Genuss

Kultivierter Rausch

Der Morgennebel hängt noch über den Hügeln von Galiläa, während wenige Autostunden südlich, im Negev, die ersten Sonnenstrahlen den Sandboden aufheizen. Dass hier überall Reben wachsen, wirkt fast wie ein kleines Wunder. Doch Weinstöcke gibt es heute im ganzen Land, vom grünen Norden über die judäischen Berge bis hinein in die karge heiße Wüste.

Israels Weinindustrie hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark verändert. Neben den großen Traditionskellereien, darunter Carmel, Barkan und Golan Heights, tauchen zusehends Familienbetriebe, Garagenkellereien und experimentierfreudige Winzer auf. Heute gibt es rund 750 aktive Weingüter im Land, der überwiegende Teil zählt zum Boutique-Segment.

Wein soll Ausdruck seines Herkunftsortes sein

Als »Boutique« gilt ein Betrieb mit einer Produktion von bis zu 100.000 Flaschen pro Jahr, häufig familiengeführt und mit Fokus auf Qualität, Terroir und Handarbeit statt Massenproduktion. »Terroir« beschreibt die natürlichen Bedingungen im Weinbau und wie diese den Geschmack prägen. Dazu gehören vor allem Boden, Klima und Lage. Wein soll Ausdruck seines Herkunftsortes sein. Zwei Weine aus derselben Rebsorte können völlig unterschiedlich schmecken, wenn sie in verschiedenen Regionen wachsen. Trauben aus kühlen Höhenlagen entwickeln oft mehr Säure und Frische, während Trauben aus heißen Regionen kräftiger und alkoholreicher werden. Oft beziehen Winzer auch den menschlichen Einfluss, also Anbaumethoden und Traditionen, mit ein.

Assaf Paz will genau das: »Man soll in den Weinen die Persönlichkeit des Ortes schmecken.« Der Önologe und Gründer der Vitkin-Weinkellerei in Kfar Vitkin gehört zu den prägenden Figuren der modernen lokalen Weinszene. Seine persönliche Geschichte begann vor 30 Jahren mit einem Studium der Biochemie, bei der er sich »in die Weinproduktion verliebte«. Anschließend wurde er der erste Israeli mit Abschluss an einer der führenden Önologie-Fakultäten in Bordeaux.

»Israel ist eine der Wiegen des Weinbaus. Doch über Jahrhunderte islamischer Herrschaft ging viel Wissen verloren. Mit der ersten Alija in den 1880er-Jahren flossen die Weine wieder«, erklärt er. Doch Paz beschritt bewusst andere Wege. »Viele Qualitätsweine waren sehr alkoholreich und wuchtig. Dabei haben wir Rebsorten, die viel besser an das mediterrane Klima mit Hitze, Trockenheit und starker Sonne angepasst sind.« Dazu zählen vor allem Carignan, Petite Sirah, Grenache oder Macabeo, mit denen er einen lebendigeren Stil entwickelte.

»Wir wollten Weine machen, die wirklich mit dem Ort verbunden sind, erfolgreich unter natürlichen Bedingungen und ohne übermäßige Manipulation. Das Klima ist heiß, die Menschen hier sind energetisch. Da sind Weine passender, die uns etwas runterbringen. Es brauchte mehr Frische, Energie und neue Geschmacksrichtungen. Und so wurden wir, ohne es zu planen, Teil der dritten Revolution des israelischen Weins.«

Seit 2009 besteht eine Partnerschaft mit einem Weingut in der Pfalz

Neben der Arbeit im Weinberg engagiert sich Paz auch für internationale Kooperationen. Seit 2009 besteht eine Partnerschaft mit dem deutschen Weingut Georg Mosbacher in der Pfalz, bei der Wissen ausgetauscht und gegenseitig Vertriebsmöglichkeiten geschaffen werden. »Weinleute sind offen, neugierig und wollen voneinander lernen. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, Brücken zu bauen.«

Doch im Mittelpunkt der Weinherstellung steht für ihn die Emotion: »Das Wichtigste ist, dass der Wein den Menschen Freude bringt. Wenn er das Herz berührt, habe ich mein Ziel erreicht.«

Vitkins Weine sind koscher. Der Kasch­rut-Stempel hat im Judentum eine besondere Bedeutung. Er zeigt, dass Herstellung und Verarbeitung dem jüdischen Speisegesetz entsprechen. Auch im Boutique-Segment beweisen israelische Winzer heute, dass religiöse Vorschriften und hohe önologische Ansprüche problemlos zusammenpassen.

Wer sich an Purim dem Überschwang hingibt, tut dies zunehmend mit charaktervollen Boutique-Weinen

An Purim spielt Wein eine besondere Rolle. Das Fest erinnert an die Rettung der Juden im Perserreich und ist traditionell von ausgelassener Freude geprägt. Ein talmudischer Brauch empfiehlt, beim jüdischen Karneval so viel zu trinken, »bis man nicht mehr zwischen ›Verflucht sei Haman!‹ und ›Gesegnet sei Mordechai!‹ unterscheiden kann«. Während früher oft einfacher Süßwein im Mittelpunkt stand, spiegelt sich heute auch hier der Wandel. Wer sich an Purim dem Überschwang hingibt, tut dies zunehmend mit charaktervollen Boutique-Weinen.

Trotz wachsender Beliebtheit bleibt der Konsum im internationalen Vergleich moderat. Israelis trinken durchschnittlich sieben Liter Wein pro Kopf und Jahr, deutlich weniger als die Einwohner klassischer Weinländer wie Frankreich mit 45 Litern oder Deutschland mit 27 Litern pro Kopf. Gleichzeitig steigt die Nachfrage kontinuierlich, insbesondere bei jüngeren Menschen. Restaurants spielen dabei eine große Rolle, denn ein erheblicher Teil des Weins wird außer Haus genossen.

