Abschied

»Kanzlerit« der Herzen

Israelis machen sich nicht besonders gut als Fangemeinde. Ob Rockstars, Schauspieler oder Fußballkicker – die werden zwar gemocht und wertgeschätzt, doch selten vergöttert. Es mag an ihrer relativen Abgeklärtheit liegen oder daran, dass sie in der komplexen Lage des Nahen Ostens viel mit sich selbst zu tun haben. Doch die Verehrung, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im jüdischen Staat entgegengebracht wird, ist eine ganz besondere.

Vom vergangenen Samstag bis Montag war sie zum Abschiedsbesuch in Israel. Es war ihre achte Visite als Kanzlerin. Und das Wort »legendär« wurde mehr als nur hinter vorgehaltener Hand geraunt.

Sonst so reservierte Politiker und beherrschte Offizielle lächelten in ihrer Nähe beseelt und gerieten ins Schwärmen. Anscheinend können sich die wenigsten nach 16 Jahren mit der »Kanzlerit«, wie sie im Hebräischen genannt wird, vorstellen, dass es eine Zeit nach ihr geben könnte. Professor Manuel Trajtenberg, Leiter des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS), würde sie am liebsten nicht gehen lassen. Nachdem er Merkels Bedeutung in der Weltpolitik betont hatte, bat er sie – »sofern das nicht zu viel Chuzpe ist« –, auch weiterhin eine Rolle in der Politik zu spielen.

SUPERLATIVE Merkel lächelte ob dieser Worte, gab jedoch in gewohnter Manier nicht allzu viel über ihre Gefühlswelt preis. Zwar wisse sie noch nicht genau, was sie im Anschluss an ihre Kanzlerschaft machen werde, doch sie wolle Israel verbunden bleiben und werde die Beziehung in guter Erinnerung behalten. »Vor allem, weil ich hier immer mit großer Offenheit empfangen worden bin.«
Eine Untertreibung: »Sie ist einfach großartig, die beste Freundin Israels«, schwärmt die Schoa-Überlebende Miriam Zachar aus Tel Aviv, die zwar niemals nach Deutschland reisen würde, aber für die Bundeskanzlerin nur Superlative findet. Man habe Merkel in all diesen Jahren vertrauen können, was auch geschehen sei. »Was für eine Politikerin, was für ein Mensch! Wir haben sie in unsere Herzen geschlossen.«

Reservierte Politiker lächelten in ihrer Nähe beseelt und gerieten ins Schwärmen.

Wohin Angela Merkel bei ihrem letzten Staatsbesuch auch kam, es regnete Ehrungen, Lobpreisungen und Dank für ihren Einsatz. Premierminister Naftali Bennett empfing sie am Sonntagmorgen als Ausdruck seiner Anerkennung als Gast einer Sondersitzung des Kabinetts in Jerusalem.

»Die Wärme, mit der Sie in Israel aufgenommen werden, ist außergewöhnlich«, begann Bennett seine Ansprache im Anschluss an die Sitzung. »Sie werden hochgeschätzt, als wahre Freundin Israels und in ihrer historischen Rolle.« Merkel sei von Anfang an eine »klare Stimme in Deutschland, Europa und der ganzen Welt für die Sicherheit Israels gewesen – und dafür danken wir ihr«.

LEUCHTTURM Israel sei ein Leuchtturm in einem Meer aus Extremismus, führte Bennett aus, »daher brauchen wir die Unterstützung der Welt, besonders der Demokratien«. Dem Ministerpräsidenten scheint es schwerzufallen, von der Verlässlichkeit Merkels Abschied zu nehmen. Auch er sprach die Hoffnung aus, dass sie Israel verbunden bleibe. »Sie hinterlassen sehr gute Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern. Es ist Ihr Vermächtnis, dass Sie das harte Erbe der Schoa anerkannt haben.«

