Budgets

Loch in der Haushaltskasse

Rachel Rub: »Es geht nicht um ein Luxusleben, wir brauchen keine neuen Autos, keine tollen Reisen.« Foto: Sabine Brandes

Von oben dringt nur manchmal ein keuchendes Hüsteln die Treppe hinunter. Sonst ist alles ruhig. Endlich, um neun Uhr abends. Rachel Rub lässt sich auf das Sofa fallen. Dunkelrot, secondhand, für 600 Schekel. Mehr war nicht drin.

Die Rubs sind eine typische junge Familie in Israel, aus der Hauptstadt in die Peripherie gezogen, gut ausgebildet mit zwei Jobs und zwei Kindern. Sie verdienten eigentlich gar nicht schlecht, sagt Rachel. Doch jeden Schekel müssten sie zweimal umdrehen. Oder dreimal. »Und wenn wir das getan haben, betteln wir unsere Eltern an. Ständig.«

Familie Rub besteht aus Sozialarbeiter Ben, Jurastudentin Rachel, dem dreijährigen Yahel und Baby Yonathan (1). Derzeit ist die 29‐jährige alleinerziehende Mutter wider Willen. Ben ist einen ganzen Monat lang beim Miluim, dem Reservedienst der Armee. Irgendwo im Land. Noch nicht einmal an den Wochenenden darf er nach Hause. »Mitten im Sommer, wo die Kindergärten Pause machen, ist das alles andere als lustig«, beklagt Rachel. Nun ist auch noch Yahel krank geworden, ihre Mutter Pnina musste am Abend – nach einem langen Arbeitstag – von Jerusalem aus hier‐
herkommen.

Vollzeitjob Hier, das ist Karkur, ein kleines Städtchen ungefähr auf halber Höhe zwischen Haifa und Tel Aviv. Bis vor einem Jahr lebten die Rubs in Jerusalem. Ein »super Jobangebot«, wie Rachel beschreibt, verschlug sie her. Ben fand eine Stelle als Sozialarbeiter im Haifaer Sicherheitsmi‐nisterium, für die er monatlich 9.000 Schekel netto nach Hause bringt, umgerechnet 1.800 Euro.

Davor verdiente er bei der Stadtverwaltung der Hauptstadt genau die Hälfte – für einen Vollzeitjob. Seine Frau studiert an der Tel Aviv Universität Jura und arbeitet nebenbei in einer Anwaltskanzlei. Ihr Gehalt: 700 Euro. Sie entschieden sich, ihre Zelte in der Mitte aufzuschlagen, der Bahnanbindung wegen. Beide fahren täglich etwa anderthalb Stunden mit Zug und Bus.

Es sei hierzulande selbstverständlich, so Rachel, dass eine Frau mehrere Kinder bekommt, gleichzeitig eine steile Karriere macht und voll mit für den Unterhalt der gesamten Familie sorgt. »Oft ist das ein unerträglicher Druck.«

Kinder »Ich bin diejenige, die unsere Kinder aus der Krippe abholt, muss also bis spätestens 16 Uhr wieder zu Hause sein«, erklärt sie. Kurioserweise gibt es die Einrichtung »Misrad Ha’Em«, die für arbeitende Mütter – in Israel der Großteil der Frauen – eine Arbeitszeit von 9 bis 17 Uhr festschreibt. »Doch so lange hat gar kein Kindergarten geöffnet. Diese Regelung ist ein schlechter Witz!«

Auf die Frage, ob ihr Einkommen komplett für die Kinderbetreuung draufgehe, lacht sie kurz auf und erläutert dann, dass die Krippenplätze für beide Kinder 1.000 Euro im Monat ausmachen. Dazu die Miete von 800 – und Bens Gehalt ist weg. »Es gibt keine Alternative. Würde ich nicht arbeiten, sondern nur studieren, hätten wir keinen Schekel für den Supermarkt oder den Babysitter, wenn wir uns einmal verspäten.« Dabei hat sich Rachel nicht für das Studium entschieden, weil sie sich selbst verwirklichen will.

Das tat sie bereits während ihres Psychologiestudiums (mit Abschluss). »Damit verdient man aber so gut wie nichts«, weiß sie. »Es war ein gänzlich rationaler Entschluss, wieder an die Uni zu gehen, weil Anwälte angeblich recht gut verdienen.« Die Studiengebühren von mehr als 20.000 Euro insgesamt übernehmen übrigens ihre Eltern.

Und nicht nur das. »Wir fragen sie ständig nach Geld. Dann geben sie uns etwas, und wir müssen sagen, es reicht leider nicht. Das ist wirklich die Hölle für mich.« Mutter Pnina Schur findet es deprimierend, dass die junge Generation in Israel heute gar nicht die Möglichkeit habe, selbstständig zu werden. »Sie hängen im‐
mer an ihren Eltern, weil alles hier viel zu teuer ist, als dass sie es allein bezahlen könnten.« Tatsächlich ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass Kinder bis zum 25., manchmal 30. Lebensjahr noch zu Hause wohnen – weil sie sich trotz Arbeit keine eigene Wohnung leisten können.

Protest Bei der Demonstration in Jerusalem ist Pnina, selbst Mutter von vier Kindern, mitgelaufen. Dort sah sie ein Schild, auf dem geschrieben stand: Großeltern sind keine Bank. »Das ist so wahr«, meint sie. »Aber es ist eine Anklage gegen den Staat, nicht gegen die jungen Leute.«

Die Rubs sind sich bewusst, dass sie sich einschränken müssen, mindestens solange Rachel ihr Studium nicht beendet hat. »Und das ist okay«, macht sie klar. Seit Jahren würden ihre Ferien aus ein paar Tagen im Zelt bestehen, Möbel und Klamotten gibt es secondhand. »Es geht nicht um ein Luxusleben, wir brauchen keine neuen Autos, keine tollen Reisen.

Alles, was wir wollen, ist ein Ende der ständigen Sorgen. Und vielleicht eines Tages ein eigenes Häuschen.« Momentan jedoch scheint dieser Traum noch in weiter Ferne. Rachel und Ben waren in der Armee, tun alles für ihr Land. »Es ist Zeit, dass der Staat etwas für uns tut.«

Um das zu erreichen, haben sich die Rubs den Protesten zur sozialen Gerechtigkeit angeschlossen. Jeden Sonntag organisiert Rachel die sogenannten Kinderwagen‐Demos in ihrer Stadt. Beim ersten Mal waren es 50, dann 250, und sie hofft, dass es kommende Woche 500 Menschen werden, die ihren Widerstand offen zeigen.

Gefordert werden vor allem bessere Konditionen für arbeitende Mütter und geringere Krippenkosten. »Damit wir alle endlich das tun können, was wir verdienen: Ein Leben in Würde leben.«

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