Gaza

Keine Ruhephase mit der Hamas

Die Führungsriege der Hamas in Gaza sei nicht mehr existent, sagen Experten. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Hamas will eine »Hudna«. Im Rahmen eines Abkommens mit Israel möchte die radikal-islamistische Terrororganisation im Gazastreifen einen fünfjährigen Waffenstillstand erreichen und dafür sämtliche israelische Geiseln im Austausch gegen palästinensische Häftlinge in Israel freilassen. In der Woche zuvor hatten die Terroristen ein deutlich kürzeres Waffenstillstandsabkommen abgelehnt. Der israelische Vorschlag sah eine 45-tägige Feuerpause im Austausch für zehn lebende Geiseln vor.

»Hudna« ist Arabisch und steht für eine längere Phase strategischer Ruhe, die zwischen einem Waffenstillstand und einem Friedensvertrag liegt. Der Begriff wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder benutzt, um ruhigere Zeiten im Konflikt zwischen Israel und der Hamas zu beschreiben.

Lesen Sie auch



Bislang forderten die Terroristen, dass ein Waffenstillstandsabkommen ein Ende des durch die Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 ausgelösten Krieges mit einem vollständigen israelischen Rückzug aus Gaza, dem Austausch von Geiseln gegen Gefangene und die Versorgung des Gebiets mit humanitärer Hilfe bedeuten müsse. Israel jedoch weigerte sich bisher, den Krieg ganz zu beenden oder die Hamas an der Macht zu lassen.

Anfang der Woche sprachen ägyptische Quellen von einem »bedeutenden Durchbruch« bei den Gesprächen über einen Waffenstillstand und ein Geiselabkommen. Es herrsche Einigkeit über eine langfristige Lösung, hieß es, obwohl einige bedeutende Konfliktpunkte, darunter die Frage der Entwaffnung der Hamas, bestehen blieben. In Israel wurde der Bericht schnell kleingeredet. »Es hat keinen Durchbruch gegeben«, meldete die Tageszeitung »Yedioth Ahronoth«. Und ein dort zitierter Regierungsvertreter sagte: »Katar hat in letzter Zeit einen ungünstigen Einfluss auf die Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln aus Gaza.«

Berichten und Dementieren

Bereits am Wochenende kursierten Berichte, dass Doha die Gespräche sabotiere, indem es die Hamas gedrängt habe, einen Waffenstillstandsvorschlag Ägyptens abzulehnen. Ein nicht-katarischer arabischer Beamter dementierte dies und erklärte in der »Times of Israel«, die Berichte seien von der israelischen Regierung »fabriziert«, um von der Schuld des Premierministers Benjamin Netanjahu am Scheitern der Gespräche abzulenken.

Ägypten und Katar spielen seit dem Ausbruch des Krieges eine wichtige Rolle in den Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas über die Freilassung von Geiseln und einen Waffenstillstand. Am 7. Oktober 2023 hatte die Hamas Gemeinden im Süden Israels überfallen, mehr als 1200 Menschen ermordet, Tausende verletzt und 251 Geiseln genommen. 59 von ihnen sind weiterhin in der Gewalt der Terroristen.

»Die Hamas würde niemals alle Geiseln auf einmal freilassen«, sagt Eyal Pinko.

Auch Eyal Pinko, ehemaliger hochrangiger Geheimdienstoffizier und Forscher an der Bar-Ilan-Universität, glaubt nicht an eine Hudna mit der Hamas. Erfahrungsgemäß könne man der Hamas nicht trauen und daher ihren Vorschlag nicht ernst nehmen. »Sie würden niemals alle Geiseln auf einmal freilassen: Sie sind als Faustpfand viel zu bedeutsam. Und natürlich wollen sie in dieser Zeit nur eines: wieder aufrüsten.«

Zudem handle es sich derzeit bei der Führungsriege der Hamas lediglich um Fiktion, gibt er zu bedenken. »Alle Anführer in Gaza sind tot. Im Moment kämpft eine Handvoll Clans um die Kontrolle in der Organisation.« Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) sei auch keine Alternative, um Gaza zu regieren. »Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ist alt, krank und extrem geschwächt. Man muss sich nur die Situation im Westjordanland ansehen, in Jenin oder Tulkarem. Die PA ist ein extrem schwacher Player.«

