Wetter

Kühle Tage

Schnee in Jerusalem Foto: Flash 90

Der Sturm ist vorüber, die Kaltfront ist noch da. Seit Tagen frieren die Israelis bei für diese Gefilde ungewöhnlich eisigen Temperaturen. Im Kibbuz Merom Golan im Nordosten des Landes wurde am Wochenende mit minus 14,2 Grad die kälteste Nacht seit 35 Jahren gemessen. Auf dem Berg Hermon liegen bis zu vier Meter Schnee. Heizlüfter und dicke Jacken sind vielerorts ausverkauft.

Das Hula-Tal in Galiläa ist ganz unter einer weißen Decke verschwunden. Es schneite hier so viel wie in den vergangenen 22 Jahren nicht. Ornithologen sind beruhigt, dass sämtliche Zugvögel, die hier jedes Jahr auf dem Weg nach Afrika zu Hunderttausenden Rast machen, bereits vorbeigezogen sind. Denn auf den gefrorene Feldern würden sie kein Futter finden, das sie dringend für ihre weite Reise vom kalten Europa in die Sonne benötigen.

Minusgrade Auch in Jerusalem fielen die Flocken. Nicht so viele wie erwartet, doch für einen kleinen Schneemann hier und dort sowie ein Selfie mit weißer Pracht im Hintergrund reichte es. Das Quecksilber fiel in der Nacht bis unter den Gefrierpunkt. Im Stadtzentrum wurde ein Grad minus gemessen. Mehr Schnee bekam das Umland zu spüren. In der Binjamin-Region und in Gusch Etzion sind die Felder und einige Wege noch immer weiß gepudert.

Nicht nur die Höhenlagen bekommen in diesem Jahr richtigen Winter zu spüren. Ebenso bibbern die Menschen im Zentrum, wo die »kalte Jahreszeit« diese Bezeichnung meist nicht verdient. Gewöhnlich sitzen die Tel Aviver auch im Dezember und Januar am Strand und schlürfen kühle Getränke. Doch bei Temperaturen, die in den Nächten bis auf zwei Grad absinken, ziehen sich auch die Städter an wie Eskimos.

Klimaanlage Da die Häuser im Zentrum ungeheizt und meist auch völlig unzureichend isoliert sind, ist es drinnen ungemütlich kalt. Manchmal sogar kühler als draußen. Mangels einer Zentralheizung greifen die Israelis jeden Winter zu mobilen Heizgeräten, Lüftern und Radiatoren oder schalten ihre Klimaanlage auf Wärme.

»Die kleinen Lüfter gingen weg wie noch nie«, sagt Ran Schechter von »Machsanei Chaschmal«. Der Laden in Tel Aviv musste schon zweimal nachbestellen, doch irgendwann kam der Lieferant nicht mehr hinterher. »Jetzt haben wir schon seit drei Tagen keine Heizlüfter mehr – aber die Kunden fragen noch immer pausenlos danach.«

Auch andere wärmende Produkte finden reißenden Absatz. Allen voran Mützen und Schals. In Jerusalem und Tel Aviv baumeln sie vor den Kleidergeschäften und Marktständen in allen Farben des Regenbogens. Die Auswahl dicker Jacken, vor allem für Kinder, ist in den Läden extrem eingeschränkt, oder sie sind ganz ausverkauft.

Das Wetter ist so extrem für die sonst von mildem Klima beherrschte Region, dass die NGO »Workers’ Hotline« jetzt einen Antrag vor dem Obersten Gerichtshof stellte. Sie will erreichen, dass die Quartiere von afrikanischen Flüchtlingen geheizt werden müssen. Mehr als 2300 Menschen befinden sich in der offenen Haftanstalt im Süden des Landes, in der lediglich die Gemeinschaftsräume über Heizgeräte verfügen. Ein Abgeordneter der Partei Jesch Atid, Schimon Solomon, sagte, die Konditionen für die Menschen aus Afrika seien »schlimmer als für Terroristen mit Blut an den Händen«.

Heizlüfter Einat Tal sitzt mit einer Daunenjacke vor einem Café und hält ihre Nase dank einer kurzen Regenpause in die warmen Sonnenstrahlen. Auf dem Kopf trägt sie eine bunte Mütze im Norwegerstil, ihre Hände stecken in dicken Fäustlingen. »Ich bin vier Tage lang nicht aus dem Haus gegangen«, erzählt die Studentin, »sondern habe mit einer dicken Decke und einem Heizlüfter auf dem Sofa gesessen und Fernsehen geschaut. Bei diesen Temperaturen hat mich niemand auf die Straße gekriegt.«

So oder ähnlich haben es viele gemacht. Am Wochenende waren die Parks, Restaurants, Cafés und Bars in Tel Aviv fast menschenleer. Auf dem Hermon indes wird in den kommenden Tagen mit einem Besucheransturm gerechnet. Am Montag eröffnete Israels einziges Skigebiet, das auf einer Höhe von 1600 bis 2040 Metern liegt. Der Schnee ist meterhoch, die Bedingungen für Ski und Rodel seien hervorragend, heißt es auf der Tourismus-Website.

Ernte In den meisten Gegenden des Landes jedoch fiel der Niederschlag als Regen. Fast eine Woche lang goss es nahezu unaufhörlich. Der Januar brachte damit etwas mehr als die für diesen Monat reguläre Menge. Die gesamte Saison allerdings habe bereits das Anderthalbfache oder mehr dessen gebracht, was sonst vom Himmel tropft, weiß Amos Porat vom meteorologischen Dienst. »Im Norden sind bereits rund 150 Prozent erreicht, im Zentrum sogar doppelt so viel wie sonst.«

Der nationale Indikator für Wasserknappheit, der Pegel des Kinneret, stieg allein seit vergangenem Samstag um volle sieben Zentimeter. Außerdem liefern die von Schmelzwasser angeschwollenen Flüsse Ayalon und Alexander jede Menge Nass. Eine Dürre wird in diesem Jahr demzufolge nicht erwartet.

Stattdessen sorgen sich die Bauern, dass der Frost ihre Ernte beschädigen könnte. Kanat, eine Versicherungsanstalt hauptsächlich für Landwirte, riet ihren Mitgliedern, die Saat so gut es geht vor der Kälte zu schützen. Denn Frost könne die Pflanzen langfristig schädigen. Vor allem Zitrusfrüchte sind bei den extremen Temperaturen in Gefahr.

Allein am Wochenende gingen nach Angaben von Kanat bereits mehr als 100 Schadensmeldungen wegen Kälte ein. In den vergangenen zehn Jahren seien allein wegen Frostschäden 100 Millionen Euro an Kompensation bezahlt worden.

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