Kulturkampf

Kampagne mit Kiddusch

Plakate der Aktion »Schischi israeli« Foto: Sabine Brandes

Dicke rote Paprikaschoten türmen sich auf dem Stand von David Asulai. »Nur fünf Schekel das Kilo«, brüllt er mit heiserer Stimme und hält das Gemüse in die Höhe. »Greift zu! Für das Schabbatessen heute Abend.« An der Bushaltestelle vor dem Eingang zum Tel Aviver Carmel-Markt hängt ein Plakat in poppigen Farben mit der Aufschrift: »Am Morgen Markt – am Abend Kiddusch«. Darunter sind nebeneinander eine halbe Paprika und eine halbe Kippa abgebildet.

Die neue Werbekampagne »Schischi israeli« (israelischer Freitag) will die Menschen zu mehr Traditionsbewusstsein auffordern. »Macht Kiddusch«, lautet das Motto der Aktion, die von einigen bekannten israelischen Geschäftsleuten gesponsert wurde. An dem Aufruf, am Freitagabend die Schabbatkerzen zu entzünden, die Segenssprüche über Wein und Brot zu sprechen, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es gibt ständig Aktionen, darunter das »Schabbos-Projekt«, der größte Schabbat der Welt oder Kampagnen der unterschiedlichen religiösen Gruppen, allen voran von Chabad Lubawitsch.

Beleidigt Doch an den neuen Plakaten, die über Nacht im ganzen Land auftauchten, und den dazugehörigen TV-Spots scheiden sich die Geister. Viele Säkulare fühlen sich von der Aktion zutiefst beleidigt und sind sauer.

Besonders die Clips, die zur besten Sendezeit im Fernsehen laufen, stoßen ihnen übel auf. Die säkulare Familie wird in abfälliger Art als leer und dysfunktional dargestellt, ein Schabbatmahl besteht aus einer Schale Cornflakes mit Milch. Alle Familienmitglieder sitzen abgekapselt vor ihren Computern oder Handys. In glänzendem Licht wird im Gegenzug die orthodoxe Familie gezeigt. Hübsche, höfliche Menschen stehen um einen festlich gedeckten Tisch, die Kinder schauen mit erwartungsvollen Augen in den Kerzenschein und lächeln selig.

Traditionell Am Freitagmorgen ist der Kiddusch noch einige Stunden hin, und das Land bereitet sich vor. Auf dem Carmel-Markt in Tel Aviv, tummelt sich ein buntes Völkchen zum Einkaufen: Mammes mit für den Schabbat prall gefüllten Taschen, junge Familien, hungrige Surfer vom nahe gelegenen Strand und Touristen aus aller Welt bummeln von Stand zu Stand.

»Kiddusch ist gut«, meint Gemüseverkäufer Asulai, »denn jeder Jude sollte den Schabbat feierlich begrüßen.« Dabei zählt er sich zu den traditionellen Juden, trägt keine Kopfbedeckung und keinen Bart. »Der Schabbat ist das, was das jüdische Volk zusammenhält und seit Jahrtausenden zusammengehalten hat«, ist er überzeugt. »Ob man nun religiös ist oder nicht.« Deshalb findet er die Kampagne richtig.

Schira Aschkenasi sieht das anders. Die junge Frau lässt sich an einem Stand mit einer Gruppe von Freunden Teigtaschen aus Venezuela schmecken. »Wieso überhaupt ›israelischer Freitag‹?«, fragt sie und schüttelt verärgert den Kopf. »Meinetwegen sollen sie zum jüdischen Schischi aufrufen und vorschlagen, den Schabbat einzuhalten.«

Es ist das Wort »israelisch«, das Aschkenasi partout nicht gefällt. »Ich kann versichern, dass ich israelisch bin, obwohl ich keine Kerzen anzünde. Ich habe mein ganzes Leben hier gelebt, war in der Armee, liebe mein Land über alles. Aber mein Freitagabend sieht anders aus als in dieser fürchterlichen Werbung. Ich verbringe Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden, esse gut – jedoch auf meine Weise und ohne Kiddusch. Deshalb soll ich weniger israelisch sein als religiöse Leute? So etwas zu behaupten, ist eine absolute Frechheit!«

