Gaza-Krise

Lockere Lebensart, ade!

Raketenalarm: Ein alter Mann sucht am Straßenrand notdürftig Schutz hinter einem Auto. Foto: dpa

Die Bunker sind groß genug für alle. Bei der Übung in den Schutzräumen der Tel Aviver Oberschule Kfar Hajarok kichern die Kinder noch, machen Späße. Landesweit trainieren die Schulen in diesen Tagen den Notfall. Eine Stunde später dann wird aus dem Spiel bitterer Ernst. »Alarmstufe Rot! Begebt euch sofort in die Sicherheitsräume!«, tönt es aus den Megafonen über das Schulgelände. Die Sirene heult über den Köpfen der Mädchen und Jungs, als sie über den Rasen rennen. Am Wochenbeginn fliegen die Raketen aus dem Gazastreifen noch immer gen Tel Aviv.

Obwohl die tödliche Bedrohung der palästinensischen Terroristen in diesen Augenblicken näher als nah erscheint, bleibt den Menschen im Zentrum verhältnismäßig viel Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen – ganze anderthalb Minuten. »Das ist viel«, beruhigt Lehrerin Ruthie Cohen ihre Schüler und erinnert daran, dass die Gemeinden in unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen oft nicht mehr als 15 Sekunden haben, um Schutz vor den Raketen zu finden. Zudem verfügen dort viele noch immer nicht über angemessene Bunker.

Montag früh hat es den Anschein, als beruhige sich die Lage langsam. Statt der mehr als 200 Raketen, die am Wochenende auf Israel abgefeuert wurden, waren es am Sonntag 75. Seit Beginn der Offensive »Säule der Verteidigung« flogen insgesamt 540 Geschosse aus Gaza auf den jüdischen Staat. Doch noch ist kein Waffenstillstand in Sicht.

Ohrenbetäubend Im Kfar Hajarok geht die Klasse 7g geschlossen zurück ins Klassenzimmer, der Musikunterricht beginnt. Die Stimmung ist gedämpft, niemand reißt jetzt mehr Witze. Still packen die Kinder ihre Instrumente aus, angespannte Mienen bei den Zwölfjährigen. Die Hände zittern, während sie die Geigen stimmen. »Ich habe Angst«, sagt Dana. »Ich weiß zwar, dass der nächste Bunker nur eine Minute zu Fuß entfernt ist, doch was ist, wenn jemand hinfällt oder wir die Sirene nicht hören, wenn wir spielen? Werden wir dann getötet?« Cohen nimmt das Mädchen in den Arm. »Die Sirene ist nicht zu überhören, mein Schatz. Sie übertönt jedes andere Geräusch.«

Tatsächlich ist die Sirene allgegenwärtig, wenn sie loskreischt. Nichts anderes zählt mehr, wenn das ohrenbetäubende Geräusch durch die Straßen schrillt. Ob am Strand der Großstadt, im Café auf den hippen Boulevards Rothschild und Ben Gurion, auf dem Flohmarkt von Jaffa oder dem Carmelmarkt. Jeder Sirenenton versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Hektisch rennen sie in Gebäude, werfen sich unter Marktstände, verkriechen sich hinter Hecken und Büschen.

Überall in der Stadt reißt der Bombenalarm die Bewohner aus ihrer gewohnten Routine. Es sind Fajr-5-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 75 Kilometern, die extremistische Palästinenser auf die Stadt abfeuern. Am Sonntag verlegte die israelische Armee eine Einheit des mobilen Abwehrsystems »Eiserne Kuppel« vor die Tore der Metropole, um die Geschosse abzufangen. Offenbar mit Erfolg. Bis jetzt ist kein direkter Einschlag in Tel Aviv vermeldet worden.

Pragmatismus Doch auch, wenn sie keinen offensichtlichen Schaden anrichten, treffen die Raketen mitten ins Herz der Stadt. Bars und Restaurants verzeichnen einen erheblichen Rückgang der Gäste. Touristen bleiben weg. Die Städter bewegen sich anders, vorsichtiger, um im Notfall einen Schutzraum erreichen zu können. Überall sind sie jetzt geöffnet, Schilder mit der Aufschrift »Miklad Ziburi« (öffentlicher Bunker) weisen den Weg. Die Unbeschwertheit, die Tel Aviv für viele Menschen so attraktiv macht, scheint von den Raketen – zumindest vorübergehend – weggebombt.

Eigentlich klemmt sich David Tsahar in den Wintermonaten jeden Morgen um sechs Uhr sein Surfbrett unter den Arm. Der Mann aus dem südlichen Stadtteil Newe Zedek ist seit Jahrzehnten begeisterter Surfer. Jetzt bleibt er zu Hause. »Ich will mein Leben genießen, deshalb lebe ich in Tel Aviv«, sagt er. »Diese Angst passt nicht zu der Stadt, die ich kenne und liebe. Solange hier die Raketen fliegen, gehe ich nicht raus. Ich will nicht sehen, wie alles in Panik versinkt.«

Trotz aller Sorge gewinnt der Pragmatismus, der für Israel so typisch ist, oft bereits beim Verlassen des Sicherheitsraumes wieder die Überhand: »So ist das Leben hier eben«, meint Noemi Biton, die trotz des Krieges ihrer gewohnten Tätigkeit im Büro nachgeht. »Wir hier in Israel werden noch mit vielen gefährlichen Situationen konfrontiert. Diese ist nur eine davon. Und auch die werden wir überstehen.«

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