Jerusalem

Maulkorb für Kritiker?

Regierungskritische Kommentatoren fürchten, dass Medien zum Schweigen gebracht werden sollen. Foto: Fotolia

Es war dringend. Am Sonntag ga-ben sich Top-Journalisten des Landes in einem spontan einberufenen Treffen in der Tel Aviver Cinematheque ein Stelldichein. Auf der Agenda stand nichts Geringeres als die Pressefreiheit im eigenen Land. »Eine extreme Regierung macht Andersdenkende mundtot«, resümierte Yair Lapid, Star-Anchor in Kanal zwei.

Eine Reihe neuer Gesetzesentwürfe der rechtsgerichteten Koalition würden demokratische Grundrechte aushebeln, meinen nicht mehr nur Journalisten. Das Klima für systemkritische Medienvertreter und Organisationen im Land wird zusehends rauer. Doch auch die warnenden Stimmen werden lauter.

Es ist schon lange kein schleichender Prozess mehr. Derzeit scheint der Wunsch, Kritikern die Rote Karte zu zeigen, in den Fluren der Knesset zu grassieren. An der Spitze verschiedener Initiativen steht Außenminister Avigdor Lieberman, dessen rechtspopulistische Partei »Unser Haus Israel« mit immer neuen Ideen aufwartet. Kaum ein Tag in den vergangenen Wochen, an dem nicht in den hiesigen Medien von einem Gesetzesvorschlag berichtet wurde, der darauf ausgerichtet ist, die freie Meinungsäußerung zu limitieren.

Finanzen Einer der umstrittensten Vorstöße ist der zum Beschneiden der finanziellen Unterstützung linker Nichtregierungsorganisationen (NGO) in Israel. Die NGOs dürften demzufolge lediglich Finanzspritzen in Höhe von 4.000 Euro jährlich erhalten, sonst sei eine »politische Einflussnahme ausländischer Regierungen gegeben«. Viele der Menschenrechtsinitiativen werden aus den Fonds der EU oder USA unterstützt. Der Entwurf wurde vor allem deswegen kritisiert, weil er ausschließlich linke Organisationen ins Visier nimmt, rechte wie »Im Tirzu« indes schalten und walten lässt.

Der EU-Botschafter Andrew Stanley warnte öffentlich, dass ein derartiges Gesetz Israels Ansehen im Westen als demokratischer Staat ernsthaft beschädigen könnte. Auch die USA haben offenbar Druck auf Jerusalem gemacht, dass dieses zurückgezogen wird. Vertreter der deutschen politischen Stiftungen in Israel drückten ihre Sorge über die geplante Neuerung in einem offenen Brief an israelische Parlamentarier aus.

Benennung Ein weiterer Entwurf hätte die Gewaltenteilung der ausführenden und Recht sprechenden Kräfte – Basis einer jeden modernen Demokratie – praktisch ausgehebelt. Künftige Vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofes in Israel hätten vor ihrer Benennung vor ein Komitee der Knesset treten müssen, um dort ihre Bestätigung zu erhalten.

Offenbar rudert Regierungschef Benjamin Netanjahu nun in beiden Fällen zurück. Quellen in der Knesset berichten, er habe den parlamentarischen Prozess, der für die Ratifizierung des NGO-Gesetzes notwendig ist, auf unbestimmte Zeit eingefroren, obwohl das ministeriale Komitee bereits zugestimmt hatte.

In Sachen Oberster Gerichtshof gab sich Netanjahu als Verteidiger der Demokratie. »Solange ich der Chef der Regierung bin, wird es ein solches Gesetz nicht geben«, erklärte er. »Israel wird eine exemplarische und standhafte Demokratie bleiben. Niemand diktiert, was gedacht, geschrieben, untersucht oder gesendet werden darf.« Klare Worte – doch ein bitterer Geschmack im Mund bleibt bei vielen haften.

Nicht zuletzt wegen des Vorschlages für ein schärferes Gesetz über Verleumdung. Dem ist Dienstag früh in der ersten Lesung der Weg geebnet worden. Zukünftig soll derjenige, der sich diffamiert fühlt, nicht mehr nur 10.000 Euro, sondern bis zu 60.000 Euro Schadensersatz erhalten. Brisant daran: Sollte das Gesetz durchkommen, muss nicht einmal mehr bewiesen werden, dass jemand durch die Berichterstattung einen Schaden erlitten hat. Kritische Kommentatoren meinen, die Medien sollen so zum Schweigen gebracht werden.

Initiativen Auch die Opposition hat etwas gegen die Initiativen. Kadima-Chefin Zipi Livni machte klar, sie erwarte, dass alle Parteimitglieder gegen die Gesetze stimmen. »Es sind Versuche, Einrichtungen zu schädigen, die dazu da sind, die Regierung zu überwachen und zu kontrollieren.«

Zeitgleich folgte die Schließung der Radiostation Kol Haschalom, einem israelisch-palästinensischen Projekt in Ostjerusalem. Polizei und Kommunikationsministerium gaben an, es handele sich um einen Piratensender, der illegal betrieben werde. Allerdings sendet Kol Haschalom seit sieben Jahren und beruft sich auf die Lizenz der palästinensischen Behörde. Auch Kanal zehn droht das Aus. Dem Fernsehsender mit einer Reihe von kritischen Programmen soll der Saft abgedreht werden, weil er angeblich Schulden nicht beglichen habe.

Nur kurz darauf verlor Keren Neubach ihre Position als Sprecherin des Programms »Ein zweiter Blick«. Neubach, die die Sendung in Kanal eins drei Jahre lang moderiert hatte, gilt als eine der schärfsten Kritikerinnen der Netanjahu-Regierung. Viele sehen ihre Entlassung als politisch motiviert. Immer häufiger werden nun Zweifel an den gehäuften »Zufällen« laut.

»Der Zusammenhang zwischen den Angriffen auf das Rechtssystem und die Presse bereitet mir wirklich Bauchschmerzen«, meinte Ilana Dayan, eine der bekanntesten investigativen Journalistinnen auf der Tel Aviver Konferenz. »Jemand hier hat offensichtlich Angst vor einer hartnäckigen Presse und einem kritischen Gerichtshof.«

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026

Terror

Augenzeuge der Flydubai-Attacke: »Im Cockpit war niemand«

Die Minuten nach der Gewalttat sind dramatisch: ein leeres Cockpit, ein schwer verletzter Pilot, improvisierte Fesseln, geschockte weitere Piloten unter den Passagieren. Ein Augenzeuge berichtet

 06.10.2026

Natur

Die Kraniche sind da!

Im Hula-Tal hat der alljährliche Herbstzug begonnen – Millionen weiterer Zugvögel werden in den kommenden Wochen erwartet

von Sabine Brandes  06.10.2026

Israel

Netanjahu: »Es wird keine Hamas-Herrschaft geben«

Bei dem Gedenken der Opfer des Hamas-Massakers vor drei Jahren droht der Ministerpräsident den an dem Überfall beteiligten Terroristen

 05.10.2026

Terroranschlag

Rückholflüge aus den Emiraten haben begonnen

Aktion beginnt nach der Beilegung eines Streits über Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen von Dubai

von Sabine Brandes  05.10.2026