Jerusalem

Israel für alle?

»Es ist kein Geheimnis, dass die jüngsten Wahlen in Israel dazu geführt haben, dass sich viele Juden in der ganzen Welt echte Fragen über die Zugehörigkeit zu unserem eigenen Kollektiv stellen.« Mit dieser aktuellen Chanukka-Botschaft wandte sich Israels Präsident Isaac Herzog am Montag an die jüdischen Gemeinden in aller Welt.

Es war eine Botschaft in einer besonderen Woche für Israel und die jüdische Welt. Nicht nur wird Chanukka gefeiert. Auch war am Montag noch immer nicht klar, ob der designierte Premierminister Benjamin Netanjahu sieben Wochen nach der Wahl die Regierungsbildung endlich abschließen kann. Alles deutete darauf hin, in der Nacht zum Donnerstag sollte die Frist ablaufen.

auftakt Insofern sei den Mitgliedern der scheidenden Regierung nicht klar, wie viele Tage sie überhaupt noch im Amt seien, erklärte Nachman Shai, als er am Montag zum Auftakt des 5. Jewish Media Summit die mehr als 70 jüdischen Medienvertreter aus aller Welt in Jerusalem begrüßte. Auf jeden Fall stehe außer Frage, dass sich seine Zeit als Diasporaminister dem Ende zuneige.

»Die Zeit, in die wir jetzt eintreten, ist eine Herausforderung«, betonte er. »Ich bin besorgt, dass die neue Regierung die Beziehungen zwischen der jüdischen Weltgemeinschaft und Israel beschädigen wird.« Dies könne aufgrund von ideologischen Unterschieden, wegen der politischen Zugehörigkeit und teilweise aufgrund von Unwissenheit geschehen.

Einigen der Gewählten fehle es an ausreichender Erfahrung, meinte Shai. »Und einige der Forderungen der Koalition widersprechen meines Erachtens dem demokratischen Charakter des Staates Israel und sind sogar kontraproduktiv.« Das sei alarmierend, »das ist gefährlich«.

Verantwortung Auch der scheidende Verteidigungsminister Benny Gantz gab sich am Montagabend mit Blick auf die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora besorgt. Gantz bezeichnete dies vor den Teilnehmern des Medientreffens als eine strategische Frage. Die mehr als 3000 Jahre alte Verbindung sei allerdings stärker als jede einzelne Führungsperson, jede Regierung oder jedes Ereignis. Es sei die Verantwortung der Regierung in Israel und der jüdischen Führungspersönlichkeiten in aller Welt, sämtliche Strömungen des Judentums anzuerkennen und zu integrieren.

Uriel Heilman von der Jewish Telegraphic Agency (JTA), Teilnehmer des Jewish Media Summit als Direktor des hebräischen JTA-Angebots, äußerte ebenfalls die Vermutung, dass die neue Regierung nicht derart an der Realität der Diaspora interessiert sein werde wie frühere Regierungen.

Jüdische Führungspersönlichkeiten in der Diaspora würden darauf reagieren, beispielsweise wenn es um die strittigen Themen Rückkehrgesetz, Konversion oder insgesamt um Fragen religiöser Pluralität geht. Heilman ist davon überzeugt, dass Israel von der Diaspora lernen könne, unter anderem bei der Anerkennung jüdischer Identität, die nicht auf Orthodoxie beschränkt sei.

sensibilität Bei einem Gespräch in der Knesset räumte der Likud-Abgeordnete Yuli Edelstein ein, dass es auch seiner Meinung nach in der kommenden Koalition sehr viele Parlamentarier gebe, »denen die nötige Sensibilität für Fragen der Dias­pora fehlt«. Das bedeute aber nicht, dass die neue Regierung entsprechend handeln werde.

Beispielsweise habe er sich schon lange dafür starkgemacht, dass das Rückkehrgesetz, nach dem jede Jüdin und jeder Jude das Recht hat, israelischer Staatsbürger zu werden, nicht geändert werde. Dieses Gesetz und die Frage, wer überhaupt als jüdisch anerkannt wird, werde nun unglücklicherweise diskutiert, sagte Edelstein. Diese Diskussion werde weitergehen, aber er ist davon überzeugt, dass dies keine praktischen Auswirkungen haben wird.

»Viele Juden in aller Welt stellen sich echte Fragen über die Zugehörigkeit zu unserem Kollektiv.«

Präsident Isaac Herzog

Edelstein bezeichnet sich selbst als orthodox. »Aber es sollte klar sein«, sagte der ehemalige Knessetsprecher, »dass Juden heutzutage verschiedener Überzeugung sind, aber wenn man miteinander reden und niemanden verlieren will, ist es sehr wichtig, zu lernen und sich entsprechend zu verhalten.«

Herausforderung Doron Almog, Präsident der Jewish Agency, wollte seine Erwartungen an die neue Regierung eigentlich nicht beschreiben, verwies darauf, dass er erst einmal abwarten wolle, bis sie im Amt ist. Der ehemalige Generalmajor der israelischen Armee ist erst seit wenigen Monaten an der Spitze der Organisation. Er betont, dass er der Erste in dieser Funktion sei, der nicht aus der Politik kommt.

Almog meint, er sei optimistisch im Hinblick auf die anstehenden Herausforderungen. Er betrachte es jetzt als die wichtigste Aufgabe, das jüdische Volk zu einen, ungeachtet der religiösen Strömungen oder säkularen Ansichten. »Der Staat Israels ist eine Partnerschaft zwischen denen, die im jüdischen Staat leben, und allen Juden in der Welt«, so Almog.

Jüdische Journalisten aus Panama, Ungarn, Mexiko, Südafrika, USA und vielen anderen Ländern nahmen an dem viertägigen Treffen teil, das vom Regierungspresseamt und dem Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten organisiert worden war.

abschluss Zum Abschluss des Jewish Media Summit am Donnerstag sollte sich auch Präsident Herzog nochmals zu den Beziehungen Israels mit der Diaspora äußern. Womöglich wird er dabei an seine Chanukka-Botschaft vom Montag erinnern, in der er sagte, dass er die ernsthaften Stimmen begrüße, die zeigen, wie viel Israel allen bedeutet.

»Ich möchte uns daran erinnern, dass die Auseinandersetzung mit schwierigen Fragen schon immer Teil der jüdischen Geschichte und des jüdischen Weges war«, so Israels Staatspräsident. Und anlässlich des Lichterfestes ergänzte Herzog: »Auf einer Menora mit acht Kerzen ist Platz für uns alle.«

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