Während Raketenalarme in Israel weiterhin den Alltag bestimmen, ist vor allem die Geheimhaltung auffällig. Das meint auch Sima Shine, ehemals Mossad und Direktorin des Forschungsprogramms »Iran und die schiitische Achse« am INSS, dem Institut für nationale Sicherheitsstudien. »Am dritten Tag des Krieges von Israel und den USA gegen den Iran wissen wir so gut wie nichts darüber, was die USA im Iran tun und auch erstaunlich wenig, was Israel unternimmt.«
Das sei kein Zufall, sondern Absicht. Die Geheimhaltung solle verhindern, dass Sicherheitsstrukturen im Iran rechtzeitig reagieren können. Vieles deute jedoch darauf hin, dass die militärischen Operationen weitgehend nach einem lang vorbereiteten Plan verlaufen, vermutlich abgestimmt zwischen Washington und Jerusalem. Nach Shines Einschätzung laufen die Angriffe bislang sogar reibungsloser als erwartet, vor allem, was Timing und Koordination betrifft.
Ziele im Visier der Operation seien auf militärischer Ebene vor allem ballistische Raketenprogramme, Einrichtungen der Revolutionsgarden sowie die nuklearen Anlagen, die beim vergangenen Irankrieg im Juni 2025 zwar beschädigt, aber nicht vollständig zerstört wurden.
Zukunft des Regimes hängt vor allem von der Bevölkerung ab
Neben der militärischen Dimension gehe es zugleich um die politische Zukunft des iranischen Regimes. Ob sich dort tatsächlich etwas verändern wird, hänge hauptsächlich von der iranischen Bevölkerung ab. Proteste im Land seien bislang allerdings nur vereinzelt zu beobachten, meist in Provinzstädten, wo Menschen aus Fenstern oder auf Straßen Parolen gegen das Regime rufen, weiß Shine. »Wir müssen abwarten, wie es sich weiterentwickelt.« Ein echter Wendepunkt sei erst erreicht, wenn größere Teile der Bevölkerung dauerhaft auf die Straße gingen, um zu demonstrieren.
Allerdings sei das alles andere als einfach. »Wir sehen, dass das Regime mit Hochdruck daran arbeitet, strategische Positionen umgehend neu zu besetzen, damit Proteste zu unterdrücken und die Botschaft von Stabilität in Richtung des eigenen Volkes sowie an die USA, nach Israel und in die gesamte Welt zu senden.«
Der Tod des obersten Führers Ali Chamenei habe die Lage zwar dramatisch verschärft, auch wenn das Thema Nachfolge wegen seines Alters bereits lange diskutiert worden sei. Es sei jedoch wichtig zu verstehen: »Der Iran ist nicht eine Person, sondern ein komplettes System«, erläutert sie. Und bislang funktioniere es noch. Nach der Tötung des Chefs der Revolutionsgarden, Mohammad Pakpour, beispielsweise sei noch am selben Tag ein Nachfolger ernannt worden, der extreme Hardliner Ahmad Vahidi. »Ein schrecklicher Mensch, der als Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires 1994 gilt.«
»Die öffentlichen Botschaften aus Teheran zielen derzeit vor allem darauf ab, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren: kein Machtvakuum, keine Instabilität. Gleichzeitig gibt es hinter den Kulissen intensive Debatten zwischen konservativen, ultrakonservativen, pragmatischen und moderateren Kräften, die jeweils versuchten, ihren Einfluss zu sichern«, so die Expertin. Auch die Suche nach einem Nachfolger Chameneis laufen auf Hochtouren. Mehrere religiöse Autoritäten brächten sich derzeit in Stellung, darunter der Geistliche Alireza Arafi. »Und der ist noch radikaler als Chamenei.«
Angriffe verändern den Nahen Osten grundlegend
Militärisch markiere der Krieg bereits jetzt eine historische Zäsur. Besonders die iranischen Angriffe auf Golfstaaten bewertet Shine als außergewöhnlich und völlig unvorhersehbar. Denn eigentlich habe Teheran über Jahre versucht, die Beziehungen zu arabischen Ländern, vor allem den Golfstaaten, zu verbessern. Angriffe auf Öl-Infrastruktur in Saudi-Arabien widersprächen eigentlich komplett den langfristigen Interessen des Landes. »Offiziell hat der Iran angekündigt, nur amerikanische Stützpunkte anzugreifen, aber wir sehen, dass auch andere Ziele beschossen werden, und das ist sehr ungewöhnlich.«
Die Angriffe des Iran auf Zypern interpretiert sie zudem als einen Versuch, internationalen Druck zu erzeugen, um eine rasche Beendigung der militärischen Auseinandersetzung zu erzwingen. »Ich glaube nicht, dass Iran ein langes Kriegsszenario will.« Die Botschaft aus Teheran sei eindeutig: »Wir kämpfen ums Überleben, und daher ist jedes Mittel legitim und jedes Ziel in unserem Visier.«
USA und Israel müssen Voraussetzung für Regime-Sturz schaffen
Auch die USA, meint sie, wollen ein schnelles Ende des Krieges. Denn die innenpolitische Kritik wachse stetig. Ein Teil davon richte sich auch gegen Israel, dem vorgeworfen werde, Washington in den Krieg gedrängt zu haben. Doch Shine widerspricht: »Trump lässt sich von niemandem unter Druck setzen. Es war seine eigene Entscheidung und Teil seiner eigenen strategischen Kalkulation.« Israels Regierung habe selbstverständlich den Schritt unterstützt, die Verantwortung aber liege bei ihm. »Trump hatte den Demonstranten im Iran versprochen: ‚Wir werden euch retten, Hilfe ist unterwegs‘, und dieses Versprechen musste er einlösen.«
Sowohl der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu forderte die Menschen im Iran auf, auf die Straßen zu gehen, als auch US-Präsident Donald Trump, der es so ausdrückte: »Die Iraner müssen den Job zu Ende bringen und staatliche Institutionen übernehmen.«
»Doch dann muss auch dafür gesorgt werden, dass die Sicherheitspolizei nicht mehr so aktiv sein kann wie im Januar, als Tausende getötet wurden, weil sie protestierten«, hebt Shine hervor. Es kursierten sogar Gerüchte über von Israel und den USA vorbereitete Netzwerke innerhalb des Irans, um die Demonstranten zu unterstützen.
Obwohl der Tod Chameneis allein das Regime nicht verändern würde, sei es ein »dramatischer Einschnitt mit realem Veränderungspotenzial«. Denn nicht nur vonseiten der Demonstranten, auch innerhalb des Systems gebe es Kritik an seinen Entscheidungen und Fehlern.
Zwar würden die meisten Experten – innerhalb und außerhalb des Irans – keinen unmittelbaren Regimewechsel erwarten, resümiert die Expertin. »Aber wir sind uns alle einig, dass es im Moment wahnsinnig viele unbekannte Faktoren gibt. Die Situation ist extrem und unvergleichlich. Deshalb ist nichts unmöglich – und vielleicht werden wir ja positiv überrascht.«

