Türkei

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Ein Plakat in Ankara feiert im März 2013 Netanjahus Entschuldigung für den Mavi-Marmara-Vorfall als Triumph. Foto: Reuters

Die ohnehin nicht gerade herzlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel werden zurzeit noch mehr strapaziert. Grund ist ein Bericht der Washington Post, in dem es heißt, mithilfe der Türkei habe der Iran im Jahr 2012 mehrere angebliche Spione des israelischen Geheimdienstes Mossad enttarnt.

Dass Ankara immer wieder Geheimdienstinformationen an Teheran weiterleitet, darauf hatten israelische Regierungsvertreter vor einiger Zeit vage hingewiesen – zu diesem konkreten Fall gibt es offiziell jedoch noch keine Belege. Jigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums, unterstrich gegenüber türkischen Journalisten, dass der Autor des Berichts keinerlei israelische Quellen vorweisen könne. Zu den Behauptungen selbst nahm er nicht Stellung, räumte jedoch ein, dass der Vorfall den Prozess der Annäherung zwischen beiden Ländern erheblich belasten könne.

Bekanntlich kam es 2010 zu einem Bruch zwischen den einstmals befreundeten Staaten. Die israelische Regierung hatte seinerzeit das Schiff Mavi Marmara, das im Rahmen der sogenannten Gaza‐Flottille die Blockade des Gazastreifens durchbrechen wollte, gestürmt. Neun türkische Aktivisten starben bei der Aktion. 2011 verwies Ankara den israelischen Botschafter des Landes. Sein Posten ist bis heute unbesetzt.

Vertrauen Erste Versöhnungsversuche seitens Israels gibt es seit Beginn dieses Jahres. Auf Drängen von US‐Präsident Barack Obama hatte sich Premierminister Benjamin Netanjahu für das Vorgehen Israels entschuldigt. Der Prozess der schreite jedoch nur langsam voran, sagte Jigal Palmor. Ein Streitpunkt ist die Höhe der Entschädigung für die Familienangehörigen der türkischen Opfer. In Israel habe man den Eindruck, dass das Interesse der Türkei an einer Normalisierung der Beziehungen nicht besonders groß sei, so der Sprecher des Außenministeriums.

Sollten sich die Anschuldigungen gegenüber der Türkei bewahrheiten, sei dies ein »schwerer Fall von Verrat«, sagte Danny Yatom, ehemaliger Chef des Mossad, gegenüber Medien. Die Behörde habe ihre türkischen Kollegen damals darüber informiert, dass sich der Mossad mit Agenten auf türkischem Staatsgebiet treffe. Dies sei Usus. Eine absichtliche Enttarnung von Agenten sei verabscheuungswürdig und schade dem Ansehen des türkischen Geheimdienstes enorm: »Niemand wird ihm jemals mehr trauen.«

Rückschlag Für Israel dürfte die Aufdeckung des Spionagenetzwerkes einen Rückschlag bedeuten. Das Land ist überzeugt, dass der Iran eine Atombombe entwickelt, der Mossad war in dem Mullahstaat deswegen immer wieder aktiv. So soll der Mossad für die Tötung iranischer Atomwissenschaftler sowie für andere Sabotageakte gegen das iranische Atomprogramm verantwortlich sein. Im Januar 2012, bevor die Türkei den Iran informiert haben soll, wurde Mustafa Ahmadi Rohsan bei einem Bombenattentat getötet. Der Iraner war offiziell für die Beschaffung des Urans verantwortlich. Aus US‐Kreisen hieß es damals, der türkische Premierminister Receb Tayyib Erdogan sei außer sich vor Wut über den Anschlag gewesen.

Die Türkei weist indes alle Verratsvorwürfe empört von sich und spricht von einer absichtlichen Beschädigung ihrer Vertrauenswürdigkeit. Allerdings betonte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu auch, dass – sollten sich die Behauptungen als wahr herausstellen – Hakan Fidan, der Chef des türkischen Geheimdienstes, dann nur »seine Arbeit gemacht habe«.

Trotz dieser belastenden Anschuldigungen scheint Premier Netanjahu weiter an einer Normalisierung der israelisch‐türkischen Beziehungen arbeiten und zur Tagesordnung übergehen zu wollen. So habe er angewiesen, erneute diplomatische Kontakte zur Türkei aufzubauen, schreiben israelische Medien. Das entspricht dem, was hinter den Kulissen schon lange bekannt ist: dass die Beziehung der beiden Länder inoffiziell weiter in geordneten Bahnen läuft.

pipeline So arbeiten Israel und die Türkei wirtschaftlich eng zusammen; die Privatwirtschaft hat kaum unter derder diplomatischen Krise gelitten. Ein aktuelles Beispiel sind Pläne, im Bereich von Wasseraufbereitung und -nutzung zu kooperieren. Bereits im kommenden Jahr wollen türkische Firmen das Know‐how der israelischen Technologien nutzen und in entsprechende Unternehmen investieren.

Nach wie vor ist auch eine mögliche Zusammenarbeit auf dem Energiesektor im Gespräch. Seitdem vor der Küste Israels riesige Gasvorkommen entdeckt worden sind und das Land einen Teil davon exportieren will, ist die Türkei als möglicher Partner im Gespräch. Mögliche Pipelines für den Gasexport nach Europa könnten auf türkischem Gebiet verlegt werden.

Verständnis Sorgen scheinen allerdings die Mitglieder der jüdischen Gemeinden in der Türkei zu haben – die meisten von ihnen leben in Istanbul. Obwohl die Stadt als weltoffen gilt, habe die antisemitische Stimmung zugenommen, sagte der Vorsitzende des Dachverbands der türkischen Juden, Nesim Guevenis, wie die Jerusalem Post aus einer türkischen Zeitung zitiert. Einige Juden hätten das Land bereits verlassen, so Guevenis, andere dächten darüber nach.

Es gibt jedoch auch Positives zu vermelden. So startet an diesem Donnerstag das Projekt »Aladdin«, bei dem es um das gegenseitige Verständnis zwischen Muslimen und Juden geht. 20 türkische und israelische Wissenschaftler werden eine Reihe von Seminaren dazu abhalten. Zu den Veranstaltern gehört auch die Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem.

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