Frau Gerstner, Sie saßen am 7. Oktober 2023 zusammen mit Ihrem deutschen Mann 19 Stunden in einem Schutzraum im Kibbuz Be’eri. Es gab keine Möglichkeit, die Tür abzuschließen. Wie durch ein Wunder kamen die Terroristen nicht zu Ihnen. Was geschah danach?
Zunächst konnte ich das Ausmaß dessen, was passiert war, gar nicht erfassen. Ich hatte innerhalb weniger Stunden meinen Bruder Eitan, meine Freunde Carmel Gat und Schachar Zemach und viele andere Menschen verloren, mit denen ich seit meiner Jugend im Kibbuz verbunden war. Dabei hatte alles so schön begonnen: Mein Mann und ich waren aus München nach Israel gekommen und hatten gerade zwei wunderbare Ferienwochen mit meiner Familie verbracht. Dann brach diese Katastrophe über uns herein.
Was ging in Ihnen vor, während Sie und Ihr Mann im Schutzraum ausharrten?
Ich hatte das große Glück, wenn man das so sagen kann, dass ich selbst keine Leichen gesehen habe. Vielleicht lag es auch daran, dass es dunkel war, als wir aus dem Schutzraum gebracht wurden. Vielleicht hat mein Gehirn bestimmte Bilder auch einfach ausgeblendet. Dass wir überlebt haben, war jedenfalls nur Glück. Andere Menschen waren stundenlang in ihren Schutzräumen eingeschlossen, während die Terroristen in ihre Häuser eindrangen und sich darin bewegten. Ich selbst hatte die ganze Zeit Angst, dass sie auf unseren Balkon kommen würden. Von dort aus konnte man die ganze Nachbarschaft überblicken.
Und dann?
Nach der Evakuierung des gesamten Kibbuz wurden wir in ein Hotel gebracht. Dort funktionierte zunächst vieles nur noch im Krisenmodus. An Trauer oder gar an eine Schiwa war kaum zu denken. Erst später begann ich zu begreifen, was der 7. Oktober für mich persönlich bedeutete.
Wie gehen Sie heute mit der Ungewissheit um, warum die Terroristen ausgerechnet Ihr Haus verschont haben?
Warum sie es nicht getan haben, werden wir vermutlich niemals erfahren. Nur wenige Häuser von uns entfernt, wurden Menschen als Geiseln genommen.
Ihr Mann ging später zurück nach Deutschland. Sie entschieden sich, in Israel zu bleiben. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich hätte es nicht ausgehalten, irgendwo zu sein, wo niemand nachvollziehen konnte, was ich gerade erlebt hatte. Deshalb rief ich unmittelbar meine Vorgesetzte in München an und kündigte. Ich wollte bei meinem Vater sein, der ebenfalls überlebt hatte, und bei der Be’eri-Gemeinschaft bleiben, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt selbst kein Kibbuzmitglied mehr war. Wir wussten bald, dass wir nicht nur vorübergehend im Hotel am Toten Meer bleiben würden. Es wurde für die nächsten Monate unser Zuhause. Dort gab es viel Unterstützung wie psychologische Erstbetreuung, aber auch Akupunktur und Massagen. Gerade diese körperlichen Angebote haben mir anfangs mehr geholfen als Gespräche. Ich musste zuerst wieder bei mir selbst ankommen.
Meine Wahrnehmung der Welt außerhalb des Kibbuz veränderte sich erst später. Einen Einschnitt erlebte ich nach dem Abzug der israelischen Siedlungen aus dem Gazastreifen.
Im Februar 2024 kehrten Sie nach München zurück. Wie fühlten Sie sich dabei?
Da merkte ich allmählich, dass mein Körper begann, den permanenten Alarmzustand loszulassen. Und ich musste mich bewusst mit dem Verlust meines Bruders Eitan auseinandersetzen. Dabei half mir eine Onlinegruppe von Frauen, die ebenfalls Angehörige verloren hatten. Dort konnte ich zum ersten Mal wirklich anfangen, seinen Tod zu verarbeiten.
Später haben Sie öffentlich über Ihre Erfahrungen gesprochen. Warum wollten Sie ein Buch schreiben?