Die Bundeskanzlerin freute sich über diese »kleine Regierungskonsultation« und nannte es eine Ehre, daran teilnehmen zu dürfen. Sie sehe es »als absoluten Glücksfall, dass wir heute zusammen an einem Tisch sitzen können«. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern sei ein großer Schatz und nicht selbstverständlich. »Natürlich tragen wir für die Schoa als singuläres Ereignis in der Geschichte weiterhin Verantwortung. In jeder Phase der Geschichte, auch in der Zukunft.« Derzeit befinde man sich in der Phase des Übergangs, wo es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. »Umso mehr müssen wir darauf achten, dass wir die traurige und schreckliche Geschichte im Herzen und Kopf behalten, um die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen.«

ZWEISTAATENLÖSUNG »Doch«, machte sie deutlich, »wir beschränken die Zusammenarbeit nicht auf diesen einen Aspekt.« Deutschland sei nicht neutral, wenn es um die Sicherheit Israels geht. »Es ist Teil unserer Staatsräson.« Auch wenn man Meinungsverschiedenheiten habe, sei klar, dass es einen jüdischen demokratischen Staat in der Region auch in der Zukunft geben muss.

Aber auch die Palästinenser sollten sicher in einem Staat leben dürfen. Ihrer Meinung nach sei eine Zweistaatenlösung nicht vom Tisch. Gleichwohl, betonte Merkel noch einmal, sei die zentrale Aussage, dass es einen sicheren jüdischen demokratischen Staat geben muss.

Und als wolle sie die Israelis beruhigen, machte sie mehrfach deutlich, sie gehe davon aus, dass auch für die nächste deutsche Regierung »die Sicherheit Israels im Vordergrund steht«. Die Frage, wie es um ihre persönlichen Gefühle bei der letzten Reise als Bundeskanzlerin in den jüdischen Staat bestellt sei, umschiffte sie mit dem Ausdruck des Wunsches, dass die Situation für Israel einfacher sei. »Denn oft ist es in dieser geopolitischen Lage ja nicht leicht.«

IRAN Auch auf die Bedrohung durch den Iran ging Angela Merkel mehrfach während der Visite ein. Beim Treffen mit dem INSS machte sie deutlich, dass die Zeit jetzt sehr dränge. »Der Iran verzögert die Verhandlungen und reichert währenddessen Uran an.« Obwohl sie die Schwächen des Abkommens durchaus gesehen habe, sei sie nach wie vor der Meinung, dass es zumindest ein Handlungsrahmen sei, um überhaupt in Verhandlungen mit Teheran zu treten. Denn die gemeinsame Haltung sei, dass die nukleare Bewaffnung des Irans verhindert werden müsse.

»Aber ich will ganz deutlich sagen, dass wir uns in einem sehr kritischen Prozess befinden. Wir müssen intensiv daran arbeiten.« Ein positives Signal seien die Abraham-Abkommen zwischen Israel und den arabischen Staaten. »Je mehr Länder dem Iran zu verstehen geben, dass sie seine Aggression nicht teilen, desto besser ist es für die Region.«

Präsident Isaac Herzog überraschte die Physikerin mit einem besonderen Geschenk.

Präsident Isaac Herzog überraschte die Physikerin in seiner Residenz Beit Hanasi mit einem besonderen Geschenk: der Einrichtung eines Forschungsstipendiums im Namen der Bundeskanzlerin für außergewöhnliche Wissenschaftlerinnen am Weizmann-Institut. »Sie sind eine wahre Freundin Israels und eine wahre Freundin des gesamten jüdischen Volkes. Wir können so viel von Ihnen lernen – wie wir Antisemitismus bekämpfen, die zukünftigen Generationen bilden und über unsere gemeinsamen Werte nachdenken.« Niemand könne ihren immensen Beitrag zu den intensiven und starken Beziehungen der beiden Länder bezweifeln.

