Meinung

Lebt wohl, liebe Gingim!

Wohin sich wenden, angesichts absoluter Grausamkeit? Wie ist Trost überhaupt möglich, wenn Menschen das Leid und den Tod anderer Menschen öffentlich zur Schau stellen und mit unvorstellbarem Hohn für den eigenen Machterhalt missbrauchen? Wie kann man es emotional erfassen, wenn Kinder, die vielleicht fünf Jahre älter sind als der ermordete Ariel Bibas, mit Keffiyeh vermummt und mit Sturmgewehr in der Hand so tun, als sei es ein Freiheitskampf, wenn Baby Kfir und sein Bruder in ihrem Namen ermordet werden?

Welche Mütter können die panische Shiri Bibas ansehen, die ihre kleinen Kinder schützend an sich drückt, und ihr nicht zu Hilfe eilen? Wieso gibt es in einer Bevölkerung von rund zwei Millionen Menschen, die in Gaza leben sollen, niemanden, der seine Hand ausstreckt? Ich weigere mich zu glauben, dass es hier kein Mitleid gibt für hilflose Menschen - für Kinder, Verletzte und Alte. Aber wo sind die Geschichten von menschlichem Mut?

Lesen Sie auch

Am Tag der Beerdigung von Shiri, Ariel und Baby Kfir fällt die Suche nach Antworten noch schwerer als sonst. Die Trauer lähmt alle anderen Gefühle, hält sogar das logische Denken in Schach. Also klein anfangen. Sich selbst betrachten. Tief durchatmen.

Wann immer ich meine eigenen roten Haare sehe, habe ich in den vergangenen 16 Monaten an Kfir und Ariel gedacht. In totaler Panik, dass ein Baby, ein Kleinkind und die verzweifelte Mutter in den Händen von menschenverachtenden Verbrechern sind. Und dann schießt der absurde Gedanke dazwischen, dass die beiden noch nicht alt genug waren für die Sommersprossen, die die meisten Rothaarigen irgendwann bekommen. Ariel war kurz davor, so war es jedenfalls bei mir. Mit fünf oder sechs fing es auf der Nase an, bevor sie den Rest des Körpers übernahmen. Nicht diese Körper, nicht Ariel und Kfir, die kein Leben mehr vor sich haben. 

»Ariel war ein wundervolles rothaariges Kind«

Wenn man Unmenschlichkeit vergleicht, landet man unweigerlich bei den Nazis. Also gehe ich zu Viktor Frankl, dem Neurologen und Psychiater, der die Schoa in mehreren Lagern überlebt hat und später ein Buch darüber schrieb, das ihn weltberühmt gemacht hat: »Trotzdem Ja zum Leben sagen«, heißt es.

Hätten Ariel und Kfir ihre roten Haare gemocht? Hätten die anderen Kinder sie in Ruhe gelassen? In Israel ist es leichter, rothaarig zu sein als in Deutschland. Es gibt sogar ein eigenes Kosewort für uns: »gingi«. Weil jeder anders ist, ist das Anderssein normal. Ich liebe es. Die Kindergärtnerin von Ariel hat gerade davon berichtet, was für ein wundervolles, immer lachendes rothaariges Kind Ariel doch war.

Wie sollen die Angehörigen damit weiterleben, was die Menschen in Gaza ihnen angetan haben? Frankl schrieb, dass des Menschen Suche nach Sinn im Leben selbst in Zeiten von Leid und Tod Kraft geben könne. Für jeden gebe es jemanden - ein Familienmitglied, Freunde oder auch Gott - die Erwartungen hätten, die es nicht zu enttäuschen gelte. So habe der Mensch selbst im schwersten Leid Entscheidungsfreiheit. Der innere Halt liege im geistigen Selbst, in der Hoffnung auf eine Zukunft.

Orangener Tag

Dieser Tag war orange-rot, Banner, Ballons, T-Shirts, sogar die israelische Flagge waren eingefärbt. Die Menschen haben zu Tausenden am Straßenrand gestanden, als der Wagen mit dem Sarg, in dem Shiri und ihre Kinder gemeinsam gebettet wurden, vorbeifuhr. So viel Sprachlosigkeit, so viele Tränen, so viel Mitgefühl für die Familie.

Frankl schrieb in seinem Buch auch, dass es nur zwei Arten von Menschen gebe, in jeder Gesellschaft auf der ganzen Welt: anständige und unanständige.

Ich wünsche uns allen Kraft und Hoffnung, und dass es mehr anständige als unanständige Menschen gibt.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Diplomatie

Vance: US-Nahostpolitik darf nicht Israel untergeordnet sein

Der US-Vizepräsident betont strategische Partnerschaft mit Israel, pocht aber auf eine Außenpolitik, die sich an den Interessen der USA orientiert

von Sabine Brandes  16.09.2026

Tel Aviv

Israelischer Diplomat glaubt an neuen Beitritt zu Abraham-Abkommen

Israels Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten erklärt, dass in den nächsten vier bis sechs Monaten ein weiteres Land seine Beziehungen zu Israel normalisieren könnte

 16.09.2026

Gaza

Israel tötet mehrere hochrangige Hamas-Kommandeure

Israel geht gegen ranghohe Terroristen vor, darunter auch ein Mitglied des Islamischen Dschihad, das an den Massakern vom 7. Oktober beteiligt war

 16.09.2026

Sicherheit

Warnung ignoriert?

Vor dem 7. Oktober soll Mohammed bin Zayed, der Emir von Abu Dhabi, Netanjahu informiert haben

von Sabine Brandes  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

Eklat

Boykottaufrufe wegen Wonder Woman Gal Gadot

Ein Magazintitel mit der israelischen Schauspielerin sorgt in den sozialen Medien für heftige Reaktionen gegen die Modemarke Ralph Lauren

von Sabine Brandes  15.09.2026

Tel Aviv

Israelische Forscher entwickeln Bluttest zur Erkennung von Lungenkrebs

Nach Angaben der beteiligten Wissenschaftler könnte die Methode langfristig eine wesentlich günstigere Alternative zu aufwendigen genetischen Untersuchungen werden

 15.09.2026