Geschichte

Jom-Kippur-Krieg: Israels Trauma

Während des Jom-Kippur-Kriegs im Oktober 1973: Israelische Soldaten nehmen syrische Stellungen unter Feuer. Foto: picture-alliance / dpa

»Naftali geht nach Metula, um mit Eduard über die jüngsten Geschehnisse zu sprechen. Danach macht er einen Abstecher in die Arawa.« So oder so ähnlich könnte ein Telegramm im Oktober 1973 gelautet haben. Wobei Naftali nicht wirklich Naftali heißt, sondern Henry Kissinger, der eine Unterredung mit dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon hatte. Er ging auch nicht nach Metula, sondern ins Weiße Haus und später ins Pentagon.

Die Codenamen, die für bedeutende Personen während des Jom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 benutzt wurden, sind jetzt bekannt. Und noch viel mehr. Denn das israelische Staatsarchiv (ISA), Teil des Büros des Premierministers, hat zweieinhalb Jahre an der Offenlegung des Materials gearbeitet, das die Geschichte des Jom-Kippur-Krieges erzählt. Jetzt, 50 Jahre danach, sind mehr als 3500 Akten – darunter etwa 1400 Papiere, 1000 Fotos, 800 Audioclips, 150 Transkripte und acht Videos, die zum Teil streng geheim waren, veröffentlicht.

ministerien Das Material wurde in den verschiedenen Ministerien gesammelt und ist nun, da der Geheimhaltungsstatus abgelaufen ist, der breiten Öffentlichkeit zugänglich. Es beinhaltet Transkriptionen und Originaldateien von Ministerien, militärische, diplomatische und zivile Dokumente, Zeugenaussagen, Protokolle von Regierungs- und Kriegskabinettssitzungen, Diskussionen und Einschätzungen des Zivilschutzes sowie eindringliche Details von der Front.

»Am Morgen des 6. Oktober 1973, um 3.50 Uhr am Fasttag Jom Kippur, dem heiligsten Tag des jüdischen Jahres, weckte das Klingeln des Telefons Israels Premierministerin Golda Meir, nachdem sie kaum Schlaf gehabt hatte. Der Anrufer war ihr Militärsekretär Israel Lior, der ihr von einer dringenden Nachricht von Mossadchef Zvi Zamir erzählte, der nach London gereist war, um sich mit einer hochrangigen Quelle zu treffen. Wir wissen jetzt, dass es sich dabei um Ashraf Marwan handelte«, schreibt das Staatsarchiv.

Zamir berichtete, Ägypten und Syrien planten einen gemeinsamen Angriff auf Israel. Wenige Stunden später erreichte das Büro des Premierministers ein Telegramm mit dem vollständigen Bericht von Zamir. Es begann mit dem erschreckenden Satz: »Die ägyptische Armee und die syrische Armee werden am frühen Abend am Samstag, dem 6.10.73, einen Angriff auf Israel starten.« Es folgten sehr detaillierte Informationen über die Kriegspläne beider Armeen.

»19.32 Uhr: Die Lage ist schlecht. Der Feind hat uns umzingelt.«

Kommandeur der Einheit 252

Dieses Telegramm widerlegte die bis dato akzeptierte Einschätzung des militärischen Geheimdienstes, dass ein Krieg unwahrscheinlich sei. Die israelische Armee begann daraufhin, die Reservisten einzuberufen und sich fieberhaft auf einen feindlichen Angriff vorzubereiten.

Es war der Beginn eines der größten Dramen in der Geschichte Israels. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe erklärte Premierministerin Meir: »Ich sage dies im vollen Bewusstsein der Bedeutung – wir waren 1948 im Krieg um die Staatsgründung nie einer so großen Gefahr ausgesetzt.«

Die jetzt freigegebenen Dokumente wurden überprüft, gescannt und sind nun als Archivsammlung auf der ISA-Website für jedermann einzusehen. Sie beginnen mit der Entscheidungsfindung der Führung in Zeiten der Unsicherheit, den Kämpfen an den verschiedenen Fronten, den diplomatischen Kontakten zwischen den arabischen Ländern (Ägypten und Syrien) und den Großmächten bis zum Truppenteilungsabkommen vom Mai 1974.

KRIEGSTAGEBUCH Am 6. Oktober, dem ersten Tag des Krieges, schreibt der Kommandeur der Einheit 252 um 16.22 Uhr in sein Kriegstagebuch: »Ein Panzer brennt, einer funktioniert. Aber die Kanone nicht. Wir bitten um dringende Unterstützung. Ungefähr 100 Ägypter laufen über unseren Lituf (Codename des israelischen Bunkers). Wir haben viele Verwundete und Tote. Aber der Angriff wurde abgewiesen.«

19.32 Uhr: »Die Lage ist schlecht. Der Feind hat uns umzingelt. Zwei Panzer haben keine Munition. Die im Lituf Verbleibenden bekämpfen die vielen Amphibienfahrzeuge, die von nördlicher Seite kommen.«

16. Oktober, 10.50 Uhr: »Drei ägyptische MIG-Kampfjets sind über uns niedergegangen. Unsere Panzer greifen an.«

Die jetzt freigegebenen Dokumente wurden überprüft, gescannt und sind nun als Archivsammlung auf der ISA-Website für jedermann einzusehen.

Eindringliche Worte im Krieg, der noch heute, fünf Jahrzehnte danach, ein Trauma für Israel darstellt. Mit der Einsicht in das Material ist es zum ersten Mal möglich, Originaldokumente zu nutzen, um nicht nur die harten Fakten, sondern das Drama und die Emotionen, die sich in den Einheiten der Armee, der Führung des Landes und auch der Bevölkerung Israels abspielten, umfassend und direkt zu erforschen. Einige der Tagebuchaufzeichnungen spiegeln die Ereignisse Minute für Minute wider.

Chefarchivarin Ruti Abramovitz fasst zusammen: »Im Gegensatz zu anderen Archivpublikationen haben wir uns dieses Mal dafür entschieden, so viel wie möglich zu zeigen, praktisch die 360-Grad-Geschichte des Krieges, der alle Facetten des Lebens in Israel beeinflusste.« Die Arbeit war ein Gemeinschaftsprojekt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der meisten Abteilungen des Staatsarchivs. Es sei die größte Anstrengung dieser Art gewesen, die das Archiv jemals unternommen habe, weiß Abramovitz.

KOMPLEXITÄT »Die Materialien werden der Öffentlichkeit in Abschnitten angeboten, damit es trotz der Komplexität des Archivrohmaterials leicht ist, Informationen zu finden. Ich lade die Öffentlichkeit ein, nach persönlichen Informationen zu suchen und sich die Audioclips anzuhören, die uns in die Vergangenheit zurückversetzen«, so die Archivarin. »Damit Antworten auf die vielleicht noch offenen Fragen gefunden werden können.«

Am 24. Oktober schreibt der Kommandant der nördlichen Front in einem Telegramm: »Kämpfer des nördlichen Kommandos: heute, 19 Tage nach dem Beginn des Krieges, Waffenstillstand! Am Anfang des Krieges griff uns die syrische Armee an und erzielte in den Golanhöhen Erfolge. Wir haben sie in schwierigen und grausamen Schlachten blockiert. Ihr Kampfgeist und ihre Hingabe haben uns hierher gebracht. Es war ein blutiger Krieg, in dem viele von unseren Kameraden gefallen sind. Dank ihnen haben wir gewonnen.«

Israelisches Staatsarchiv: https://catalog.archives.gov.il/publication/YKW/

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