Catering

Koscher über den Wolken

Der Sicherheitsbeamte am Frankfurter Flughafen war in höchstem Maße irritiert. Eigentlich hatte er sich im Handgepäck der jungen Frau, die auf dem Weg nach Südafrika war, nur das tiefer in der Tasche verborgene Kabelgewirr anschauen wollen. Doch um bis dorthin vorzustoßen, musste er sich durch vakuumisierte Brotpackungen, Früchteriegel, eingeschweißte Käsescheiben und Schokoladentafeln graben. Ganz oben blickten ihn kleine dicke Figuren auf Tüten mit Erdnussflips an. »Sie sind wohl immer sehr hungrig?«, fragt er die Frau. »Sicher ist sicher«, lautet die knappe Antwort.

Seitdem Billig- und Charter-Airlines für jeden Schokoriegel Geld kassieren oder aber Essen servieren, das dieses Namens nicht würdig ist, haben sich die Zöllner am Flughafen an derlei Handgepäck-Ausstattung gewöhnen müssen. Die meisten Airlines haben zig Menüs zur Auswahl, darunter auch koschere Kost. Die Ausnahme bestätigt freilich die Regel: So hat etwa Condor – wegen »sehr geringer Nachfrage«, wie Unternehmenssprecher Johannes Winter berichtet – das koschere Essen von der Bestellliste gestrichen.

Wer koscher lebt und mit der Thomas-Cook-Airline auf die Langstrecke geht, ist daher gut beraten, selbst ordentlich Stullen einzupacken. Dann gilt es nur noch zu beachten, dass rechtzeitig vor der Landung im Ankunftsort auch alles aufgegessen ist, was man nicht ins Einreiseland einführen darf. Der traditionelle Wodka als Verdauungshilfe würde auf den Malediven beispielsweise mit grimmigem Blick von den zuständigen Beamten konfisziert – wegen Verstoßes gegen das islamische Alkoholverbot.

Emirates Wer mit vollem Bauch in der Hauptstadt der Inselgruppe, in Malé, landen möchte, könnte indes auf die in Dubai beheimatete Airline Emirates ausweichen. Massen an koscherem Essen werden bei dieser Fluggesellschaft zwar wahrscheinlich mangels Nachfrage nicht bestellt, aber ihr oberster Chef, Scheich Ahmed bin Saeed Al Maktoum, ist sehr auf das Renommee seiner Airline bedacht. Und so steht neben Hindu- oder vegetarischen Jain-Menüs ganz selbstverständlich auch koschere Kost auf dem Speiseplan.

Das Speisen-Portfolio von Condor wäre sicherlich breiter, wäre die Airline noch Ferienfluggesellschaft der Lufthansa. Denn die Kranichflieger geben sich Mühe, alle Anforderungen zu erfüllen, und bieten 16 Sondermahlzeiten. Diese können bis 24 Stunden vor Abflug bestellt werden – ohne zusätzliche Kosten. Dazu zählen sowohl glutenfreie und natriumarme Speisen als auch den muslimischen Speisegesetzen entsprechende Mahlzeiten sowie »unter Aufsicht eines Rabbinats streng koscher zubereitetes Essen«, wie es auf der Webseite heißt.

Die Airline wird von ihrer Tochtergesellschaft, den LSG Sky Chefs, mit Bordmenüs versorgt. Diese wiederum ordert ihr koscheres Essen bei Sohar’s Catering. Das Frankfurter Unternehmen versorgt unter anderem auch die jüdischen Kindergärten und den Hort der Eingangsstufe der Lichtigfeld-Schule mit Mittagessen, im Gemeindezentrum der Stadt ist zudem Sohar’s Restaurant zu finden.

