Corona-Pandemie

Israel: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von Virus-Varianten?

Foto: Getty Images

Nach und nach setzt sich in immer mehr Ländern die Delta-Variante des Corona-Virus durch. Auf Facebook (archiviert) wird behauptet, Israel und England seien die »am meisten durchgeimpften« Länder und hier fänden sich auch die meisten mit den »neuen Mutanten« infizierten Menschen. Dies sei Beleg dafür, dass Impfungen die Entstehung von Mutationen fördern würden. Ist das korrekt?

Bewertung

Großbritannien und Israel sind nicht die Länder mit dem höchsten Prozentsatz an Geimpften. Wo es die meisten Infektionen mit den neuen Corona-Varianten gibt, lässt sich nicht seriös beantworten. Dafür, dass Impfungen die Entstehung Delta- oder Gamma-Variante gefördert hätte, gibt es keine Belege.

Fakten

Dass Impfungen von sich aus die Entstehung von Mutationen fördern, ist falsch. Mutationen sind Veränderungen, die aufgrund bestimmter Faktoren in der Erbgut-Vermehrung passieren und umso wahrscheinlicher sind, je mehr Viren im Umlauf sind. Daher machen Impfungen Mutationen eher weniger wahrscheinlich. Falls doch welche passieren, dann bleiben jedoch die Virus-Mutanten erhalten, die sich am ehesten gegen eine Impfung durchsetzen können. So ist auch die Aussage von RKI-Präsident Lothar Wieler am 29.1.2021 zu verstehen, als er sagte, dass »je mehr wir impfen, desto mehr Varianten« auftreten würden.

Zudem ist die Behauptung England und Israel seien die am »meisten durchgeimpften« Länder ebenso falsch, wie es weltweit vergleichbare Daten zum Anteil der neuen Virus-Varianten in den einzelnen Ländern bislang nicht gibt.

Die neuesten der besorgniserregenden Virusmutationen, der sogenannten »Variants of Concern« (VoC), sind die Delta-Variante und die Gamma-Variante. Sie wurden im Dezember 2020 entdeckt, die Gamma-Variante in Brasilien, die Delta-Variante in Indien. Letztere spielt inzwischen im weltweiten Infektionsgeschehen eine deutlich größere Rolle.

Ob eine Corona-Infektion von einem dieser mutierten Erreger verursacht wurde, lässt sich nur sagen, wenn in einem Sequenzierung genannten Vorgang das Erbgut des Virus nach einem positiven Test analysiert wird. Das aber geschieht weltweit in extrem unterschiedlichem Ausmaß. Welche Auswirkungen das hat, lässt sich an einem Vergleich von Großbritannien und Indien sehen.

Auf dem in Kooperation mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium betriebenen Portal GISAID werden nach Ländern aufgeschlüsselte gemeldete Infektionszahlen mit den Virusvarianten aufgeführt. Dort liegt das Vereinigte Königreich bei den gemeldeten Deltavarianten-Infektionen in absoluten Zahlen an erster Stelle, mit 91.812 erfassten Infektionen. Erst weit danach folgt Indien, mit 9.919 erfassten Delta-Infektionen.

Das ist auf den ersten Blick überraschend, da Indien, wo die Delta-Variante zuerst auftrat, mehr als zwanzigmal so viele Einwohner hat wie das Vereinigte Königreich und die Corona-Lage im Land auch wegen der Delta-Variante dramatisch war, wie in zahlreichen Artikeln berichtet wurde, etwa hier. In Indien läuft aber die Sequenzierung nur sehr schleppend, wie die indische Nachrichtenseite Scroll hier analysiert. Es ist also extrem wahrscheinlich, dass in Indien deutlich mehr Menschen mit der Delta-Variante infiziert sind als in Großbritannien.

GISAID selbst weist auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nachdrücklich darauf hin, dass die bei ihnen aufgeführten Zahlen nicht den tatsächlichen Fällen entsprechen. In den meisten Ländern würde »nur ein Bruchteil« sequenziert. International lässt sich also nicht sagen, wo die Delta- und die Gamma-Variante am häufigsten vorkommen.

Eine zuverlässige Quelle von Daten zur weltweiten Impfsituation ist die unter anderem von der Universität Oxford betriebene Seite ourworldindata.org. Dort lässt sich sehen, dass UK und Israel zwar sehr weit vorne sind, was die Impfungen angeht, aber nicht an erster Stelle. Neben diversen Kleinststaaten liegen die Vereinigten Arabischen Emirate (64 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft) vor Israel (59,85 Prozent). Vor dem Vereinigten Königreich (49,68 Prozent) liegen unter anderem auch noch Uruguay, die Mongolei oder Chile. dpa

Links

Facebook-Post (archiviert)

Artikel in »Nature« zu ourworldindata (archiviert)

Informationen zu Corona-Impfungen weltweit (archiviert am 6.7.2021)

Informationen zu Virusvarianten bei der Europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC (archiviert)

Artikel im »Scientific American« zum unterschiedlichen Stand bei der Sequenzierung (archiviert)

Informationen zu GISAID beim Bundeslandwirtschaftsministerium (archiviert)

Erfasste Infektionen mit der Delta-Variante bei GISAID am 5.7.2021 (archiviert)

dpa-Bericht zur Corona-Lage in Indien bei faz.net (archiviert)

Bericht über schleppende Sequenzierung von Proben in Indien bei »Scroll« (archiviert)

»Wie gefährlich sind die neuen Varianten?« auf quarks.de

»Deutsches Ärzte-Blatt« zur Entstehung von Corona-Mutationen (archiviert)

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