Ich wollte die ganze Geschichte erzählen – von Anfang bis Ende und in meinen eigenen Worten. In einem Fernsehinterview war mein Satz herausgeschnitten worden, dass die Geiseln für mich in erster Linie Menschen und kein politisches Thema sind. Solche Erfahrungen haben mich frustriert. Nach meiner Rede zum ersten Jahrestag des 7. Oktober in der Münchner Synagoge sprach mich Manfred Otzelberger an und brachte die Idee eines Buches ins Spiel. Mir war schnell klar, dass ich dafür jemanden von außen brauchte. Es sollte nicht nur um meine persönliche Trauer gehen, sondern auch darum, was der 7. Oktober mit Israel als Gesellschaft gemacht hat. Ich möchte auch Erfahrungen und Perspektiven aus beiden Ländern zusammenbringen, damit die Distanz zwischen ihnen kleiner wird. Ich kenne beide Gesellschaften und erlebe immer wieder, wie groß die Wissenslücken sind. Selbst ganz grundlegende Dinge sind vielen Deutschen fremd. Was genau ein Schutzraum ist oder wie ein Kibbuz funktioniert, musste ich in meinem Münchner Freundeskreis immer wieder erklären.
Was ist das Entscheidende, das man über den Kibbuz wissen muss?
Ein Kibbuz ist eine eng verbundene Gemeinschaft mit gemeinsamen Regeln und einer großen gegenseitigen Verantwortung. Das wird besonders deutlich, wenn eine solche Gemeinschaft ihr Zuhause verliert. Dann muss sich die Gruppe neu organisieren. Die Menschen sind wirtschaftlich und emotional eng miteinander verbunden. Hinzu kommt: Viele Kibbuzniks kennen kaum ein anderes Leben. Mit etwa 35 Jahren steht für die Mitglieder eine wichtige Entscheidung an: Bleibe ich oder verlasse ich die Gemeinschaft?
Warum haben Sie den Kibbuz verlassen?
Bei mir waren mein Mann und die Tatsache, dass ich bereits mehrere Jahre außerhalb des Kibbuz gelebt hatte, ausschlaggebend dafür, dass ich gegangen bin. Trotzdem verbinde ich mit Be’eri vor allem eine sehr glückliche Kindheit.
Der Kibbuz beruht auf kollektivem Eigentum, gemeinsamer Finanzierung und dem Prinzip, dass die Bedürfnisse der Gemeinschaft über individuelle Interessen gestellt werden. Ist das nicht im Kern ein kommunistisches Gesellschaftsmodell?
Wenn man es auf die wirtschaftliche Struktur reduziert, gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu kommunistischen Modellen. Mit der DDR hatte das aber nichts zu tun. Ein Kibbuz ist keine unveränderliche Ordnung, sondern entwickelt sich permanent weiter. Genau darin liegt für mich eine große Qualität dieser Gemeinschaft: Sie ist nicht dogmatisch. Auch finanziell funktionierte vieles gemeinschaftlich. Die Mitglieder gaben ihre Gehälter in einen gemeinsamen Topf, aus dem die jeweiligen Bedürfnisse gedeckt wurden. Man musste sich also weder um Miete, Versicherungen, Lebensmittel, ein Auto noch um die Kinderbetreuung kümmern. Für ein Kind war dieses Leben fantastisch. Die Freunde wohnten gleich nebenan, die Schule war mit dem Fahrrad in wenigen Minuten erreichbar.
Be’eri befindet sich unmittelbar an der Grenze zum Gazastreifen. Hatten Sie sich damals damit auseinandergesetzt?
Meine Wahrnehmung der Welt außerhalb des Kibbuz veränderte sich erst später. Einen Einschnitt erlebte ich nach dem Abzug der israelischen Siedlungen aus dem Gazastreifen. Da war ich allerdings schon fast 22 Jahre alt. Bis dahin hatte ich mir relativ wenige Gedanken darüber gemacht, wie die Menschen auf der anderen Seite der Grenze lebten.
Ich glaube, dieses Trauma wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich kann lernen, damit umzugehen, aber ich werde es nicht einfach auslöschen können.
Heute leben Sie in Deutschland. Hat der 7. Oktober auch Ihren eigenen Zugang zum Judentum verändert?