Herablassend Auch bei verschiedenen Politikern stößt die Kampagne auf Unverständnis. Ruth Calderon von Jesch Atid betont, die israelische Gesellschaft sei gerade wegen ihrer Vielfalt so besonders, und sagt: »Es ist eine Schande, dass respektable Geschäftsleute es nötig haben, die säkulare Familie als degeneriert und die orthodoxe als besser darzustellen. Es spricht allem kulturellen und nicht-religiösen Leben in unserem Land die Bedeutung ab. Das ist eine wahrhaft herablassende Haltung.«

Das finden auch verschiedene Kommentatoren in israelischen Zeitungen und Websites. »Mir dreht sich bei ›Schischi israeli‹ der Magen um«, schreibt eine Frau aus Jerusalem. »Es ist eine rote Linie überschritten worden, indem wir Säkulare so verächtlich gezeichnet werden.« Bei der Aufsichtsbehörde für Fernseh- und Radiowerbung gingen zudem mehrere Beschwerden ein.

Stur Mittlerweile laufen auch die Gegenkampagnen auf Hochtouren. Auf YouTube gibt es Videoclips, die als Retourkutsche die orthodoxe Lebensweise durch den Kakao ziehen. Es wird auch politisch. Verschiedene Posts in sozialen Netzwerken machten aus dem Spruch »Am Morgen Markt – am Abend Kiddusch« ihre Version: »Am Morgen Besatzung – am Abend Kiddusch«.

Dani Sela kann die Aufregung nicht verstehen. Die 23-jährige Tel Aviverin zuckt gelangweilt mit den Schultern. »Es geht darum, Leute zur Religiosität zu bekehren. Das gibt es doch ständig und überall«, meint sie, während sie durch das bunte Markttreiben spaziert. »Aber es wird nicht viel bringen. Denn Israelis sind stur und lassen sich nicht gern etwas vorschreiben. Schon gar nicht, wie sie den Schabbat zu verbringen haben.«

Spione

Israels geheime Armee im Iran

Jahrelang lebten sie unauffällig als Zivilisten in der Islamischen Republik – dabei waren sie in Israel ausgebildeten Agenten des Mossad

von Sabine Brandes  01.06.2026

Interview

»Die jüdische Perspektive nach Deutschland bringen«

Der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan über die erste Außenstelle der Gedenkstätte, die Zukunft der Holocaust-Erinnerung und den Kampf gegen Geschichtsverfälschung

von Sabine Brandes  01.06.2026

Internationaler Gerichtshof

Wie Südafrika seine Genozid-Klage gegen Israel in die Länge zieht

Das Haager Weltgericht hat Pretoria eine Frist von 18 Monaten gewährt, um erneut seine Argumente für einen angeblichen Völkermord Israels in Gaza vorzubringen. Israel sieht die Klage hingegen als gescheitert an

von Michael Thaidigsmann  01.06.2026

Tel Aviv

Bericht warnt vor möglichem Einfluss Ben Gvirs auf Polizeiarbeit im Wahlkampf

Die Autoren fordern darin klare Vorgaben, die die Handlungsspielräume der Polizei im Wahlkampf deutlich einschränken

 01.06.2026

Gesundheit

Sprunghafter Anstieg: Immer mehr Israelis rauchen

Viele Konsumenten greifen offenbar verstärkt zur Zigarette, um mit der durch den Krieg verursachten psychischen Belastung umzugehen

 01.06.2026

Westjordanland

Terroranschlag an Bushaltestelle: Zwei Jugendliche verletzt

Nach Angaben der Armee steuert ein Palästinenser sein Fahrzeug in eine Bushaltestelle. Eine 17-Jährige wird schwer verletzt, eine 15-Jährige mittelschwer

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026

Krieg gegen die Hisbollah

Israelische Armee nimmt Burg Beaufort im Südlibanon ein

Die strategische Höhenfestung galt einst als Symbol des Libanonkriegs – nun steht sie wieder unter israelischer Kontrolle

von Sabine Brandes  31.05.2026 Aktualisiert

Blick in die Zukunft

Ehemalige Geisel sucht nach der Hölle die Liebe

Nach 738 Tagen in der Gewalt der Hamas baut Eitan Horn sein Leben neu auf – und wünscht sich Frau und Familie

von Sabine Brandes  31.05.2026