Porträt

Israelischer als so mancher Israeli

Ulrich Sahm kehrte nach 52 Jahren in Israel in die Bundesrepublik zurück. Foto: Ulrich Sahm

Porträt

Israelischer als so mancher Israeli

Gut ein halbes Jahrhundert lang war Ulrich Sahm Korrespondent in Jerusalem. Nun ist er zurück nach Deutschland gezogen

von Imanuel Marcus  26.04.2023 12:15 Uhr

Es gehört schon einiges dazu, 52 Jahre lang ein und dieselbe Arbeit zu verrichten. Tagein tagaus, fast ein ganzes Leben lang. Im Jahr 1970 begann Ulrich Sahm, aus Israel zu berichten. Während er dies mit viel Hingabe, Fleiß und Ausdauer tat, zogen die Jahreszeiten 52-mal vorbei, Terrorattacken und Kriege geschahen, aber auch freudige Ereignisse. Kollegen und Regierungen kamen und gingen. Einer blieb, nämlich Ulrich Sahm. Er war die Konstante, bis er vor wenigen Wochen tat, was andere vielleicht viel früher getan hätten, nämlich nach Deutschland zurückkommen.

Nach gesundheitlichen Problemen, die sich gerade langsam verflüchtigten, fiel der langjährige Korrespondent auch noch eine Kellertreppe hinunter. Kurz danach kam er in sein Geburtsland zurück, um sich in Bremen niederzulassen, in der Nähe seiner Freundin, in einer kleinen Wohnung, die er bis vor kurzem noch suchte.

Ansteckendes Lächeln Am Computer-Bildschirm saß Ulrich Sahm zunächst in der Bonner Wohnung seines »kleinen« Bruders, um der Jüdischen Allgemeinen von seinem halben Jahrhundert im einzigen jüdischen Staat auf diesem Planeten zu erzählen. Trotz der durch den Sturz entstandenen Blessuren zeigt er das ansteckende Lächeln eines Schuljungen, und dies mit 72 Jahren. Als junger Mann zog er nach Israel, als langsam alt werdender Herr mit graumelierter Haarpracht ist er nun wieder da.

Im Jahr 1954 kam er als vierjähriges Kind bundesdeutscher Diplomaten nach London: »Ich bin dort eingeschult worden. Deswegen rechne ich bis heute auf Englisch.« Mit 12 fand sich Ulrich Sahm plötzlich in Paris wieder: »In Frankreich hatte ich viele israelische Klassenkameraden. Deswegen fing ich mit 12, 13 Jahren an, in den Pausen Hebräisch zu lernen, weil ich mit denen so viel gequatscht habe.« Dieser Aspekt sollte Folgen haben, für sein ganzes Leben. Zunächst aber schickten ihn seine Eltern in die Bundesrepublik zurück, wo er an der Odenwaldschule lernte.

Theologie, Judaistik und Linguistik waren Sahms Wahl an der Uni.

Theologie, Judaistik und Linguistik waren Sahms Wahl an der Uni. »Und da ich dann Theologe mit besonderer jüdischer Vorbildung war, bin ich 1970 nach Israel gefahren, um dort weiter zu studieren«, erinnert sich Ulrich Sahm. »In Israel kannst du alles studieren außer Judaistik, das gibt es dort nicht. Ich habe mich dort eingetragen an der Uni, für Hebräische Literatur. Das hatte den Vorteil, dass die mich nicht gefragt haben, ob ich überhaupt Hebräisch kann. Ich musste also keine Sprachprüfung machen, denn wenn jemand hebräische Literatur studiert, dann gehen die eigentlich davon aus, dass man dann auch die Sprache kann. Ist doch klar.« Das ist es in der Tat.

Autodidakt Dann kam Ulrich Sahm »irgendwie auf die Idee, Vorträge zu halten«, vor Gruppen von Journalisten, die nach Israel kamen. »Einer von der Mainzer Allgemeine sagte: ‚Dann schreib doch mal auf, was du uns alles erzählt hast.‘ Dann habe ich mich hingesetzt und alles aufgeschrieben und dann haben die das auch prompt veröffentlicht. Das war mein erster Zeitungsartikel.« Dieser führte zum nächsten. Eine lange Korrespondentenkarriere wurde so initiiert. Das alles geschah fünfzehn Jahre, bevor die ersten privaten Radio- und TV-Sender in Deutschland gegründet wurden. Für sie arbeitete Sahm aber auch intensiv und lange. Er war »Journalist als Autodidakt, wenn du so willst.« Und Korrespondent für so gut wie Alle.

»Hundert,6« war ein Berliner Radiosender, der viel abnahm. Selbiges galt über Jahre hinweg für n-tv. Mal kamen Medien dazu, während andere absprangen. Ulrich Sahm machte weiter, was auch passierte.

Er war im richtigen Land, aus vielen Gründen — inklusive der Technik, einem der Bereiche, in dem die Israelis viel vorzuweisen haben. Eines Tages sei »so ein Telefontechniker« vorbeigekommen. »Er hat dann alle Kabel rausgenommen und wieder reingesteckt. Dies führte dazu, dass ich der erste Mensch in der ganzen Welt war, der einen Text an eine Redaktion per Elektronik geschickt hat.« Mit einer »billigen Computerkamera« funktionierte dann auch die Berichterstattung für n-tv. Damals war dieser Weg neu. Sahm war wieder der Erste.

