Jerusalem

Hassliebe in der Hauptstadt

Nirgends ist es so wie hier am Morgen, bevor der Schabbat be‐
ginnt. Es ist nicht nur die hektische Betriebsamkeit, während die Waren verstaut werden. Man spürt die Vorfreude der Menschen auf den heiligen Tag überall. Sie hängt in der Luft wie ein hauchdünner goldener Vorhang, der den gesamten Himmel überspannt. »Ja, so ist es.« Arielle Schachar liebt es, frühmorgens vor dem Schabbat auf den Jerusalemer Mahane‐Jehuda‐Markt zu kommen. Der Duft von frischer Nana‐Minze mischt sich mit dem der Fische am Stand nebenan. »Das ist Jerusalem, wie ich es mag«, sagt die 33‐Jährige, während sie von Stand zu Stand schlendert. Dennoch verlässt sie jetzt die Stadt. »Das Leben hier ist mir zu anstrengend geworden. Leider.« So wie Schachar denken viele.

Umzugspläne Die Computerfachfrau stammt aus einem kleinen Ort in Galiläa, kam zum Studium her und dachte damals, dass sie nie wieder fort will. »Ich hatte mich regelrecht in Jerusalem verliebt.« Mittlerweile sei der Alltag allerdings mehr und mehr zu einem Überlebenskampf, aus ihrer Verliebtheit so etwas wie eine Hassliebe geworden. Ihr Sohn ist gerade drei Jahre alt, das zweite Kind unterwegs. Gemeinsam mit ihrem Mann wird sie in den nächsten Monaten eine Wohnung in Modiin suchen, einer modernen Stadt auf halber Strecke nach Tel Aviv. »Es macht mich traurig, weil dort nicht annähernd so ein Flair wie in Jerusalem herrscht. Doch so geht es für uns nicht weiter, wir haben das Gefühl, wir stehen kurz vor einem Bürgerkrieg zwischen säkular und ultraorthodox oder jüdisch und arabisch.« Ständig würden irgendwelche Demonstrationen stattfinden, die schnell in Gewalt umkippen, »dann können wir nicht aus dem Haus, weil wir Angst haben, ich will das meinen Kindern nicht zumuten«.

Besonders schwer für die säkulare Familie sei zudem der Mangel an nichtreligiösen Bildungseinrichtungen. »Es war schon wahnsinnig schwer, einen Kindergarten zu finden, ich möchte nicht wissen, wie es sein wird, wenn wir eine Schule suchen.« Eine Studie von Y‐Net zeigt, dass im vergangenen Schuljahr von 15.333 jüdischen Erstklässlern in der Hauptstadt lediglich 12,7 Prozent säkular waren. 61 Prozent waren Kinder aus charedischen, der Rest aus nationalreligiösen Familien.

Stille Statt weg will er hin: Benjamin Gat ist eigentlich eingefleischter Tel Aviver. Nun zieht er im September in die Hauptstadt, um an der Bezalel‐Kunsthochschule zu studieren. »Zuerst dachte ich, dass ich pendeln werde, diese Stadt muss ich mir nicht geben.« Dann aber lief der 22‐Jährige einen Tag lang ziellos herum. »Dabei habe ich Stellen gefunden, die hätte ich nie er‐wartet, ein wunderschönes Künstlercafé inmitten knorriger Bäume, Orte, an denen es völlig still ist. So etwas gibt es in Tel Aviv nicht.« Die meisten seiner säkularen Freunde hätten Vorurteile, dächten, der Großteil der Einwohner seien fanatische Unruhestifter, ein gutes Lebensgefühl existiere nicht, die Ausgehkultur sei vor den Stadtmauern steckengeblieben. »Doch das sind alles dumme Klischees.«

Ob er es ewig in Jerusalem aushalten wird, weiß Gat nicht. »Es ist schon oft schwierig hier, ich habe aber beschlossen, der Stadt eine Chance zu geben, meinen Horizont zu erweitern und das auch meinen Freunden zu vermitteln. Schließlich ist sie der Mittelpunkt Israels.«

Baustellen Taxifahrer Awdeel Taweel kennt die Stadt wie seine Westentasche. Der arabische Mann aus Ostjerusalem hat niemals irgendwo anders gelebt. Es gehöre zu seinem Leben, die Sonne morgens über dem Ölberg aufgehen und die Steine golden schimmern zu sehen. »Es ist mein Zuhause«, bringt er es auf den Punkt. In dem das Leben allerdings nicht immer leicht sei. Besonders ärgert er sich über die ewige Verzögerung der Straßenbahn im Zentrum. Eigentlich hätte sie 2006 fertig sein und das Leben der Städter entspannen sollen. Weniger Staus, weniger Hektik. Doch vier Jahre später ist die Hauptverkehrsader, die Jaffastraße, noch immer für Pkw gesperrt. Letzte Frist war September 2010. Nun kam die Mitteilung, dass der Zug wohl erst Mitte 2011 um die Ecke biegen wird.

»Eine Katastrophe«, so Taweel, »wir verlieren all unsere Kunden, weil den Fahrgästen die Umwege zu lang sind und es ihnen zu teuer wird. Sie laufen lieber. Die Verantwortlichen sitzen in ihren Büros und schieben nur Papiere hin und her. Niemand denkt daran, wovon wir unsere Familien ernähren sollen.«

Politik Auch ihm gefällt nicht alles, doch US‐Immigrant Jeff Fridmann ärgert sich über die ständige Negativpresse im Ausland. »Als ob andere Staaten keine Fehler in der Politik machen! Doch Israel wird stets abgeurteilt, ohne dass die Menschen wissen, was hier wirklich vor sich geht.« Fridmann rät allen, Jerusalem einen Besuch abzustatten, bevor sie ein Urteil abgeben. »Denn es ist und bleibt eine verdammt interessante und schöne Stadt.« Er kann sich nicht vorstellen, sie je wieder zu verlassen. »Ich habe hier, inmitten dieses wundervollen Durcheinanders, meine wahre Heimat gefunden.«

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