Südamerika

Israels neue Strände

Benjamin Netanjahu und Jair Bolsonaro (r.) in einer Synagoge in Rio de Janeiro Foto: Reuters

So viel Zuspruch, ja, Zuneigung, wie er in Brasilien erlebt hatte, muss Benjamin Netanjahu in seinem Heimatland oft vermissen. Vor einer Woche besuchte Israels Ministerpräsident das größte und bevölkerungsreichste Land Südamerikas, und am zweiten Tag seines Staatsbesuches in Brasilien hatte er frei, denn es war Schabbat.
Zusammen mit seiner Frau Sara nutzte Netanjahu diese freie Zeit für einen Spaziergang am Strand von Leme, in der Nähe des Hotels, in dem sie untergebracht waren.

Während die beiden, begleitet von israelischen Sicherheitsbeamten und Agenten der brasilianischen Bundespolizei, über die Promenade zum Strand spazierten, skandierten einige Passanten Netanjahus Namen. Auch Slogans, die Bibi und Israel unterstützten, waren zu hören. Gerade einmal ein einzelner Badegast am Strand rief nach einem »freien Palästina«, was Netanjahu mit einem »von der Hamas« ergänzte. Am Strand selbst spielte ein gut gelaunter Bibi dann mit einigen Jungen Fußball.

POPSTAR Bemerkenswert viel Zuneigung brachten die meisten Brasilianer Netanjahu während seiner fünftägigen Reise entgegen. Als erster Ministerpräsident Israels überhaupt hatte Netanjahu über den Jahreswechsel das südamerikanische Land besucht. Der Onlinedienst »Times of Israel« verlieh ihm sogar »Popstar-Status«. Das mag übertrieben sein, Fakt ist, Brasiliens neuer, vielen als rechtsradikal geltender Präsident Jair Bolsonaro und Israels rechter Ministerpräsident überhäuften sich bei den öffentlichen Veranstaltungen und in den sozialen Medien mit Sympathiebekundungen.

Bei einer Zeremonie in der Kehila-Yaacov-Synagoge im Herzen von Copacabana, an der neben Bolsonaro rund 500 Mitglieder der jüdischen Gemeinde teilnahmen, nannte Netanjahu den brasilianischen Präsidenten »yedidi«, meinen Freund, und eine »Legende«. »Es ist nicht nur Freundschaft, kein Interessenspakt, es ist ein Pakt von Brüdern«, so Israels Premier.

»Über Nacht ist Brasilien von feindlich zu wohlwollend geworden«, betont Benjamin Netanjahu.

»Die brasilianische jüdische Gemeinschaft sieht in den nächsten Jahren vielversprechende Anzeichen in den bilateralen Beziehungen zwischen Brasilien und Israel«, sagte Fernando Lottenberg, Präsident des Dachverbandes CONIB. »Es gibt eine sehr vielschichtige Agenda, an der wir in den letzten Jahren gearbeitet haben und die eine neue Dimension annehmen könnte.«

Bei Bolsonaros Amtseinführung am Neujahrstag in Brasilia war auf dem Praça dos Três Poderes, dem Platz der drei Gewalten, unter den Sympathisanten des neuen Präsidenten neben vielen brasilianischen Fahnen auch die blau-weiße Fahne Israels mit dem Davidstern zu sehen – deutlicher Ausdruck einer Verschiebung in den brasilianisch-israelischen Beziehungen.

DONALD TRUMP Brasilien wird unter Bolsonaro seine multilaterale Politik zurückfahren und sich der Regierung Donald Trump in Washington annähern. Die Verlegung von Brasiliens Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem ist ein erstes Zeichen. Bolsonaro bekräftigte während des Netanjahu-Besuches die umstrittene Entscheidung, mit der er den USA folgt, nannte aber kein Datum. »Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wann«, kommentierte ein zufriedener Netanjahu.

Darüber hinaus vereinbarten Bolsonaro und Netanjahu eine strategische Partnerschaft zwischen beiden Ländern und eine engere Zusammenarbeit in Bereichen wie Technologie, Verteidigung, Landwirtschaft, Sicherheit und Wasserversorgung.

Brasilien spielt als wirtschaftlich stärkstes Land Südamerikas eine Schlüsselrolle in Israels Außenpolitik – nicht zuletzt um Irans Einfluss im Nahen Osten zu begrenzen. Zudem beherbergt das Land nach Argentinien mit mehr als 150.000 Mitgliedern die zweitgrößte jüdische Gemeinde Südamerikas.

Die Annäherung Israels an Brasilien lässt sich jedoch nicht nur aus einer wirklichen oder vermeintlichen politischen Nähe zwischen Netanjahu und Bolsonaro erklären. Die Regierung in Jerusalem hatte zuletzt ohnehin ihre diplomatischen Aktivitäten in der Hemisphäre verstärkt: Im September 2017 war Netanjahu als erster israelischer Premierminister nach Lateinamerika gereist; er hatte Argentinien, Kolumbien und Mexiko besucht. Brasilien hatte sich da noch unter den linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff um eine Annäherung an den Iran bemüht, was zu Spannungen im israelisch-brasilianischen Verhältnis führte.

KURSWECHSEL Der konservative Übergangspräsident Michel Temer vollzog einen Kurswechsel – und unter Bolsonaro dürfte das Verhältnis zu Israel noch enger werden. »Bis vor wenigen Monaten war Brasilien das unerreichbare Ziel der israelischen Diplomatie. Über Nacht ist es von feindlich zu wohlwollend geworden«, sagt Netanjahu mittlerweile.

Allerdings bettet sich die neue Partnerschaft von Brasilien und Israel sehr wohl in den Rechtsruck in der Region ein. Zu der Achse Washington-Bogota-Brasilia gesellt sich nun Jerusalem. Ein gemeinsamer Nenner ist die Vorstellung einer jüdisch-christlichen Tradition, wie sie vor allem bei evangelikalen Gruppen zentral ist. Diese waren zusammen mit konservativen katholischen Gruppen für Bolsonaros Wahlsieg sehr bedeutend. Die radikalen evangelischen Gemeinden sehen Jerusalem als einzige und unteilbare Hauptstadt an.

Netanjahu sagte, Bolsonaro habe seine Einladung zu einem Besuch in Israel im März angenommen – wenige Wochen vor den Wahlen dort. Ob der Besuch des brasilianischen Präsidenten seinem »yedidi« Netanjahu helfen wird, im Amt zu bleiben, ist eine offene Frage.

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