Unterhose »Du, die haben mir eine Pauschale gezahlt und konnten mich dann anrufen, wann immer sie wollten. Berühmt war ich dafür, dass ich da in der Unterhose saß. Das sah man ja nicht.« In Sahms Artikeln und Radioberichten sah man dies zum Glück ebenso wenig.

Ein Motto hat Ulrich Sahm über Jahrzehnte hinweg befolgt: »Als freier Korrespondent wird man nicht krank. Ganz einfach.« Es sei denn, man wird es doch irgendwann. »In letzter Zeit habe ich Herzprobleme bekommen. Und dann haben sie in meinem Bein eine Thrombose entdeckt. Au, das ist nicht witzig, sowas. Sie haben mich operiert, in einem schrecklich frommen Hospital.« Mit offenem Bein musste er zwischendurch die Krankenhäuser wechseln. Dann war alles wieder gut.

Im Oktober 1973, noch zu Beginn von Sahms Zeit in Israel, griff eine Koalition arabischer Staaten, angeführt von Ägypten und Syrien, Israel an. Der Jom Kippur-Krieg war eines der vielen Ereignisse, über die er vor Ort berichten musste. Er war allerdings gerade für ein Forschungsprojekt in Deutschland, als Übersetzer. »Dann hörte ich Krieg und habe ich mich an die israelische Botschaft gewandt.« Es gab aufgrund des Angriffs keine Linienflüge.

Längliche Kisten »Dann wartete ich in Ramstein darauf, nach Israel zu fliegen. Mit den Amerikanern.« Die Deutschen hätten damals gerade den USA verboten, Waffen über Ramstein nach Israel zu schicken, so Ulrich Sahm. »Ich saß im Flugzeug und dachte an nichts Böses. Dann kamen lauter starke Männer mit länglichen Kisten auf den Armen und füllten damit die hinteren Sitzreihen.«

»Ich habe ja mehrfach Krieg, Terror und frag mich nicht was erlebt.«

ulrich sahm

»Ich habe ja mehrfach Krieg, Terror und frag mich nicht was erlebt. Einmal hatte ich Besuch. Wir haben die Leute in Jerusalem zum Mittagessen getroffen. Danach wollte ich mit denen in die Ben Jehuda-Straße gehen. Wir warteten und warteten auf einen Beamten vom Außenministerium, der auf der Toilette war und wohl ‚Ladeschwierigkeiten‘ hatte.« Dann passierte es. »Als er endlich rauskam, gab es einen lauten Knall. Es war der berühmte Terroranschlag von palästinensischen Terroristen auf eine Gruppe kleiner Mädchen mitten in der Fußgängerzone in Jerusalem.«

Es war der 4. September 1997, als sich drei Selbstmordattentäter der Hamas in die Luft sprengten. Fünf Israelis, darunter die vierzehnjährigen Mädchen Sivann Zarka, Yael Botvin und Smadar Elhanan wurden bei dem Anschlag ermordet. Was wäre Ulrich Sahm widerfahren, wenn der Beamte schneller aus der Toilette zurückgekommen wäre? »Dann wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Es ist verrückt, aber das sind so die Zufälle des Lebens.«

»Was mich besonders mitgenommen hat, das waren manche Terroranschläge, wo dann auch persönliche Freunde getroffen wurden«, erinnert er sich heute.

Distanz Ulrich Sahm ist nicht nur ein Freund Israels, sondern vermutlich auch israelischer als so mancher Israeli. Sein Vorteil: Als Deutscher und Nicht-Jude konnte er relativ problemlos nach Gaza fahren, um sich ein Bild zu machen.

Generell machte er im Laufe seiner 52 Jahre in Israel viel richtig. Zum Beispiel versuchte er erfolgreich, eine gewisse Distanz zu halten: »Ich muss dir ganz ehrlich sagen, ich habe eigentlich nicht wirklich eine politische Meinung. Das heißt, die Euphorie von linken und rechten Israelis kann ich nicht wirklich teilen.« Dennoch war Sahm als Korrespondent eindeutig pro-israelisch.

Sahm hat Pläne, die er nun in der Bundesrepublik angehen will: »Ich verfolge natürlich, was da unten in Israel passiert. Besonders interessieren mich die Archäologie und das Altertum. Ich plane eigentlich, da weiterhin auch schriftstellerisch aktiv zu sein.«

Auch damit hat Ulrich Sahm bereits Erfahrung. Sein Kochbuch »Wundersa(h)mes aus Jerusalem« erschien 2011. Mit der israelischen Fotografin Varda Polak veröffentlichte er bereits im Jahr 2000 den Fotoband »Vom Brot allein«. Sein drittes Buch, »Alltag im Gelobten Land« von 2010 bietet einen lebensnahen Einblick. Vermutlich wird es bald noch mehr Lesestoff von ihm geben.

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