Lag Baomer

Heiliges Chaos

Es knistert, knackt und kracht, wenn die Äste, Holzlatten und alten Paletten zu purpurner Glut werden und dicke schwarze Rußwolken gen Himmel schicken. Seit alten Zeiten ist es Tradition, an diesem Abend Lagerfeuer anzuzünden. Rußgeschwängert ist die Luft von Nord nach Süd, doch hier, auf dem Berg in der Nähe der Stadt Safed in Obergaliläa, fällt das Atmen schwer. In den Gesichtern der zuschauenden Massen spiegelt sich das Rot der Flammen wider. Doch erstrahlt sind ihre Züge nicht nur von dem Farbspiel, sondern vor allem von purem Verzücken. Viele lächeln vor sich hin, einfach so, scheinbar ohne Grund. Männer mit langen Bärten in dunklen Anzügen schwelgen im Taumel der weggetretenen Glückseligkeit. Hunderttausende pilgern jedes Jahr für die Lag‐Baomer‐Festlichkeiten zum Grab des Kabbalisten Rabbi Schimon Bar Jochai auf den Berg Meron und feiern, als gäbe es kein Morgen. Am kommenden Sonntag ist es wieder so weit.

Guy Porat war im vergangenen Jahr dabei und will auch dieses Mal wieder hin. Staus, überfüllte Wege und viel zu wenige Sanitäranlagen schrecken ihn nicht ab. Der junge Mann aus Tel Aviv, der vor einigen Jahren die Religion für sich entdeckt hat, meint, das Fest auf dem Berg sei eine Erfahrung für seine Seele, die tiefer nicht gehen könne. »Man kann viel über Selbstfindung reden, ich jedoch habe mein wirkliches spirituelles Sein auf dem Meron gefunden. Inmitten dieses ganzen wundervollen, heiligen Chaos dort.«

Tradition Im jüdischen Kalender markiert das Pessachfest den Exodus der Juden aus Ägypten. 50 Tage nach der Flucht erhielten sie auf dem Berg Sinai die Tora. Die sieben Wochen zwischen den beiden Ereignissen nennt man die Omer‐Zeit. Strenggläubige hören in dieser Zeit keine Musik, veranstalten keine Hochzeiten, schneiden nicht die Haare und rasieren sich nicht. Der Legende nach war es zur Zeit der jüdischen Revolte gegen die Römer im zweiten Jahrhundert, als Tausende von Anhängern des Anführers Bar Kochba durch eine Seuche starben. Am 33. Tag des Omer jedoch kam die Seuche zu einem plötzlichen Stillstand. Seitdem feiern die Juden mit dem Lag Baomer (L und G stehen für die Zahl 33) einen Minifeiertag. Gleichzeitig ist dieser Tag der Todestag von Rabbi Schimon Bar Jochai, genannt Raschbi. Bereits seit fünfhundert Jahren besuchen Juden an diesem Tag sein Grab. Bar Jochai (135–170) gilt als Begründer der Geheimlehre Kabbala mit seinem Werk Sohar, was so viel wie »Glanz« bedeutet. Auf seinem Sterbebett soll er viele der größten Geheimnisse der Tora preisgegeben und seinen Schülern aufgetragen haben, ausgelassen zu feiern.

Feier Während der 24 Stunden Pause von der Trübsal wird getanzt, gesungen und musiziert. Auf jedem freien Plätzchen pa‐cken Fiddler ihre Instrumente aus und spielen spontan auf. Während die Frauen meist im Hintergrund bleiben, greifen sich Männer an den Händen oder Schultern, drehen sich zu den Melodien der Trommeln und Klarinetten, deren Klänge von überallher zu kommen scheinen. Auf und ab gehen die Körper im Kreis, manche strecken frenetisch die Hände gen Himmel. Die Mehrzahl der Besucher sind ultraorthodoxe Juden, doch Kippot und Hüte in allen Formen und Farben sind an diesem Tag auf dem Berg vereint. Ob schwarze Anzüge, gestreifte Seidenkaftane oder T‐Shirt und Jeans: An Lag Baomer scheint alles erlaubt, Hauptsache ekstatisch.

Auch das Haarschneideverbot ist aufgehoben. Und es wird davon Gebrauch gemacht, die Familien haben ihre Scheren mitgebracht. Mit der ersten hellbraunen Locke, die lautlos zu Boden fällt, rollt auch eine kleine Träne. Fast unbemerkt. Schnipp. Die zweite Locke. Schnapp. Jehuda weiß, dass er nicht weinen soll. Denn heute ist er der Prinz. Aus dem Kleinkind wird nun ein Junge. Ist das Werk vollbracht, bleiben Jehuda noch zwei lange Strähnen über den Ohren, die Pejes, der Rest seiner eben noch lockigen Haarpracht ist nun raspelkurz geschnitten. Von der gesamten Familie begutachtet, etwas benommen, doch nicht ohne Stolz dreht sich der Dreijährige auf den Schultern seines Vaters zur Klarinettenmusik im Kreis, immer schneller. »Masel Tov«, tönt es von allen Seiten. Traditionell schneiden fromme Juden ihren dreijährigen Söhnen zum ersten Mal an diesem 33. Tag nach Pessach auf dem Meron die Haare.

Pilger Im vergangenen Jahr sollen mindestens 400.000 Besucher an den zentralen Feierlichkeiten zu Ehren des Rabbis teilgenommen haben, weiß das Tourismusminis‐terium. Und jedes Jahr kommen mehr, vor allem junge Leute. Porat versucht sich in Erklärungen: »Das Leben der Menschen wird immer hektischer und materieller, sie häufen äußerlich vielleicht Reichtümer an, doch werden sie im Innern zunehmend leerer. Vielen reicht es irgendwann nicht mehr. Sie suchen nach einem anderen Sinn und finden ihn im Mystizismus des Judentums, der Kabbala. Dazu gehört als Höhepunkt ein Tag wie dieser auf dem Meron.« Auch dem Ministerium ist die Bedeutung der Veranstaltung nicht entgangen. Es wurde deutlich, dass das Grab auch großes touristisches Potenzial hat. Pro Jahr kommen über eine Million Pilger auf den Berg. In den kommenden Jahren sollen mehr als sechs Millionen Euro investiert werden. Knessetabgeordneter Rabbi Menachem Moses, der die Feierlichkeiten seit Jahren betreut, betonte, dass dies ein richtiger Schritt sei, um die religiöse und touristische Bedeutung des Grabes hervorzuheben.

Porat freut sich darüber und hofft auf bessere Infrastruktur. »Es ist gut, sich um diese wichtige Stätte des Judentums zu kümmern. Der Raschbi war schließlich einer unserer bedeutendsten Lehrer, den wir ehren sollen.« Sagt es, rückt seine große weiße Kippa zurecht und lächelt wieder beseelt vor sich hin.

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