Jerusalem Foundation

»Ich habe eine Vision«

»Im schlimmsten Jahr der Beziehungen zwischen Juden und Arabern war Jerusalem Vorbild für alle«: Arik Grebelsky Foto: Sabine Brandes

Herr Grebelsky, Sie haben am 1. Januar nach dem plötzlichen Tod des vorherigen Präsidenten der Jerusalem Foundation, Shai Doron sel. A., die Präsidentschaft übernommen. Aus welchem Bereich kommen Sie?
Ich bin stolzer Industrieller in dritter Generation. Wir arbeiten mit einem Produkt, das als »Jerusalem an sich« bezeichnet werden kann – dem Jerusalemstein. Unsere Familie hat viele berühmte Plätze der Stadt gestaltet, den Obersten Gerichtshof, die Hurva-Synagoge, den Platz vor der Kotel und die neue Nationalbibliothek.

Welche Rolle hatten Sie im Unternehmen?
Ich habe den Stein als Marke »Jerusalemstein« exportiert und so in gewisser Weise Jerusalem in die ganze Welt gebracht. Wir haben auch sehr schöne Projekte in Deutschland, die israelische Botschaft in Berlin und viele private Häuser im ganzen Land. Überall auf der Welt gibt es in den Großstädten mindestens ein Gebäude, das mit Jerusalemstein verkleidet ist.

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Inwiefern steht dieses Gewerbe für den Charakter Ihrer Heimatstadt?
Es ist eine der letzten Brücken zwischen Juden und Palästinensern, von denen es früher viele gab. Wir arbeiten täglich zusammen und haben sehr gute Beziehungen. Die Textur der Steine von 95 Prozent der Häuser in Jerusalem wird per Hand gemeißelt. Die Steinmetze sind Palästinenser, die bereits für meinen Vater gearbeitet haben. Die nächste Generation wird von meinem Bruder und mir beschäftigt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den palästinensischen Beschäftigten seit dem 7. Oktober 2023?
Die Jerusalem Foundation ist überparteilich und unabhängig. Aber es ist klar, dass die israelische Regierung einen großen Fehler gemacht hat, indem sie die Palästinenser seit diesem Tag nicht mehr in Israel arbeiten lässt. Es geht hier gar nicht um rechte oder linke Politik, es ist schlicht ein wirtschaftlicher Fehler. Wir zahlen weiter die Gehälter unserer Angestellten und versuchen jetzt, die Arbeit zu ihnen zu bringen.

Ist das nicht schwierig?
Ich mag dieses Wort nicht. Ich sage lieber, es ist eine Herausforderung, aber es ist möglich. Schließlich ist fast alles hier eine Herausforderung.

Wie sind Sie zur Arbeit für die Jerusalem Foundation gekommen?
Ich dachte, ich werde mein Leben so leben wie mein Vater. Er schloss noch mit 90 Jahren jeden Morgen die Fabrik auf. Doch das Leben geht seinen eigenen Gang. In den dunklen Tagen der Intifada 2001 hatte ich ein schreckliches persönliches Erlebnis. Nachdem ich überlebt hatte, wollte ich ein Drittel meiner Zeit ehrenamtlichen Tätigkeiten widmen. Ich war traumatisiert und suchte Ruhe. Also ging ich in den Zoo, einen der schönsten Plätze der Stadt.

Was geschah dort?
Ich traf Shai Doron, der mein guter Freund wurde. Bevor Shai Präsident der Jerusalem Foundation wurde, die er charismatisch und engagiert vertrat, war er mehr als ein Vierteljahrhundert Direktor des Zoos. Dort sah ich, dass sich alle unterschiedlichen Gemeinschaften der Stadt treffen und gut miteinander auskommen, nicht nur die Besucher, auch die Beschäftigten im Zoo. Nach dem 7. Oktober hatte ich wenig Lust, jeden Tag weiter Geschäfte zu machen. Ich wollte meine Zeit zu 100 Prozent der Gesellschaft widmen. Als Shai durch einen plötzlichen Herzinfarkt mit nur 64 Jahren starb, wurde ich gefragt, ob ich sein Nachfolger werden möchte. Und so kam es.

Blicken Sie trotz des 7. Oktober zuversichtlich in die Zukunft?
Wenn Menschen mich fragen: »Warum bist du ein Optimist? Bist du ein Idiot?«, sage ich: »In meinem kleinen Königreich klappt es ja.« Ich bin überzeugt, dass es auch auf breiterer Ebene so sein kann, in der Stadt, in unserem Land, in der gesamten Region.

Was tun Sie dafür, dass es auch im Großen funktioniert?
Unsere Stadt ist ein Mikrokosmos für jegliche Konflikte: Säkulare und Ultraorthodoxe, Juden und Araber, sozial Schwache und Wohlhabende. Ich habe eine Vision, dass alle in guten Beziehungen mit gegenseitigem Respekt zusammenleben. Durch die Jerusalem Foundation verfüge ich über die Werkzeuge, dies in die Tat umzusetzen.

Ist das realistisch?
Absolut. Es ist ja kein Traum, sondern meine Erfahrung im täglichen Leben. Aber ich bin nicht naiv, es gibt Extremisten auf beiden Seiten, die das mit aller Macht zerstören wollen. Die Frage ist, wer gewinnt. Die Tatsache, dass Jerusalem – der explosivste Ort der Welt – nach dem 7. Oktober ruhig geblieben ist, ist der beste Beweis, dass es möglich ist. In dem schlimmsten Jahr der Beziehungen zwischen Juden und Arabern war Jerusalem Vorbild für alle.

Wie kam das?
Ich bin überzeugt, dass die Jerusalem Foundation und die Stadtverwaltung mit ihrem Bürgermeister Mosche Leon, unserem engen Verbündeten, einen enormen Beitrag dazu geleistet haben. Meiner Meinung nach trug besonders dazu bei, dass wir uns schon am 8. Oktober dafür eingesetzt haben, dass Ost-Jerusalem nicht abgesperrt wird. Wir gehen immer auf Augenhöhe auf die Bewohner der arabischen Stadtteile zu und bieten ihnen Partnerschaften an. Die 350.000 Menschen dort, ein Drittel der Bevölkerung, fühlen sich ihrer Stadt ebenso zugehörig wie alle anderen. Insgesamt haben wir über 4000 Projekte realisiert, vom ersten Sportzentrum mit Schwimmbad in Ost-Jerusalem, über Gesundheitserziehung, kulturelle Aktivitäten, Sozialprojekte, Schülertreffen und vieles mehr. Einer der Hauptgründe für Hass ist Angst. Und die beginnt meist, weil man sich nicht kennt. Der andere ist dann nur »der«. Wenn sich die Menschen auf persönlicher Ebene treffen, wird »der« zu Mahmoud oder David, die miteinander Sport machen oder sich bei einem Schülerprojekt kennenlernen. Wir sind alle Jeruschalmim. Diese Strategie gibt Hoffnung.

Mit dem Leiter der Jerusalem Foun­dation sprach Sabine Brandes.
Die 1966 gegründete Stiftung ist eine unabhängige und gemeinnützige Organisation, die als Vermittlerin zwischen Juden, Christen und Muslimen in der Stadt agiert.

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