»Für mich ist es ein Vergnügen, das Amt zu verlassen und zu wissen, dass die Beziehungen zwischen unseren Ländern so gut sind, wie sie sind«, antwortete Merkel. »Es erfüllt mich mit Optimismus zu wissen, dass unsere Regierungen das wichtige Gedenken an den Holocaust weiterführen werden.«

SCHOA-GEDENKEN An die Gräuel der Schoa erinnerte die Kanzlerin bei ihrem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, bei dem sie von Ministerpräsident Bennett, Oberrabbiner Israel Meir Lau und dem neuen Vorsitzenden der Gedenkstätte, Dani Dayan, begleitet wurde. Durch die Halle des Gedenkens klang das vertonte Gedicht »Eli, Eli« von Chana Senesh, gesungen von dem Mädchenchor Ankor aus Jerusalem. In einer ergreifenden Zeremonie entzündete die Kanzlerin in einem schwarzen Anzug das ewige Feuer und legte einen Kranz nieder.

»Jeder Besuch in Yad Vashem berührt mich aufs Neue im Innersten. Die hier dokumentierten Verbrechen gegen das jüdische Volk sind uns Deutschen immerwährende Verantwortung und Mahnung«, schrieb sie anschließend ins Gästebuch von Yad Vashem. »Dass jüdisches Leben nach dem Menschheitsverbrechen der Schoa in Deutschland wieder eine Heimat gefunden hat, ist ein unermesslicher Vertrauensbeweis, für den wir dankbar sind. Dieses Vertrauen veranlasst uns dazu, täglich entschieden gegen Antisemitismus, Hass und Gewalt vorzugehen. Dies ist die Verpflichtung für jede Bundesregierung.«

»Die Sicherheit Israels ist für die Bundesrepublik Deutschland niemals verhandelbar.«

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Die Schlussfolgerung aus der Schoa für die heutige Zeit sei, dass sich Deutschland in ganz besonderer Weise der Sicherheit Israels verpflichtet fühlt, führte die Kanzlerin aus. Deshalb wolle sie noch einmal in Erinnerung rufen, was sie im Jahr 2008 vor der Knesset sagte: »Die Sicherheit Israels ist für die Bundesrepublik Deutschland niemals verhandelbar.«

Überall auf der Welt gebe es, besonders durch das Internet, die Tendenz zur Polarisierung von Gesellschaften. »Das verstärkte Aufkommen von Antisemitismus und der Hass allgemein sind eine große Gefahr für unsere Demokratien. Wir werden viel Kraft darauf verwenden müssen, wie wir uns den Anfängen erwehren.«

VERDIENSTE Ihre »Menschlichkeit« stand bei einer weiteren Würdigung ihrer Verdienste im Vordergrund. Am Sonntag verlieh die Technion-Universität in Haifa der Bundeskanzlerin die Ehrendoktorwürde für »ihre unerschütterliche Unterstützung des Staates Israel, ihren unermüdlichen Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus, die Unterstützung von Wissenschaft und Bildung, besonders im Rahmen der Kooperation zwischen Deutschland und Israel, sowie für ihre außergewöhnliche Führungskraft, Weisheit und Menschlichkeit«.

»Kanzlerin Merkels Pfad führte sie von einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere zu einem unvergleichlichen politischen Vermächtnis«, sagte Technion-Präsident Uri Sivan. »Sie ist eine echte Führungskraft, die permanent versucht, das Leben von Millionen auf der ganzen Welt zu verbessern.« Dabei habe sie sich nicht gescheut, die harschen Realitäten der globalen sowie heimischen Herausforderungen anzugehen, und dies getan, ohne jemals die wahre Bedeutung von Mitgefühl und sozialer Verantwortung zu vergessen. »Wir verehren Sie dafür, was Sie Deutschland, Israel und der ganzen Welt gegeben haben, und sind auf ewig dankbar.«

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, leise klänge das Lied »Angie« von den Rolling Stones durch die Boxen des King-David-Hotels in Jerusalem, als sich die Kolonne mit den schwarzen Limousinen vom Eingang entfernt. »Angie, Angie, where will it lead us from here?«

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