Gesundheitssystem

Mediziner am Tropf

Leere Behandlungsplätze: Bereits im vergangenen Oktober hatten Tausende Jungmediziner aus Protest die Krankenhäuser verlassen. Foto: Flash 90

Es ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Auch die meisten israelischen Mediziner machen ihren Job aus reinem Idealismus. Die wenigsten werden reich vom Ärztedasein. Stattdessen werden immer mehr von ihnen krank. Denn 26 Stunden und mehr kümmern sich Israels Ärzte Schicht um Schicht in den Kliniken des Landes um Kranke und Verletzte. Doch nun haben sie genug. In der vergangenen Woche reichten 200 Ärztinnen und Ärzte in der Ausbildung kurzerhand ihre Kündigungsschreiben ein.

Im Hintergrund schwelt seit Jahren ein Streit mit dem Gesundheitsministerium um die überzogenen Arbeitszeiten. Immer wieder kam es zu Kundgebungen. Dabei unterstützt Minister Nitzan Horowitz die Demonstranten und gibt dem Finanzministerium die Schuld: »Wir wollen die Verkürzung der Schichten, und das Geld dafür ist da.«

Die wenigsten werden reich
vom Ärztedasein. Stattdessen
werden immer mehr krank.

Bereits im vergangenen Oktober hatten Tausende Jungmediziner aus Protest gegen die ihrer Meinung nach »unmenschlichen Bedingungen« gekündigt. Die Regierung schlug daraufhin vor, die Schichten in zehn Krankenhäusern ab 1. April auf 16 bis 18 Stunden zu verkürzen. Umgesetzt wurde der Plan nicht. Eigentlich war die Arbeitszeit bereits 2012 auf zwei Schichten pro Woche begrenzt worden. Doch daran halten sich die wenigsten Krankenhäuser.

ARBEITSLAST »Ich habe einen Eid geschworen, dass ich alles tun werde, um Leben zu retten, aber bei dieser Arbeitslast ist mein eigenes Leben in Gefahr«, beklagt sich Yuval, der als junger Arzt in der Notaufnahme eines großen Krankenhauses im Zentrum des Landes arbeitet. »Die extrem langen Schichten sind das Hauptproblem, doch nicht das einzige. Es gibt viel zu wenige Ärzte, wir hetzen von einem Patienten zum nächsten, ohne Zeit zu haben, uns wirklich zu kümmern. Außerdem sind wir immer öfter der Gewalt von Patienten oder Angehörigen ausgesetzt, die so lange auf ihre Behandlung warten müssen.«

Seinen vollen Namen möchte Yuval aus Angst vor Repressalien nicht nennen. »Nach dem, was in Haifa passiert ist, fühlen wir uns nicht nur ausgenutzt, sondern auch völlig alleingelassen.« Im dortigen Rambam Medical Center reichten 25 Jungmediziner aus Protest ihre Kündigung ein. Direktor Michael Halberthal aber zeigte wenig Verständnis und gab ihnen zwei Tage, ihr Ultimatum zurückzuziehen – oder er würde sie persönlich feuern.

Halberthal erläuterte diesbezüglich, dass die Umsetzung eines Rahmenwerkes zur Reduzierung der Schichtzeiten, das im nächsten Jahr umgesetzt werden solle, einige Zeit benötige. Elf Frauen und Männer zogen Medienberichten zufolge daraufhin ihre Briefe zurück. Vor der Klinik versammelten sich etwa 250 Leute, um Solidarität mit den gestressten Ärzten zu zeigen.

VERFAHRENSPROBLEME Der ursprüngliche Plan der Regierung, die Schichten bis zum April zu verkürzen, wurde im vergangenen Monat auf September 2023 verschoben. Es gebe »Verfahrensprobleme wegen der bevorstehenden Wahlen«, heißt es. Zu spät für viele, sagt die Organisation Mirsham, die Ärzte im Praktikum und junge Mediziner in Israel vertritt. Sie gab an, dass nach den 200 Kündigungsschreiben der vergangenen Wochen viele weitere kommen würden, wenn die Krise nicht gelöst werde.

Wirtschaftsministerin Orna Barbivai sei auch auf der Seite der Ärzte, versicherte sie. Doch sie habe keine andere Wahl, als die Reform erst nach den Wahlen umzusetzen. Denn laut Generalstaatsanwaltschaft erfordere dies eine landesweite Genehmigung von mehr Arztstellen, was wiederum Änderungen der Vorschriften voraussetze, die von einer Übergangsregierung nicht vorgenommen werden könnten.

Für eine Erleichterung müssten Hunderte zusätzliche Stellen in den Krankenhäusern geschaffen werden.

Der Chef des Shaare-Zedek-Krankenhauses in Jerusalem machte in einem Radiointerview zudem klar: »Alle sind sich einig, dass die Schichten verkürzt werden sollen und ein 26-Stunden-Arbeitstag völlig inakzeptabel ist.« Allerdings müssten für eine Erleichterung Hunderte zusätzliche Stellen in den Krankenhäusern geschaffen werden. »Das kostet Zeit. Es ist unmöglich, die Schichten so schnell zu verkürzen, wie es die jungen Kolleginnen und Kollegen fordern.«

Eine erste Maßnahme im Sinne der Ausbildung von mehr Medizinern stellt nun die jüngste Entscheidung des Zentrums für Hochschulbildung dar. Zusammen mit den Gesundheits- und Finanzministerien stimmte die Einrichtung zu, keine ausländischen Bewerber für das Fach Medizin mehr an israelischen Institutionen anzunehmen. »Viele Israelis gehen für ihre Ausbildung nach Europa, weil sie nicht in israelische Programme aufgenommen werden«, so die Begründung.

ENTSCHEIDUNG Die Abschlussklasse von 2026 wird die letzte für ausländische Medizinstudenten in Israel sein. Seit 1977 bildete die Universität Tel Aviv (TAU) rund 2300 ausländische Ärzte aus, die Ben-Gurion-Universität hatte 30 Jahre lang ein internationales Programm, das Technion 20 Jahre. »Mit tiefstem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass die israelische Regierung alle ausländischen Medizinprogramme angewiesen hat, keine neuen Studenten mehr aufzunehmen«, heißt es in einem Brief, den die TAU verschickte. »Diese politische Entscheidung wurde getroffen, um die Verfügbarkeit an medizinischen Fakultäten für die hebräischen Programme zu erhöhen, damit israelische Studenten für ein Medizinstudium nicht ins Ausland gehen müssen. Wir hatten keine Wahl.«

Doch auch das schaffe nicht rechtzeitig Abhilfe, pocht die Ärztevertretung Mirsham auf die sofortige Reduzierung der Arbeitszeiten. Sie argumentiert, es sei vollkommen unmöglich, sich über einen so langen Zeitraum ohne Pause zu konzentrieren, womit sowohl das medizinische Personal als auch die Patienten gefährdet seien.

Die Probleme bezeichnet Yuval, der Arzt aus der Notaufnahme, als »bösartiges Geschwür im System«. Keine Regierung der vergangenen Jahrzehnte habe sich grundsätzlich gekümmert. »Das gesamte medizinische System unseres Landes aber steht vor dem Kollaps, und wir Mediziner hängen am Tropf.« Vor einigen Wochen, erzählt er, sei eine Kollegin aus Erschöpfung zusammengebrochen und musste tatsächlich mit einer Infusion notversorgt werden. Nach Hause gehen konnte sie nicht. »Als es ihr ein paar Stunden später besser ging, zog sie gleich den Kittel wieder über und hastete zum nächsten Patienten.«

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