Nahost

Hilfsflüge mit deutscher Beteiligung beginnen

Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) und Israels Außenminister Gideon Sa’ar Foto: picture alliance/dpa

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Hilfsflüge mit deutscher Beteiligung beginnen

Gaza braucht Lebensmittel und medizinische Ausrüstung. Wie die Bundeswehr hilft - und warum Experten ihre Methode kritisch sehen

von Theresa Münch  01.08.2025 14:52 Uhr Aktualisiert

Die Bundeswehr hat ihre Hilfsaktion für notleidende Menschen im Gazastreifen begonnen. Deutsche Transportflugzeuge hätten 34 Paletten mit knapp 14 Tonnen Lebensmitteln und medizinischer Ausrüstung über dem Gebiet abgeworfen, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Israel hatte seit März nur noch vereinzelt Hilfslieferungen zugelassen. In der Folge spitzte sich die humanitäre Situation dramatisch zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einer tödlichen Hungerkrise. Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen werfen Israel vor, die Bevölkerung gezielt auszuhungern – und werten dies als Kriegsverbrechen. Die israelische Regierung weist die Vorwürfe zurück. Es gebe genug Hilfsgüter. Das Problem sei die schleppende Verteilung an den Grenzübergängen durch die UN. Seit Kriegsbeginn wurden der Militärbehörde Cogat zufolge 1,9 Millionen Tonnen Hilfsgüter in den Gazastreifen gelassen.

Seit vergangenem Sonntag wirft Israel in Kooperation mit Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) auch Hilfsgüter aus der Luft ab. Deutschland beteiligt sich an der Aktion mit zwei Flugzeugen, die auf einer Militärbasis in Jordanien beladen werden und dringend benötigte Nahrungsmittel und Ausrüstung über dem Gazastreifen abwerfen. Im Juli gelangten rund 71 Lastwagen pro Tag nach Gaza, von denen etwa die Hälfte die GHF ansteuerte, und die andere Hälfte zu Lagerhäusern der UN und anderer Hilfsorganisationen fuhr. Jeder Lastwagen bringt laut einer COGAT-Studie einen durchschnittlichen Kaloriengehalt von 56,9 Millionen Kalorien in die Enklave. Die resultierende Versorgung, die im Juli eintraf, belief sich demzufolge auf 1.923 Kalorien pro Person und Tag.

Zum Vergleich: Ein erwachsener Mann braucht je nach Alter zwischen 2.000 und 2.500 Kalorien pro Tag, eine Frau zwischen 1.600 und 1.900 Kalorien.

»Einmaliger Vorgang«

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Hilfsflüge könnten nur einen sehr kleinen Teil beitragen und das Allernötigste zu den Menschen bringen. »In Gaza fehlt es in diesen Tagen vor allem an Nahrung und Medikamenten. Für viele Menschen – auch für viele Kinder – geht es ums nackte Überleben.« Er erwarte, dass Israel die umfassende humanitäre Versorgung der seit Monaten leidenden Menschen sicherstelle.

Die USA hingegen verteidigten Israels Politik. Laut Mike Huckabee, dem US-Botschafter in Israel, ist es in der Geschichte ein einmaliger Vorgang, dass ein angegriffener Staat wie Israel die Menschen im Feindesland versorgt. Dies sagte er in einem Interviewe mit »News Nation«. Die Hamas, die Gaza bisher regierte, hat ihrer eigenen Bevölkerung regelmäßig Nahrung gestohlen.

Außenminister Johann Wadephul (CDU) betonte derweil, es werde unter Hochdruck daran gearbeitet, auch den humanitären Landweg mit erfahrenen UN-Organisationen wieder aufzubauen. Hilfsflüge könnten diese Lieferungen nicht ersetzen, nur über Land könnten ausreichend Hilfsgüter zu den Menschen gelangen.

Sichere Verteilung

»Deswegen fordern wir in unseren Gesprächen die israelische Regierung dringend auf, den UN und den internationalen Hilfsorganisationen sicheren Zugang und vor allem auch sichere Verteilung zu ermöglichen.« Da sich die Hamas weigert, die 50 verbleibenden Geiseln freizulassen, die sie seit 665 Tagen in Gaza festhält, und da sich die Terroristen weigern, ihren Krieg und den Terror gegen Israel zu beenden, sind viele Wege in Gaza nicht sicher. Nach israelischen Angaben gibt es für Hilfsgüter jedoch geschützte Routen.

