Interview

»Ich habe Frieden mit Deutschland geschlossen«

Frau Fleischmann, vor 40 Jahren haben Sie Deutschland verlassen. Wie nehmen Sie das Land heute wahr?
Ich erlebe keinen Alltag mehr in Deutschland, etwa Kontakte mit Behörden oder Nachbarn. Was mir aber im Vergleich zu früher auffällt: Die kulturelle Vielfalt ist größer. In vielen Großstädten gibt es heute mehr Muslime. Und: Alles ist luxuriöser geworden. In jeder Stadt gibt es Einkaufszonen. Als ich auswanderte, gab es keine verkaufsoffenen Sonntage. Heute hat die Wirtschaft immer mehr Bereiche besetzt. Der Sonntag hat sich vom Feiertag zum Freizeittag entwickelt.

Sehen Sie in Deutschland einen wachsenden Antisemitismus?
Dazu kann ich wenig sagen, denn ich lebe nicht mehr in Deutschland. Früher habe ich viele Vorträge in Deutschland gehalten; heute halte ich nur noch Vorträge vor deutschen Reisegruppen, die nach Jerusalem kommen.

Aber nach dem zu urteilen, was sie lesen und hören: Beunruhigt Sie die Stimmung in Deutschland?
Deutschland ist nicht mein Land, ich habe meinen Pass abgegeben. Wenn ich nach Deutschland komme, dann wie eine Touristin, die das Land gut kennt und die Sprache spricht, aber nicht mehr dort lebt.

Gibt es trotzdem noch eine Bindung zu Deutschland, die Sie ja in Ihrer Arbeit pflegen?
Ursprünglich war ich Studienrätin im hessischen Schuldienst und lehrte Pädagogik und Psychologie. Da in diesen Fächern die Sprache das Werkzeug ist und ich kein Hebräisch sprach, habe ich mich erst in Israel zu einer deutschsprachigen Schriftstellerin entwickelt. Ich gehörte zur 68er-Generation, und als Atheistin hat für mich in Deutschland Religion keine Rolle gespielt. Erst in Jerusalem habe ich die religiösen Werte des Judentums kennengelernt, aber vermitteln kann ich nur in der deutschen Sprache. In Jerusalem habe ich Frieden mit Deutschland und mir selbst geschlossen. Mein Beruf ist für mich zur Berufung geworden.

Was ist dieses Neue, das Sie nach Deutschland vermitteln wollen?
In Israel bin ich auf die Tora gestoßen, und es hat sich mir eine reiche und faszinierende Welt eröffnet. Mit meiner Buchreihe Das Judentum für Nichtjuden verständlich gemacht gebe ich Nichtjuden einen Einblick in das Judentum und damit in die christliche Wurzel. Denn wie kann man Christ sein, ohne die jüdischen Wurzeln zu kennen?

Sie richten sich nicht nur in Büchern an interessierte Leser, sondern engagieren sich auch in jüdisch-christlichen Schulprojekten.
Bei meinen Lesereisen wurde ich immer wieder von Lehrern um Schulbesuche angefragt. Daraus habe ich gezielt Projekte für Schüler sowie für die Lehrerfortbildung konzipiert. Anknüpfungspunkt ist dabei die Thematik Schabbat – Sonntag – Ruhetag. Unterstützt wird unsere Arbeit durch den gemeinnützigen Verein zur Förderung des interreligiösen Dialogs an Bildungseinrichtungen.

Das Erleben des Schabbats in Jerusalem hat Sie nach ihrer Auswanderung sehr geprägt ...
... ja, es hat mich bei meinen Besuchen im streng religiösen Stadtviertel Mea Schearim fasziniert, wie in einer Metropole freiwillig Menschen am Schabbat aufs Autofahren verzichten. Einen Tag in der Woche gibt es ein Aufatmen, Kinderlachen statt Autolärm. Da begann ich, über die Bedeutung der Schabbatruhe nachzudenken.

Die Sie wie beschreiben würden?
Es ist der Tag, an dem die Schöpfung nicht angetastet werden darf. Ihn einzuhalten, ist eines der Zehn Gebote. Darin liegt ein wichtiger ökologischer Grundgedanke: Die Natur hat ihr eigenes Recht. Soweit es uns Menschen möglich ist, müssen wir uns zurückziehen und sie in Ruhe lassen. Das hat mich so fasziniert, dass ich darüber ein Buch mit dem Titel Schabbat geschrieben habe. Es stieß auf großes Interesse in Deutschland. Menschen suchen also nach Inspiration, wie sie vom Schabbat etwas für ihren eigenen Ruhetag lernen können.

Das Interview mit der Schriftstellerin führte Andrea Krogmann.

Israel

»Katastrophale Zustände«

Die Ombudsstelle des Justizministeriums hat seine Berichte zu den Haftbedingungen palästinensischer Sicherheitsgefangener veröffentlicht

von Sabine Brandes  25.01.2026

Tel Aviv

Bericht: Israel gab USA Beweise über Exekutionen im Iran

Israel soll den USA geheime Berichte über Hinrichtungen im Iran geliefert haben

 25.01.2026

Israel

Weiter Uneinigkeit über Rafah-Öffnung

Die USA wollen in die zweite Phase des Gaza-Friedensplans übergehen und drängen zur Öffnung des Grenzübergangs. Israel fordert jedoch zuerst die Rückführung einer Geisel-Leiche

 25.01.2026

Nahost

Stehen die Zeichen auf Krieg?

Steigende Anspannung in Israel nach dem Besuch des Chefs des US-amerikanischen Zentralkommandos

von Sabine Brandes  25.01.2026

Medien

Sophie von der Tann für Grimme-Preis nominiert

Die ebenso umstrittene wie vielfach kritisierte ARD-Journalistin Sophie von der Tann führt die Liste der Nominierungen für den Grimme-Preis an

von Jana Ballweber  23.01.2026 Aktualisiert

Israel

Rischon Lezion wehrt sich gegen Bau eines Großgefängnisses

Die Stadtverwaltung kritisiert, dass die ausgewiesene Fläche inzwischen zu wertvoll sei, um sie für Haftanstalten zu nutzen

 23.01.2026

Tel Aviv

Frühere Hamas-Geisel Emily Damari macht Partnerin Heiratsantrag

In einem in sozialen Medien verbreiteten Video ist zu sehen, wie Damari in weißer Kleidung vor Amit niederkniet und ihr die Frage stellt

 23.01.2026

Davos

Kushner präsentiert 25-Milliarden-Dollar-Plan für Gaza

Laut dem Sondergesandten und Schwiegersohn des US-Präsidenten soll der Küstenstreifen bis 2035 ein Wirtschaftszentrum werden

 23.01.2026

Davos

Israels Präsident sieht iranische Führung als sehr fragil

Israels Präsident Herzog nimmt die iranische Führung nach den Massenprotesten als geschwächt wahr. Warum er trotzdem vor zu viel Optimismus warnt und internationale Unterstützung fordert

von Sara Lemel  22.01.2026