Grenze

Hinter dem Stacheldraht

Nächtliche Patrouillenfahrt am Grenzzaun: israelischer Jeep im Wüstensand Foto: Flash 90

Nichts als Sand, so weit das Auge reicht. Dann und wann segelt ein Greifvogel durch den wolkenlosen Himmel, auf der Suche nach Futter in den endlosen Dünen. Hier, an der Grenze zwischen Israel und Ägypten, scheint es sie noch zu geben, die unberührte Natur. Dazu Stille, die sonst kaum mehr zu finden ist im dicht besiedelten Land. Drei Jahrzehnte lang konnten sich die Bewohner auf beiden Seiten in dieser Ruhe in Sicherheit wähnen. Der Frieden zwischen den Ländern, wenn auch nicht besonders herzlich, galt doch als gänzlich stabil. Niemand hätte gedacht, dass man sich hier sorgen würde, »und was kommt morgen?«

Anwohner Doch die Löcher in dieser Landesgrenze aus verbogenem Stacheldraht und alten, rostigen Eisenstangen drängen Fragen auf: Was wird nach der ägyptischen Revolution aus der Beziehung zwischen den Nationen? Hält der Friedensvertrag? Dicht besiedelt ist diese Gegend nicht. Gerade einmal 4.500 Menschen haben sich auf israelischer Seite in einer Handvoll von Kibbuzim und Moschawim niedergelassen, die meisten wegen der beschriebenen Ruhe. Fürchten sie, dass nun alles anders wird? Jankale Moskovicz lebt 800 Meter von der Grenze entfernt, im westlichen Negev, im Moschaw Kadesch Barnea. Er ist Landwirt, wie die meisten hier, Tomaten und Paprika gedeihen besonders gut im Wüstenklima, erklärt er. »Hier ist alles ruhig«, sagt Moskovicz, »ganz genauso wie immer«. Allerdings sorgt er sich schon um den Friedensvertrag. »Ich hoffe wirklich, dass der eingehalten wird, denn das ist natürlich enorm wichtig für alle Beteiligten.«

Doch der Landwirt kann dem Umsturz am Nil auch Positives abgewinnen. »Wir sind Nachbarn, und doch gab es bis heute so gut wie keine gemeinsamen Projekte. Vielleicht können sich demnächst, mit einer neuen Regierung, endlich Kooperationen zwischen Israelis und Ägyptern entwickeln. Das wäre wundervoll.«

Patrouillen Dicht am Zaun brummt ein Jeep durch den Wüstensand: israelische Soldaten auf Patrouille. Für sie ist die Grenze schon einige Jahre nicht mehr ganz so ruhig. Doch nicht wegen der ägyptischen Nachbarn. Seit die ersten afrikanischen Flüchtlinge vor einigen Jahren in Israel Zuflucht suchten, haben die Soldaten alle Hände voll zu tun. Beduinische Schmuggler auf ägyptischer Seite haben ein florierendes Geschäft mit den hilfesuchenden Menschen, oft die Ärmsten der Armen, aufgebaut. In manchen Monaten sind so Tausende von Männern, Frauen und Kindern in den jüdischen Staat geschleust worden.

Flüchtlinge Um sie geht es im neuesten Jahresbericht der israelischen Menschenrechtsorganisation »Hotline for migrant workers«. Schockierende Fakten aus dem Nachbarland berichten von grauenvollen Geschehnissen jenseits des Zaunes in der Wüste Sinai. Die Flüchtlinge werden oft in regelrechten Folterlagern festgehalten, manche monatelang. F., der mittlerweile in Israel angekommen ist, erzählt: »Ich habe dem Schmuggler Abdullah 3.000 US‐Dollar gezahlt, damit er mich nach Israel bringt. Auf einmal verlangte er weitere 10.000 und folterte mich. Er schloss die Ketten, mit denen ich gefesselt war, an Strom an, bis ich ohnmächtig wurde.

So ging es zweieinhalb Monate lang. Dann hatten meine Verwandten in den USA, Europa, Saudi‐Arabien und dem Sudan das Geld zusammen.« Ein anderer Mann berichtet: »Wir, die Männer in der Gruppe, versuchten, die jungen Frauen vor den Schmugg‐lern zu schützen, die sie vergewaltigen wollten. Als Strafe legten sie uns in Ketten und vergewaltigten uns«.

Andere Zeugen sagen, dass ihnen immer wieder angedroht wurde, ihre Organe zu entnehmen. Tatsächlich sind bereits einige junge Menschen verschwunden. Die Organisation Ärzte für Menschenrechte weiß von einer illegalen Klinik in der Gegend, in der vermutlich Organhandel betrieben wird. Pressesprecherin Sigal Rosen ist besorgt: »Wegen der aktuellen Ereignisse in Ägypten steigt die Gefahr für die Asylsuchenden, die im Sinai festgehalten werden, noch weiter an. Die undurchsichtige Situation im Land stärkt die Schmuggelbanden in der Gegend.«

Arbeiten Die Lösung der israelischen Regierung für das Problem besteht aus Zement und Stacheldraht. Auf 200 der insgesamt 240 Kilometer langen Trennlinie wird derzeit ein neuer, sicherer Zaun mit Überwachungsanlagen errichtet, um die Menschen vom Übertritt abzuhalten und das Eindringen von Terroristen zu verhindern. Derzeit wird an sechs Abschnitten parallel gearbeitet. Durch die Bautätigkeit sowie die verstärkte Präsenz der Zahal‐Soldaten sei die Zahl der illegalen Einwanderer von etwa 1.000 monatlich auf 400 gesunken, gibt das Verteidigungsministerium an.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beauftragte das Ministerium, im Licht der Unruhen im Nachbarland, schneller arbeiten zu lassen. Die Fertigstellung des Zauns ist für Ende 2012 geplant. Was dann aus den Flüchtlingen im Sinai werden wird, mag niemand vorauszusehen.

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