Tourismus

Jerusalem ist kein Skigebiet

Hoch über dem Boden, über das malerische Hinnom‐Tal, sollen die Besucher bald zur Kotel schweben. Die geplante Seilbahn in Jerusalem könnte demnächst bauliche Realität werden, jetzt, da die öffentliche Einspruchsfrist abgelaufen ist. Doch das Projekt ist höchst umstritten – nicht nur seiner politischen Brisanz wegen. Es sprechen sich auch Archäologen, Landschaftsplaner und Architekten aus dem In‐ und Ausland dagegen aus. Sie warnen vor einer Verschandelung und »Disneylandifizierung« der heiligen und historischen Stätten.

Der weltberühmte Architekt Daniel Libeskind, der unter anderem das Jüdische Museum in Berlin entwarf, schrieb in einem offenen Brief, dass das Projekt »kulturelle Schätze gefährdet, die nicht zu ersetzen sind«. Die Landschaft und das Stadtbild Jerusalems seien wertvolles Erbe der gesamten Menschheit.

Die Seilbahn soll im Westteil der Stadt losfahren und über den Ölberg sowie das Dungtor und die Davidstadt bis zum Tempelberg in der Altstadt verkehren.

Attraktion Im Mai 2017 hatte die Regierung den Vorschlag von Tourismusminister Yariv Levin für die Seilbahn angenommen, deren Bau in der ersten Phase vom Ministerium und der Jerusalem‐Entwicklungsgesellschaft durchgeführt werden soll. Die Kosten sind auf 50 Millionen Euro veranschlagt. Levin hatte damals gesagt: »Die zukünftige Seilbahn wird das Gesicht von Jerusalem verändern, einen einfachen und bequemen Zugang für Touristen und Besucher zur Kotel erlauben und zugleich eine einzigartige Attraktion sein. Es gibt keine passendere Zeit als diese – 50 Jahre nach der Vereinigung Jerusalems.« Das Projekt, das jetzt bestätigt wurde, wird neben dem Tourismusminister von Bürgermeister Mosche Lion unterstützt.

Die Seilbahn soll von der First Station, einem Restaurant‐ und Ausgehviertel im Westteil der Stadt, losfahren und über den Ölberg sowie das Dungtor und die Davidstadt bis zum Tempelberg in der Altstadt verkehren. Dort ist der Zugang derzeit nur durch beengte und meist überfüllte Wege und Tore mit Sicherheitschecks möglich. Straßen und Parkplätze in der Nähe sind durch Reisebusse und parkende Autos verstopft. Die Seilbahn aber soll nach Angaben des Tourismusministeriums »die Probleme umgehen und eine Lösung für die etwa 130.000 Menschen bieten, die wöchentlich an diesen Ort pilgern«.

In jeder der 40 Kabinen finden zehn Menschen Platz, pro Stunde sollen 3000 Besucher in jede Richtung transportiert werden. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 21 Kilometer pro Stunde auf einer vier Kilometer langen Strecke. Der Plan sieht 15 Masten im Hinnom‐Tal vor, von neun bis 26 Metern Höhe, über die die Seile verlaufen. Auf dem Zionsberg wird eine Mittelstation angelegt, im Stadtviertel Abu Tor im Ostteil ein Depot für die Seilbahnkabinen.

Archäologen befürchten die Beschädigung antiker Artefakte.

Losgehen soll es 2021. Befürworter argumentieren, dass es die »grünste und kostengünstigste Methode« sei. Die israelische Vereinigung von Reiseführern, die mehr als 2000 Mitglieder zählt, gehört zu ihnen. Der Vorsitzende Benny Kfir zitiert eine Studie seiner Vereinigung, derzufolge die massive Überbeanspruchung sowohl Touristen als auch Reiseführern sowie der Erfahrung an den Stätten schade. Es gebe daher dringenden Bedarf, die Altstadt zugänglicher zu machen. »Ich weiß, dass es Gegner gibt. Aber unsere Ansicht bedeutet nicht, dass wir Jerusalem weniger lieben«, so Kfir.

Stau Für viele Gegner geht es weniger um Gefühle als um Fakten. Allen voran hat sich die israelische Vereinigung von Architekten und Städteplanern gegen das Vorhaben ausgesprochen. Sie argumentiert, dass die Verkehrsprobleme durch die Seilbahn lediglich verlegt würden. An der First Station gebe es schon jetzt zu Hauptverkehrszeiten dichte Staus. Die Vereinigung legte dem verantwortlichen Nationalen Planungsrat (NPC) eine juristische Einschätzung vor, die besagt, dass es das Gesetz nicht erlaube, Touristeninfrastruktur in einem Nationalpark zu bauen, der von offenen Gegenden umgeben ist.

Außerdem kommentierte sie die Aussage der Planer, dass eine weniger invasive Linie der Straßenbahn (Light Rail) bis zum Dungtor dreimal so teuer wäre und die Fahrt doppelt so lange dauern würde, mit den Worten: »Gibt es keine Grenze für Zynismus und Vulgarität, wenn der Grund, dass man eine schädliche Option wählt, lediglich der ist, dass es schneller geht und billiger ist?«

Ihrem Einspruch haben sich andere angeschlossen. Dazu gehören 27 internationale Architekten, neben Libeskind unter anderem Santiago Calatrava, Ron Arad und Moshe Safdie. 70 bekannte israelische Persönlichkeiten haben eine Petition unterzeichnet, daneben haben verschiedene Naturschutzorganisationen ihre Opposition angekündigt. Auch die Gemeinde der Karäer spricht sich gegen die Seilbahn aus, die über ihren Friedhof führen würde, ebenso die Menschenrechtsorganisationen Emek Shaveh und Bimkom sowie zahlreiche jüdische und palästinensische Anwohner aus West‐ und Ost‐Jerusalem.

»Moderne Konstruktionen wie diese werden einen nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten«, ist der Experte überzeugt.

Gesetz Der renommierte Archäologe Meir Ben‐Dov ist ebenfalls entsetzt. Er hat bereits verschiedene Ausgrabungen rund um den Tempelberg geleitet und überwacht. »Moderne Konstruktionen wie diese werden einen nicht wiedergutzumachenden historischen und archäologischen Schaden anrichten. Es ist unvorstellbar, dass das, was in 2000 Jahren nicht ausgegraben wurde, jetzt aus einer Laune heraus zerstört wird. Das wird ein Schandmal werden.« Zudem ignorierten die Planer jegliche Eigentumsrechte, die durch die Seilbahn verletzt würden. Der Bau wäre seiner Meinung nach eine grobe Verletzung des Gesetzes über Altertümer, das besagt, dass Ausgrabungsstätten geschützt werden müssen.

Libeskind, der seinen Einspruch an die Anwälte David Schonberg und Chaim Crown sandte, die gegen das Projekt intervenieren, fügte noch hinzu: »Jerusalems Verkehrsprobleme sollten nicht durch eine Seilbahn gelöst werden. Die wird das Gesicht der Stadt verunstalten – mit einer Technologie wie in den Schweizer Bergen.«

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