Hebron

Klassenfahrt zu den Patriarchen

Ein Polizist beim Gebet in der Maarat Hamachpela. Nach biblischer Überlieferung sind hier Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea begraben. Foto: Flash 90

Vergitterte Busse, Militäreskorten und bewaffnete Bodyguards statt fröhlicher Lieder und Picknick im Grünen. So könnten Ausflüge israelischer Schulkinder zukünftig aussehen. Bildungsminister Gideon Sa’ar plant, ab dem nächsten Jahr Oberschulklassen in die Westbankstadt Hebron zu schicken, um das Grab der Patriarchen zu besuchen.

Das umstrittene Projekt soll zunächst als Experiment in einigen Gemeinden starten. Derweil diskutieren Lehrer und Schüler an Schulen im ganzen Land, ob solche Fahrten sinnvoll sind. Der Minister von der regierenden Likudpartei indes ist überzeugt: »Es hat große Bedeutung, die historischen Wurzeln des Staates im Lande Israel kennenzulernen«, sagte er bei der Bekanntgabe des Vorhabens.

Die Patriarchengräber, auf Hebräisch Mearat Hamachpela genannt, liegen in der Stadt Hebron im Westjordanland. Hier sollen die biblischen Stammväter Abraham, Isaak und Jakob sowie die Matriarchinnen Sara, Rebekka und Lea beigesetzt sein. Die Stätte ist für Juden wie Araber gleichermaßen heilig. In Hebron mitten im palästinensischen Autonomiegebiet lebt – von einer starken israelischen Militärpräsenz permanent bewacht und geschützt – eine Handvoll jüdischer Familien inmitten der 200.000 arabischen Bewohner.

Sie gelten als Siedler mit rechtsextremen Ansichten. Nicht selten ist die Stimmung aufgeheizt und gleicht einem Kriegszustand. Bewaffnete Soldaten patrouillieren rund um die Uhr. Vor der historischen Stätte selbst steht ein gepanzertes Fahrzeug der Armee, junge Männer mit olivgrünen Uniformen und Maschinengewehren gehen und stehen überall.

Vorgabe Während das Ministerium betonte, dass die Fahrten nicht verpflichtend sind und nur für jene Bildungseinrichtungen angeboten werden, die von sich aus daran Interesse hätten, erklärten Vertreter des Ministeriums, es sei eine klare politische Richtungsvorgabe für säkulare Schulen. Es sei das erste Mal, dass das Ministerium Fahrten zum Grab sponsert. Bis heute besuchen fast ausschließlich Schüler von strengreligiösen Schulen, meist aus Siedlungen im Westjordanland, auf eigene Initiative die Stätte.

In einem Interview mit dem Armeeradio betonte Sa’ar, dass die Jugend Israels »so viel über ihre Geschichte wissen soll, etwa den König David, wie über Big Brother und ähnliche Sendungen«. Bei Nachfragen, ob den Kindern während der Fahrten auch die Probleme der Palästinenser vermittelt würden, wiegelte er ab: »So etwas würde eine Veranstaltung von einer historischen in eine politische verwandeln.«

Der ehemalige Bildungsminister Amnon Rubinstein meldete sich daraufhin in den Medien zu Wort und betonte, dass es falsch sei, Schüler nach Hebron zu bringen, ohne ihnen zu erklären, welchen Preis die Palästinenser für die jüdische Präsenz dort zahlen. »Es ist nicht gut für einen Minister der Bildung, sich in derartige Sachen einzumischen. Dafür gibt es andere gut ausgebildete Leute.«

Die Initiative für die Besuche von säkularen Schulen ging von Malachi Lewinger aus, Bürgermeister des benachbarten Kiriat Arba. Die jüdische Gemeinde Hebrons veranstaltet regelmäßig Führungen durch »ihre Stadt«, in denen Besuchern die Geschichte vermittelt wird. Erwähnt wird dabei etwa ausführlich das arabische Massaker von 1929, bei dem 67 jüdische Zivilisten ums Leben kamen, verschwiegen hingegen das Gemetzel des extremistischen Siedlers Baruch Goldstein, bei dem 29 betende Moslems getötet wurden. Hier genau liegt die Sorge von Pädagogen.