Vielleicht habe sich Abbas in der westlichen Welt als legitimer Anführer der Palästinenser dargestellt, doch die Realität sehe anders aus, so Pinko. »Und selbst wenn die PA die Macht in Gaza übernimmt, wäre es lediglich eine Frage der Zeit, bis die Hamas sie wieder an sich reißt.« Auch eine Übernahme der Kontrolle durch Israel hält er für unrealistisch. »Außer ein paar Extremisten wie (der Minister für nationale Sicherheit Itamar) Ben-Gvir oder (Finanzminister Bezalel) Smotrich will das in Jerusalem niemand.«

Das große Ganze betrachten

Allerdings kann sich der Experte ein völlig anderes Szenario für Gaza und die gesamte Region vorstellen. Er nennt es »Auszoomen« oder »das große Ganze betrachten«. Dabei stünde nicht an erster Stelle, dass die Hamas geschlagen ist. Es gehe vielmehr um die Wirtschaft und das »ganz große Geld«. Hintergrund sei die sogenannte neue Seidenstraße Chinas, offiziell »Belt and Road Initiative«. Dabei handelt es sich um eine globale Infrastrukturentwicklungsstrategie, die die Regierung in Peking 2013 verabschiedete und seitdem in mehr als 150 Länder und internationale Organisationen investiert.

»Dem wollen die USA unbedingt mit ihrer eigenen Initiative entgegenwirken«, ist sich Pinko sicher. »Mit Handelsrouten von Indien über die Vereinigten Arabischen Emirate bis nach Gaza und Israel.« In Washington spreche man bereits seit mehr als zwölf Jahren darüber. Den Präsidenten Barack Obama und Joe Biden sei es ein Anliegen gewesen, und Trump führe es fort, erläutert er. Und der Handelskrieg zwischen den USA und China, den US-Präsident Donald Trump mit seinen Zöllen begonnen hat, sei übrigens erst der Anfang.

Auch sein Plan, Palästinenser aus Gaza umzusiedeln und aus der zerstörten Enklave »eine Riviera des Nahen Ostens« zu machen, gehöre zu dieser Strategie. Trump schockierte die Region im Februar mit seinem Vorschlag, die kriegsgeplagte Bevölkerung des Streifens massenhaft zu vertreiben, damit die USA das Gebiet für Immobilienprojekte nutzen könnten.

Netanjahu und seine Koalition unterstützen die Idee, die Palästinenser sowie arabische und islamische Länder lehnen den Vorschlag jedoch kategorisch ab. Auf die Frage, ob Trump tatsächlich plane, das zerstörte palästinensische Gebiet zu einem von den USA kontrollierten Wirtschaftszentrum zu machen, zögert der Sicherheitsexperte nicht mit der Antwort: »Er meint es nicht nur ganz und gar ernst, er hat auch die Macht, es durchzudrücken.«

In den derzeitigen Verhandlungen zwischen Washington und Teheran, übrigens gänzlich hinter dem Rücken Israels, sieht Pinko einen weiteren Beweis dafür, dass die neue »US-Seidenstraße« diplomatisch geteert wird: »Iran ist der Sponsor von Hisbollah, den Huthi und der Hamas und somit in der Lage, diese Gruppen zu kontrollieren. Das Gleiche wollen die Amerikaner durch ein Abkommen mit den Mullahs erreichen.« Dabei ginge es zwar auch darum, den Krieg in Gaza zu beenden, »aber in erster Linie geht es um wirtschaftliche Entwicklung und Interessen, um Macht und Geld«, so Pinkos Einschätzung. »Das ist, was die Welt regiert.«

Westjordanland

Schin-Bet-Chef streitet mit Rechtsradikalen

David Zini fordert von Ministerin Orit Strock eine klare Verurteilung jüdischer Siedlergewalt – und droht mit der Rückkehr zur Verwaltungshaft

von Sabine Brandes  06.10.2026

Jahrestag

Israel warnt vor Angriffen auf Juden am 7. Oktober

Am 7. Oktober jährt sich das Massaker von Hamas-Terroristen in Israel. Bei dem Überfall 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet. Israel warnt nun Israelis im Ausland und Juden weltweit vor Angriffen

 06.10.2026

Gedenken

»Berlin steht fest an Israels Seite«

Regierender Bürgermeister Kai Wegner besucht zum Jahrestag des 7. Oktobers den Geiselplatz in Tel Aviv und erhält die Medaille der Stadt

von Sabine Brandes  06.10.2026

Grausamer Plan

Der Professor, der Massenmörder werden wollte

Der Akademiker plante, Hunderte Araber zu töten und viele Unterstützer zu gewinnen. Die Bar-Ilan-Universität zeigt sich »zutiefst entsetzt«

von Sabine Brandes  06.10.2026

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026