Verfassungskrise

Israels Oberstes Gericht berät über umstrittenes Gesetz

Israels oberste Richterin Esther Chajut Foto: copyright (c) Flash90 2023

Israels Oberstes Gericht hat sich erstmals mit Petitionen gegen ein Gesetz befasst, das es deutlich schwerer macht, einen Ministerpräsidenten für amtsunfähig zu erklären. Die oberste Richterin Esther Chajut sowie zwei weitere Richter kamen in der Angelegenheit am Donnerstag im Gericht in Jerusalem zusammen. Unklar war, wann genau ein Urteil fallen wird. Die Richter beendeten am Nachmittag nach rund fünf Stunden die Sitzung.

Generalstaatsanwältin: Gesetz auf Netanjahu zugeschnitten

Israels Parlament (Knesset) hatte das Gesetz im März verabschiedet. Dem Gesetz zufolge wäre eine Amtsenthebung nur wegen psychischer oder anderer gesundheitlicher Gründe möglich. Außerdem ist dafür eine Mehrheit von 75 Prozent der Regierung und von mindestens 80 der 120 Abgeordneten notwendig. So soll eine Einflussnahme des Obersten Gerichts oder der Generalstaatsanwaltschaft verhindert werden.

דיון בבית המשפט העליון בעתירות בעניין תיקון מס‘ 12 לחוק יסוד: הממשלה העוסק בהסדר נבצרות ראש הממשלה - YouTube

Die Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara hatte die Aufhebung des Gesetzes gefordert, weil es persönlich auf den Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zugeschnitten sei. Netanjahu ist aktuell wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt. Chajut sagte während der Anhörung, es sei »klar«, dass das Gesetz zu Netanjahus Nutzen verabschiedet wurde.

Es wird davon ausgegangen, dass der Regierungschef sich mit dem Gesetz dagegen absichern will, wegen eines möglichen Interessenkonflikts des Amtes enthoben zu werden. Ein vergleichbares Urteil wurde in Israel bisher aber noch nie gefällt. Auch wenn das Gesetz einkassiert werden sollte, wäre eine Amtsenthebung Medienberichten zufolge unwahrscheinlich.

Israel vor wegweisender Entscheidung

Netanjahus Regierung treibt seit Monaten einen höchst umstrittenen Umbau der Justiz voran. Ende Juli verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das dem Obersten Gericht die Möglichkeit nimmt, gegen »unangemessene« Entscheidungen der Regierung vorzugehen. Am 12. September wollen erstmals alle 15 Richter des Obersten Gerichts zusammentreten, um sich mit Petitionen gegen dieses Gesetz zu befassen.

In beiden Fällen handelt es sich um Änderungen bestehender Grundgesetze. Das Oberste Gericht hat bisher noch nie ein solches Gesetz einkassiert. Sollte dies nun geschehen und die Regierung die Entscheidung nicht akzeptieren, droht dem Land eine Staatskrise.

Minister deuten an, sich nicht an Entscheidung halten zu wollen

Kulturerbeminister Amichai Elijahu sagte Medien vor der Anhörung: »Wir müssen die Entscheidung des Gerichts nicht respektieren, genauso wie es die Entscheidungen der Knesset nicht respektiert«. Das Gericht sei nicht befugt, sich gegen Grundgesetze zu stellen. Ministerin für nationale Missionen, Orit Struck, sagte der Nachrichtenseite »ynet«, bei einer Ablehnung des Gesetzes, finde sich das Gericht in einem »irren Lauf zum Abgrund« wieder. »Das wird noch größere Auswirkungen auf unsere Pflicht haben, das Justizsystem zu reformieren.« Netanjahu legte sich bisher noch nicht öffentlich fest, ob er sich an die Entscheidung des Gerichts halten würde.

Netanjahus Koalition wirft der unabhängigen Justiz im Land zu viel Einfluss auf politische Entscheidungen vor. Gegner der umstrittenen Reform sehen die Gewaltenteilung und damit die Demokratie in Gefahr.

Neue Proteste

Während der Anhörung versammelten sich Dutzende Demonstrantinnen und Demonstranten vor dem Gericht. Bereits am Mittwochabend zogen Hunderte mit Blick auf die Beratung durch die Küstenstadt Tel Aviv. »Wir werden nicht zulassen, dass sich Israel in eine Diktatur verwandelt«, hieß es von den Veranstaltern.

Jerusalem

Gadi Eisenkot baut Vorsprung vor Netanjahu aus

Seine Partei Yashar könnte damit auf eine Mehrheit von 61 Sitzen kommen, ohne auf arabische Parteien angewiesen zu sein.

 08.09.2026

Luftfahrt

Delta und United fliegen wieder nach Israel

Auch europäische Linien bereiten eine Wiederaufnahme ihrer Routen zum Ben-Gurion-Flughafen vor

 08.09.2026

Jerusalem

Bericht: Netanjahu wurde vor dem 7. Oktober von den Vereinigten arabischen Emiraten gewarnt

»Seine Missachtung der Warnungen kommt einer strafrechtlich relevanten Fahrlässigkeit gleich«, erklärt der frühere Ministerpräsident Naftali Bennett

 08.09.2026

Jerusalem

Oberstes Gericht weist Klage von Israelis im Ausland wegen fehlendem Wahlrecht ab

Die Richter entschieden nicht über die grundsätzliche Frage, ob die Betroffenen zu Unrecht von der Wahl ausgeschlossen wurden, sondern verwarfen den Antrag aus verfahrensrechtlichen Gründen

 08.09.2026

Kommentar

Warum der Börsenverein des Deutschen Buchhandels nie wieder »Nie wieder!« sagen sollte

Wer Antisemitismus nur dort bekämpft, wo es bequem ist, bekämpft ihn nicht – und wer wie im Fall Maha El Hissy konkrete Vorwürfe nicht ernsthaft prüfen will, sollte aufhören, zu erklären, wie ernst er diesen Kampf nimmt

von Andreas Büttner  08.09.2026

Deutschland

Schoa-Überlebende und Antisemitismusbeauftragte rechnen mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Maha El Hissy ab

Die Hintergründe

 08.09.2026

Reaktion

Israels Botschafter spricht Klartext über AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt

Ron Prosor ist besorgt. Was sagt der Diplomat zum Sieg der Rechtsextremisten?

 07.09.2026

»Freedom Flotilla Coalition«

Neue Gaza-Flottille unterwegs

Die Initiatoren wollen den Gazastreifen im Oktober erreichen und fordern eine »globale Intifada«

 07.09.2026

Israelische Zeitungen

Wahlen

Wie in Israel über den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt berichtet wird

Der AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt sorgt im jüdischen Staat für Unruhe – und löst eine ambivalente Debatte über die Partei und ihre Haltung zu Juden und Israel aus

von Sabine Brandes  07.09.2026