch zeigen, wo man steht. »So viele unserer Großeltern kamen als Flüchtlinge nach Israel. Wie kann ich traurig und bedrückt sein über ihr Schicksal, wenn mich das anderer Flüchtlinge kaltlässt?«, fragt sie. »Heute haben wir selbst einen Staat und werden von anderen um Hilfe gebeten.«

Zwiegespalten ist sie nicht ob ihres Engagements für die Afrikaner. Die Frage, ob sie sich nicht lieber für Juden in Not engagieren wolle, wischt sie mit einer Handbewegung weg. Sie habe auch bereits in Suppenküchen gearbeitet, wo bettelarme Israelis verköstigt wurden. »Ich setze solche Prioritäten aber nicht, sondern schaue, wo ich gebraucht werde und am meisten bewirken kann. Im Moment ist das bei den afrikanischen Flüchtlingen, die oft nicht mehr besitzen als das, was sie am Leib tragen.«

So sehr sie helfen will, so sehr sieht sie gleichzeitig die Probleme der Bevölkerung Israels. »Die Menschen im Süden der Stadt haben wirklich ihre eigenen Sorgen, es ist schwer für sie, die Flüchtlinge aufzunehmen. Und auch die Regierung ist überfordert.« Dennoch sähe sie gern mehr Besinnung auf den Kern der jüdischen Religion in Israel. »Manchmal frage ich mich, was einen jüdischen Staat ausmacht – ihn nur mit jüdischen Menschen zu füllen oder mit jüdischen Werten? Mehr Mitgefühl wäre wirklich schön.« Auch für Rebeccas Nachbarn.

www.ardc-israel.org

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