Wirtschaft

Mega-Krise

Angestellte der Mega-Supermarktkette protestieren in Tel Aviv gegen ihre drohende Entlassung. Foto: Flash 90

Wo sind die Millionen hin? Mega, die zweitgrößte Supermarktkette Israels, droht unter einem Schuldenberg zu ersticken. Die Läden stehen derzeit mit 1,3 Milliarden Schekel (rund 310 Millionen Euro) bei ihren Gläubigern in der Kreide. Zwar genehmigte das Bezirksgericht in Lod eine Rettungsaktion in Abstimmung mit der Gewerkschaft, um zumindest einen Teil der Arbeitsplätze zu sichern, doch dass Mega langfristig wieder auf die Beine kommt, glauben die wenigsten Branchenexperten.

Die Supermarktkette ist ein merkwürdiges Konglomerat, ein Überbleibsel der sozialistischen Anfänge Israels und der Kibbuzbewegung. Die meisten Anteilseigner von Mega sind noch immer die Kibbuzim (sie halten 47 Prozent). Gleichzeitig sind sie auch Lieferanten der Märkte, wodurch sich die Situation ergibt, dass die Eigentümer gleichzeitig die Gläubiger sind.

Der Sanierungsplan, der dem Gericht präsentiert wurde, versucht zu erklären, was geschehen ist: »Zu viele Supermärkte sind in den vergangenen Jahren auf den israelischen Markt geströmt, die Israelis jedoch haben sich beim Konsumieren eher zurückgehalten«, heißt es. Offenbar spielt aber vor allem jahrelanges Mismanagement die größte Rolle im Drama um Mega. Das Wirtschaftsmagazin Globes berichtet, dass die Kette seit Jahren immer mehr rote Zahlen schrieb, doch wenig getan wurde, um sie aus der Krise zu holen.

Banken Mega verfügt über 213 Geschäfte im ganzen Land und hält 51 Prozent an Eden-Teva Market, der Bio-Supermarktkette mit 21 Zweigstellen. 6000 Israelis sind in den Läden beschäftigt, weitere 5000 arbeiten für andere Firmen, die durch eine Schließung unmittelbar bedroht wären. Um die Jobs zu schützen, stimmte das Gericht einer Verschlankungsaktion zu, bei der vorerst 35 Standorte geschlossen werden. 1600 Frauen und Männer haben bereits ihre Entlassungspapiere erhalten.

Als die Lieferanten vor Gericht zogen, verlangten sie Antworten, warum sie auf ihr Geld – fast 200 Millionen Euro – warten müssen, während Megas Muttergesellschaft, Alon Blue Square, in den vergangenen Jahren Profite in doppelter Höhe scheffelte. Die Aktie des börsennotierten Unternehmens verlor allein 2015 mehr als die Hälfte (51 Prozent) ihres Wertes. Die restlichen 110 Millionen Euro schuldet Mega verschiedenen Banken in Israel.

Fast alles sei durch fehlerhafte Investitionen verschwendet worden, glauben Kenner der Szene. David Wiessman, der langjährige Vorsitzende von Alon Blue Square, hatte einst große Pläne. Er wollte mit seinen Erweiterungen ein israelisches Einzelhandelsimperium aufbauen und kaufte eine Kette nach der anderen – etwa Bee, ein Zusammenschluss aus Haushaltswarengeschäften, oder den Kinderausstatter Baby sowie die Spätkaufkette am:pm. Außerdem bot er ein Supermarkt-Handy an, das niemand wollte, und brachte mit YOU eine Art Discounter auf den Markt. Doch der verdiente seinen Namen nicht, wie die Kunden schnell herausfanden. Denn die Preise bei YOU sind wesentlich höher als die der wirklichen Billig-Supermärkte, etwa Cofix Super oder Echad, die langsam, aber sicher den israelischen Markt erobern.

Die Übernahme von am:pm erwies sich als besonders schmerzhaft, denn die Kette, vertreten durch relativ kleine Läden in Stadtzentren, die 24 Stunden an sieben Tagen die Woche – inklusive am Schabbat – ihre Türen öffnen, brachte Mega schmerzhafte Verluste. Die ultraorthodoxen Konsumenten waren erzürnt und begannen, Mega mit einem Boykott abzustrafen. Wiessman wurde mittlerweile durch Avigor Kaplan ersetzt, der krampfhaft versucht, den Supermarkt zu retten.

Patriarch Doch hinter den Kulissen hat ein ganz anderer das Sagen: Schraga Biran, 83-jähriger Schoa-Überlebender, geboren in Polen. Biran hält mit 51 Prozent von Alon Blue Square die Kontrolle in seinen Händen, äußerte sich jedoch nicht ein einziges Mal zur Krise. Dabei sagt er von sich selbst, er sei Sozialist. 2008 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel Opportunismus: Wie man die Welt verändert. Das Werk ruft zu einer gerechten Verteilung von Vermögen auf. Auch macht Biran gern auf die tiefer werdenden sozialen Gräben in der israelischen Gesellschaft aufmerksam. »Die Vergrößerung der sozialen Unterschiede ist ein Zeichen des Versagens. Besonders, da der Reichtum in der Welt dramatisch steigt«, sagte er vor einer Weile in einem Interview.

Dennoch hält er es nicht für nötig, sich die Sorgen der Menschen anzuhören, die Angst um ihren Job haben. Als verärgerte Angestellte seiner Supermarktkette mit Megafonen und Plakaten vor seinem Haus im schicken Beit-Hakerem-Viertel von Jerusalem an seiner Tür klingelten, machte er nicht auf. Selbst bei den Besprechungen über die Rettung der Kette lässt er sich nicht blicken. Nur einmal erschien er vor Gericht, weil er vorgeladen wurde. Was Biran sagte, ist nicht bekannt, die Verhandlung fand hinter geschlossenen Türen statt.

Sein eigenes Vermögen hat Biran, der auch Seniorchef einer großen Anwaltskanzlei ist, mit Grundstücksgeschäften gemacht. Als die Kibbuzim und Moschawim nach dem Ende ihres sozialistischen Experiments ihre Ländereien, ganz im kapitalistischen Sinne, für den Verkauf umstrukturierten, beriet sie Biran. Und machte viele Millionen, heißt es. Sein Privatvermögen wird auf fast 300 Millionen Euro geschätzt.

Allerdings halten ihm Insider zugute, dass er sich während der Krisenjahre bei Mega nur relativ geringe Dividenden von Alon Blue Square auszahlen ließ. Das meiste Geld verblieb im Unternehmen und wurde in andere Geschäfte investiert – mit dem Ergebnis, dass Mega nun in einer Mega-Krise steckt.

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