Milchige Menüs Täglich heben durchschnittlich etwa 450 Essen in die Luft ab, »mal mehr, mal weniger«, wie Catering-Inhaber Sohar Gur bilanziert. Beliefert werden von ihm »deutschlandweit alle Airlines, die mit LSG zusammen arbeiten«. Also neben Lufthansa auch Fluggesellschaften wie Air Canada und Air India. Sohar’s hat 89 verschiedene Menüs für die Economy, Business oder First Class – kalt, warm, fleischig, Fisch und vieles mehr – im Angebot.

Milchige Menüs werden nicht ausgeliefert. Ein guter Tipp für laktoseintolerante Menschen – denn wer milchzuckerfreie Spezialkost bestellt, bekommt in der Luft oft etwas aufgetischt, was zum Sattwerden nicht wirklich ausreicht. Und Sohar’s Menüs scheinen die der normalen Lufthansa-Kost geschmacklich auszustechen. »Obwohl ich nicht koscher lebe, bestelle ich mir auf Lufthansa-Flügen immer koscheres Essen«, gesteht ein Vielreisender. Der profane Grund: »Das schmeckt wenigstens!« Oder, wie es eine andere Passagierin im Online-Forum der Zeitschrift »Brigitte« formulierte: »Mein Sitznachbar hatte mal koscheres Essen, und da war ich echt neidisch ... Ich hatte, wie alle anderen, ein ekliges, halb vertrocknetes, ungenießbares Brötchen, er kriegte ein richtiges Gericht mit verschiedenen Komponenten.«

Air Berlin, die Fluglinie, die die Bundeshauptstadt mit Tel Aviv verbindet, hatte den Passagieren auf Flügen von und nach Israel koscheres Essen angeboten, dies aber mangels Nachfrage wieder eingestellt. Auf Langstreckenflügen können Air-Berlin-Passagiere allerdings koscheres Essen bestellen.

Ohne Aufpreis Kaum Gedanken um Kaschrut müssen sich Fluggäste von EL AL Israel Airlines machen. »Grundsätzlich ist alles klassisch koscher, und jedem Essenstablett ist ein Zertifikat von der Kaschrut beigelegt«, sagt Marketing-Managerin Marion Paderna. Wer glatt koscheres Essen möchte, könne dies ohne Aufpreis bestellen. Allerdings nur auf den Frankfurt- und München-Strecken.

Ab Berlin fliegt UP, der Low-Cost-Carrier von EL AL. Was dort serviert wird, ist milchig. Spezielle Mahlzeiten können nicht geordert werden. Wer Billigtickets bucht, darf eben nicht wählerisch sein. Mahlzeiten mit dem Koscher-Zertifikat Badatz können nur für Flüge von und nach New York City (JFK) erwartet werden. Das Catering kommt jeweils in Tel Aviv an Bord, Hauptlieferant ist Tamam, eine Tochtergesellschaft von EL AL.

Das Luxusreise-Magazin »Condé Nast Traveller« hat im Rahmen der »Readers’ Choice Awards 2015«, die die besten internationalen Airlines auflisten, sogar geschrieben, es sei »kein Geheimnis, dass EL AL koschere Mahlzeiten auf ›Gourmet-Level‹« serviere.

Lounges Und wie sieht’s mit der Wartezeit vor dem Abheben aus? Wer ein Ticket der Business oder First Class bucht, darf ja bis zum Boarding gemütlich in einer Flughafen-Lounge entspannen. Da wird’s schon wieder schwieriger – zumindest, wenn man nicht in Israel startet. »In Deutschland nutzen wir die Lounges anderer Airlines, daher gibt’s kein spezielles koscheres Essen«, sagt Paderna.

In anderen Ländern gibt es Ausnahmen: In den Lounges der Flughäfen von Paris, Peking, New York oder Johannesburg erhalten Fluggäste beispielsweise koscheres Essen. Da lässt sich dann für die Weiterreise sicher auch das eine oder andere Schnittchen einpacken – wer koscher lebt, muss beim Reisen eben meist schon einen Schritt weiter denken.

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