Lehrer Halel Hadari unterrichtet Oberschulklassen in Geschichte und Staatsbürgerkunde am landwirtschaftlichen Gymnasium von Pardes Hanna-Karkur. »Aus rein wissenschaftlicher Sicht kann es nicht sein, Schüler in ein derart politisches Gebiet zu bringen und dann einen wesentlichen Aspekt, nämlich die palästinensische Seite, auszulassen. Kinder fragen und brauchen Antworten. Sollen wir ihnen etwa die Augen verbinden, damit sie die Realität nicht sehen?«

Der Lehrer fürchtet, dass diese Fahrten außerdem zu einer Spaltung innerhalb der Klassen führen könnten, Linke gegen Rechtsgerichtete. »Wenn es tatsächlich darum ginge, neben dem historischen Aspekt die Probleme einer Besatzung zu erklären, würde ich es unterstützen. So aber sehe ich es als politische Propaganda, und die hat nichts an Schulen zu suchen.«

Zudem sei der Aspekt der Sicherheit zu beachten. »Unsere Jugend in gepanzerten Fahrzeugen in eine Krisenregion zu schicken, damit sie etwas über ihre Geschichte erfährt, halte ich für eine Verschiebung von Prioritäten. Da stimmt etwas nicht.«

Die Organisation »Breaking the Silence«, von Soldaten gegründet, um über die Realität in den besetzten Gebieten aufmerksam zu machen, hat bereits angekündigt, sich für die Fahrten als Begleiter zu bewerben, damit »ein komplettes Bild der komplexen Situation vor Ort beschrieben wird«.

Einige Politiker zeigten sich von Sa’ars Idee angetan. Zipi Chotovely, Knessetmitglied für den Likud, sagte: »Hebron ist die erste hebräische Stadt und Juden sind seit 4.000 Jahren eng mit ihr verbunden. Es ist angemessen, dass jeder Schüler und Bürger Israels hinreist, um das Erbe der Patriarchen mit eigenen Augen zu sehen.«

Schüler Ascher Alon, Vorsitzender des nationalen Schülerrates ist der Meinung, die Ausflüge seien außerordentlich wichtig. »Wir müssen Israel mit allen nationalen Stätten kennenlernen. Dazu gehören natürlich die Klagemauer und auch Mearat Hamachpela.« Allerdings müsse besonders auf Sicherheit geachtet werden, es könne nicht sein, dass Jugendliche in Gefahr gebracht werden.

Michal Gatt sieht es generell so wie Alon. Sie geht in die zehnte Klasse einer Oberschule in Ramat Hascharon. Generell sei sie an Fahrten zu historischen Orten interessiert und findet, sie habe die Aufgabe, über das jüdische Erbe informiert zu sein. Nach Hebron aber will sie nicht. »Ich möchte auf Schulausflügen keine Angst haben und um mein Leben fürchten. So viel ist mir Bildung nicht wert.«

Essay

Politische und moralische Bankrotterklärung

Die Literaturkritikerin Maha El Hissy hat kein Problem damit, die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart zu verbreiten. Trotzdem wurde sie in die Jury des renommierten Deutschen Buchpreises berufen

von Daniel Neumann  15.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Religiosität

Mehr Israelis für jüdische Präsenz im öffentlichen Raum

Wie halten es die Israelis mit der Religion und genauer: mit dem öffentlich gelebten Judentum? Dieser Frage ging ein Rabbinernetzwerk nach

von Andrea Krogmann  14.08.2026

Washington/Tel Aviv/Gaza

US-Ermittler untersuchen Spendenkampagnen mit möglichen Verbindungen zu Terrorgruppen

Hunderttausende Euro sollen an die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad weitergegeben worden sein

 14.08.2026

Nahost

Benjamin Netanjahu auf Gegenkurs zu Donald Trump

Israels Premier weist den Gaza-Plan des US-Präsidenten zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  14.08.2026

Israel

Die Stimme, der man traut: Oren Nahari ist tot

Mit nur 70 Jahren ist der beliebte Journalist Oren Nahari gestorben. Wenige Tage nach seiner letzten Radiosendung

 13.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Nahost

Ex-Botschafter Seibert fordert »klare europäische Position« zu Israel

Bis vor kurzem war er das Gesicht deutscher Diplomatie in Israel: Steffen Seibert. In einem Interview äußert er sich zu Grenzen der Staatsräson, Siedlungen, dem Terror der Hamas und gegen Boykotte

 13.08.2026

Militär

Gefährlicher Schwarm

Experte Danny Orbach über neue Technologie in der Kriegsführung, Herausforderungen beim Zivilschutz und den Drohnenfund in Leipzig

von Sabine Brandes  13.08.2026