Maayan Cohen probiert sich am Samstagabend in Tel Aviv durch die Angebote eines kleinen Weinfestivals, auf dem 20 Stände ihre Produkte vorstellen. »Ich liebe Wein«, sagt sie und stößt mit ihren Freunden an: »L’Chaim!« Früher habe sie italienische Weine getrunken, jetzt bevorzugt sie die heimischen Tropfen. »Die Qualität ist so viel besser geworden. Und ich mag, wie man das Israelisch-Sein in den Weinen schmeckt.«

Doch noch immer übersteigt die israelische Produktion den lokalen Bedarf deutlich. Etwa 50 Millionen Liter Wein mit einem Gesamtwert von rund 450 Millionen Euro werden exportiert, wobei die USA der wichtigste Absatzmarkt sind. Gleichzeitig werden auch Millionen von Litern aus internationalen Weinländern eingeführt.

Die besondere Stärke der israelischen Boutique-Winzer liegt im Experiment. Höhenlagen von über 1000 Metern auf den Golanhöhen, Kalksteinböden in den judäischen Bergen oder extreme Trockenheit in der Wüste schaffen Mikroklimata, für die es moderner Bewässerungstechnologie, Know-how und einer gewissen Pioniermentalität bedarf.

Als »Pioniere« könnte man auch die Pintos bezeichnen. Das Weingut in der kleinen Wüstenstadt Yerucham, das den Familiennamen trägt, liegt absichtlich in der kargen Negevwüste und produziert dort grüne und rote Trauben. »Das geht natürlich nur mit permanenter Bewässerung, denn wir haben 330 Sonnentage und nur 80 Millimeter Regen im Jahr.« Doch der Winzer nutzt die Kargheit zu seinem Vorteil: »Es sind die Extreme, die unsere Produkte einzigartig machen. Wir wollten hier Qualitätsweine erzeugen – gerade wegen und nicht trotz der Gegend«, erklärt David Pinto.

2019 wurde der Weinberg angelegt, heute produziert er 160.000 Flaschen im Jahr. »Die Lese erfolgt komplett von Hand. Wir bewässern das ganze Jahr über, auch im Winter, und können so den Stress der Reben steuern.« Denn etwas Stress sei sogar gut für Wein, erläutert der Experte. Das sorge für kleinere Beeren mit höherer Aromakonzentration. »Unsere hervorragenden Weißweine, die wir sehr früh ernten, haben eine lebendige Säure, die Rotweine sind opulent und schmecken nach Pfeffer und Gewürzen. Die Bedingungen verleihen unseren Weinen einen Charakter, den man sonst kaum irgendwo findet.«

Fachleute aus Europa lernen in Israel, wie man Trauben in trockenen Regionen kultiviert

Das Wissen über Bewässerung ziehe mittlerweile sogar internationale Aufmerksamkeit an. Fachleute aus Europa besuchen das Wüsten-Weingut, um zu lernen, wie man Trauben in trockenen Regionen kultiviert, in Zeiten des Klimawandels ein immer aktuelleres Problem. Den Pintos geht uns aber nicht nur um Wein, sondern auch darum, die Wüste zu begrünen und in die Peripherie zu investieren, »als Wirtschaftsmotor für die Region«.

Für Winzer Yohay Sagi und seinen Partner Eyal Wigderzon von der Kellerei Rosa in Kfar Menachem geht es vor allem um Natürlichkeit, Respekt vor dem Land und den Menschen – und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Das kleine Weingut wurde 2012 zunächst als leidenschaftliches Hobby gegründet. »Wir haben mit Weißweinen begonnen und von Anfang an viel experimentiert«, so Sagi. Heute umfasst das Sortiment Weiß-, Rot- und orange Weine, die nach dem Prinzip des möglichst geringen Eingriffs entstehen.

Besonders wichtig ist den beiden Gründern die Zusammenarbeit mit palästinensischen Traubenbauern

Alle Trauben stammen aus biologischem oder biodynamischem Anbau. Besonders wichtig ist den beiden Gründern die Zusammenarbeit mit palästinensischen Traubenbauern. Seit 2021 arbeitet Rosa mit Familienbetrieben aus der Region Bethlehem, die teilweise 50 bis 60 Jahre alte Weinberge besitzen. »Ziel dieser Kooperationen ist es nicht nur, hochwertige Trauben zu kaufen, sondern die Produzenten langfristig wirtschaftlich zu stärken.«

Dabei setzt das Weingut bewusst auf einheimische, endemische Rebsorten der Levante, darunter Marawi (auch Hamdani) und Dabouki. »Aus ihnen entstehen charaktervolle, hochwertige Weine, die die Geschichte der Region widerspiegeln«, erklärt Sagi. Hinter dem Projekt steht allerdings mehr als Genuss. »Die Partnerschaften sind unsere Möglichkeit zu zeigen, dass hier gemeinsames Arbeiten und friedliches Zusammenleben möglich sind.«

Für die Boutique-Winzer Israels schließt sich der Kreis zwischen uralter Tradition und moderner Handwerkskunst. In einem Land, das klimatisch oft als unwirtlich gilt, entstehen edle Tropfen mit Persönlichkeit, manchmal kraftvoll, manchmal überraschend fein. Die neue israelische Weinkultur liegt nicht im bloßen Trinken, sondern im bewussten Genießen. Selbst dann, wenn man an Purim ein Glas mehr hebt als sonst.

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