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Im vergangenen Jahr hatte sich die Bundeswehr bereits an Hilfsflügen über dem Gazastreifen beteiligt. In 39 Flügen wurden im März 2024 insgesamt 316 Tonnen Hilfsgüter abgeworfen. Danach wurden die Flüge eingestellt, weil es vorübergehend wieder bessere Transportwege gab. Seit Kriegsbeginn hat Israel für die Einfuhr von fast 1,9 Millionen Tonnen an Hilfsgütern auf dem Landweg gesorgt.

Internationale Organisationen halten den Abwurf von Hilfsgütern aus der Luft wegen der relativ geringen Mengen für ineffektiv und teuer. Im Vergleich zu Lkw am Boden könnten so nur sehr wenige Lebensmittel in den Küstenstreifen gelangen. Helfer weisen außerdem darauf hin, dass die Paletten in einem so dicht besiedelten Gebiet Menschen am Boden verletzen oder töten könnten.

»Gesetz des Stärkeren«

Anders als bei Hilfslieferungen mit Lastwagen können die abgeworfenen Lebensmittel auch kaum gezielt verteilt werden. So könnten Verletzte, Menschen mit Behinderungen oder Alleinerziehende mit Kindern Probleme haben, überhaupt an die Hilfsgüter zu gelangen. Es gelte »ein bisschen das Gesetz des Stärkeren«, warnen Hilfsorganisationen. Dies ist in Gaza der Fall, seitdem die Hamas das Gebiet nach dem kompletten Abzug Israels im Jahr 2005 in eine Terrorhochburg verwandelte.

Augenzeugen sagen, die Bevölkerung Gazas sei so verzweifelt, dass es zu chaotischen Szenen komme. Viele Ladungen and Hilfsgütern seien von Menschenmengen geplündert worden, bevor sie die Lagerhäuser erreichen konnten. Beobachter führen diese Zustände auch auf den Zusammenbruch jeglicher sozialer Ordnung im kriegszerstörten Gazastreifen zurück.

Deutschland baut seine Hilfe für die hungernde Bevölkerung nun auch finanziell aus. Außenminister Wadephul kündigte bei einem Besuch in Israel zusätzliche Mittel von fünf Millionen Euro für das UN-Welternährungsprogramm WFP an. »Damit werden unter anderem Bäckereien und Suppenküchen unterstützt, um die Menschen in Gaza auch mittelfristig mit Brot und warmen Mahlzeiten zu versorgen«, sagte er. Außerdem finanziert die Bundesregierung ein Feldkrankenhaus der Malteser in Gaza-Stadt.

»Weitere Hürden«

Der Außenminister schloss nicht aus, dass ein Teil der Hilfe von der terroristischen Hamas abgezweigt werden könnte. Aber: »Die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen ist jetzt so groß, dass es nicht gerechtfertigt ist, hier weitere Hürden aufzubauen.« Dabei baut Israel gar keine Hürden auf. Die Einfuhr von Hilfsgütern ist nach Angaben der zuständigen Behörde Cogat nicht beschränkt.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes beläuft sich die deutsche humanitäre Hilfe für die palästinensischen Gebiete seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 auf mehr 330 Millionen Euro. Mehr als 95 Prozent davon würden für die Bevölkerung im Gazastreifen verwendet. Zuletzt wurden die Hilfen im Mai um bis zu knapp 31 Millionen Euro aufgestockt.

Außenminister verurteilt Siedlergewalt

Wadephul hat derweil die Gewalt israelischer Siedler gegen Palästinenser im Westjordanland scharf verurteilt. »Solche Taten sind Verbrechen, sie sind Terror und sie gehören endlich polizeilich verfolgt«, sagte er bei einem Besuch der Ortschaft Taybeh. Sein Besuch sei »ein Zeichen der Solidarität mit allen Menschen, die unter dieser Siedlergewalt leiden«.

Taybeh war in den vergangenen Monaten mehrfach angegriffen worden. Im ganzen Westjordanland haben die Übergriffe von Siedlern gegen Palästinenser seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 deutlich zugenommen. Dies gilt allerdings auch für den palästinensischen Terror aus dem Westjordanland gegen Israelis.

»Israel muss als Besatzungsmacht und als Rechtsstaat Sicherheit und Ordnung durchsetzen und Straftaten verfolgen«, sagte Wadephul. »Es muss die palästinensische Bevölkerung vor diesen Straftätern schützen.« (mit ja)

Kommentar

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