Sagen wir es so: Als Jüdin im sogenannten »Land der Täter« zu leben, war für mich auch vor dem 7. Oktober manchmal emotional belastend. Besonders der Holocaust-Gedenktag war schwierig. An diesem Tag wollte ich eigentlich in Israel sein und nicht in Deutschland. Aber was nach dem 7. Oktober geschah, hat etwas Grundsätzliches verändert. Israel wurde von Terroristen angegriffen, Menschen wurden ermordet – und trotzdem hatte ich zunehmend das Gefühl, dass in Deutschland gar nicht wirklich verstanden wurde, was passiert war. Plötzlich wurden wir als Täter, als Kindermörder dargestellt. Gleichzeitig erlebten wir eine massive Welle des Antisemitismus. Ich dachte irgendwann: Wie kann das sein? Warum verstehen die Menschen nicht, dass Israel sich in einem Krieg befindet, der an mehreren Fronten geführt wird? In Teilen meines deutschen Umfelds fühlte ich mich emotional allein, weil manchmal eine große Stille herrschte und ich merkte, dass ich meine Gefühle oder meinen Schmerz nicht richtig vermitteln konnte.
Wo fanden Sie Verständnis dafür?
Eigentlich nur bei anderen Juden. Ich wurde irgendwann von der jüdischen Gemeinde in München angefragt, über meine Erfahrungen zu sprechen. Dieser Vortrag war für mich ein Wendepunkt. Da wurde mir klar, dass ich erzählen muss, was ich erlebt habe. Ich tue es auch für die Menschen, die am 7. Oktober nicht überlebt haben. Ihre Geschichten dürfen nicht verschwinden.
In Ihrem Buch steht der Satz: »Wer uns vernichten will, macht uns nur noch größer.« Was bedeutet das für Be’eri heute?
Be’eri verändert sich gerade gewaltig. Überall wird gebaut. Die Häuser, die damals abgebrannt sind, wurden inzwischen abgerissen und durch neue ersetzt. Im kommenden Jahr soll die Gemeinschaft wieder an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren. Viele Menschen sehnen sich danach, wieder dort zu leben. Gleichzeitig ist die Angst geblieben. Wir können nicht mehr so tun, als wäre Be’eri ein sicherer Ort.
Sie leben zwischen Deutschland und Israel. Gibt es für Sie einen Ort, an dem Sie sich heute noch sicher fühlen?
Im Moment eigentlich nicht. Ich bewege mich zwischen zwei Welten und trage das Gefühl der Bedrohung mit mir herum. In Israel wird die Angst besonders körperlich, wenn Raketenalarm ausgelöst wird und ich wieder in einem Schutzraum sitzen muss. Ich glaube, dieses Trauma wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich kann lernen, damit umzugehen, aber ich werde es nicht einfach auslöschen können. Aber auch Deutschland ist für mich kein Ort völliger Sicherheit. Hier gibt es Gruppen, die der Hamas oder dem Iran nahestehen und die uns angreifen wollen.
Nach allem, was Sie erlebt haben – denken Sie wieder an die Zukunft?
Ich versuche, Schritt für Schritt zu gehen. Ich bin gerade dabei, das neue Haus meines Vaters in Be’eri fertig einzurichten. Das Gebäude steht inzwischen wieder. Jetzt fehlen eigentlich nur noch Küche, Schränke und Möbel. Auch das Buch ist für mich ein wichtiger Schritt. Am wichtigsten war mir aber, Eitan ein Andenken zu bewahren. Wenn ich seine Geschichte nicht erzähle – wer wird es sonst tun? Er hat am 7. Oktober stundenlang gegen die Terroristen gekämpft und damit Menschenleben gerettet. Auch meines. Er kämpfte, bis ihm die Munition ausging. Gegen etwa 14 Uhr wurde er getötet. Die Armee erreichte den Ort erst ungefähr zwei Stunden später. Zwei Stunden, in denen vieles hätte anders kommen können.
Mit der Kommunikationsdesignerin sprach Geneviève Hesse.
Dafna Gerstner und Manfred Otzelberger: »Sie kamen, um uns zu töten«. Herder, Freiburg 2026, 240 S., 22 €
Dafna Gerstner wurde 1984 im Kibbuz Be’eri in Israel geboren und verbrachte dort ihre Kindheit und Jugendzeit. 2011 zog sie nach Deutschland, wo sie seit 2016 in München lebt und als freiberufliche Designerin und Fotografin arbeitet. Nach den Massakern des 7. Oktober 2023 entschied sie sich, ihre Geschichte aufzuschreiben.