Impfung

Harter Winter

Israel macht die Grippewelle schwer zu schaffen - und täglich kommen neue Horrormeldungen hinzu

von Ralf Balke  11.01.2020 19:57 Uhr

Foto: Getty Images

Israel macht die Grippewelle schwer zu schaffen - und täglich kommen neue Horrormeldungen hinzu

von Ralf Balke  11.01.2020 19:57 Uhr

Täglich kommen neue Horrormeldungen hinzu. »Ein 40-jähriger Mann starb am Donnerstag im Sheba Medical Center in Tel Hashomer an den Komplikationen, die durch eine Grippeerkrankung verursacht wurden«, hieß es vergangene Woche in der »Times of Israel«. »Yedioth Ahronoth« titelte noch am selben Tag: »Die Zahl der Toten der Grippeepidemie steigt auf 17, so das Gesundheitsministerium.« Zudem berichtete das Blatt, dass bis dato mindestens 167 Personen bereits aufgrund einer schweren Infektion mit einem Influenzavirus in die Kliniken des Landes eingeliefert werden mussten.

Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Winter waren es gerade einmal 56. Und es trifft nicht nur die bekannten Risikogruppen wie Senioren oder bereits durch andere Krankheiten Geschwächte. Auch zwei Teenager, 19 und 14 Jahre alt, starben vergangene Woche. Warum die Grippewelle Israel derzeit besonders hart erwischt und so viele Opfer fordert, dafür gibt es konkrete Gründe.

Nach Meinung von Experten steht das Schlimmste noch bevor.

»Die Grippe ist etwas, mit dem wir uns jedes Jahr auseinandersetzen müssen, und daher keine eigentliche Überraschung«, erklärt Itamar Grotto. »Was uns diesmal aber erstaunt, ist die Zahl der Menschen, die aktuell infiziert sind«, so der stellvertretende Direktor des Gesundheitsministeriums. »Das alles deutet darauf hin, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht und wir mit einem harten Winter rechnen müssen.« Seiner Prognose zufolge dürfte es viele weitere Israelis erwischen. »Obwohl ich hoffe, dass wir keine dramatische Zunahme der problematischen Fälle erleben, sollten sich alle Krankenhäuser dennoch auf einen möglichen Anstieg der Patientenzahlen vorbereiten.«

NACHSCHUB Verschärft wird die aktuelle Situation durch die Tatsache, dass gerade einmal 22 Prozent aller Israelis bislang eine Schutzimpfung erhalten haben. Dabei sind die Menschen im jüdischen Staat alles andere als Impfmuffel. Nach den ersten Nachrichten über das Ausbrechen der heftigen Grippewelle ließen sich allein am 25. Dezember rund 60.000 Israelis gegen die Krankheit immunisieren.

Aber es gibt Probleme mit dem Nachschub. Clalit, Maccabi sowie Meuhedet und Leumit, die vier großen Krankenkassen Israels, haben laut eigenen Angaben nur noch Impfstoff für rund 150.000 Menschen auf Reserve. Das würde bedeuten, dass mehr als sieben Millionen Israelis womöglich ohne Grippeschutz durch den Winter kommen müssen, und der hat gerade erst begonnen. Der eigentliche Höhepunkt der Grippesaison steht sogar noch bevor – schließlich sind es vor allem die Monate Januar und Februar, in denen die Krankheit besonders in Erscheinung tritt.

Eine der Ursachen für die Knappheit an Vakzinen ist bei der Weltgesundheitsorganisation WHO zu suchen. Dort hat sich die Genehmigung zur Freigabe von Impfstoffen um ziemlich genau einen Monat verzögert, was dazu führte, dass sowohl die Produktion später anlief als auch ihre Einfuhr nach Israel.

ZUSAMMENSETZUNG Dazu sollte man Folgendes wissen: Zweimal im Jahr treffen sich die internationalen Influenza-Experten bei der WHO, um über die Zusammensetzung der entsprechenden Vakzine für die kommende Grippesaison zu entscheiden, und zwar einmal im September für die Südhalbkugel der Erde und einmal im Februar für die nördliche Hemisphäre. Dabei dreht sich alles um die Influenza-A-Viren, vor allem ihre Subtypen H1 und H3 sowie H1N1, gemeinhin als Schweinegrippe bekannt, als auch die Influenza-B-Viren. Sie gelten als die wichtigsten Krankheitserreger und können für den menschlichen Organismus äußerst gefährlich werden, weshalb ihre morphologischen und genetischen Eigenschaften ständig unter Beobachtung stehen.

Das Virus, das derzeit in Israel grassiert, ist besonders aggressiv.

Was bei diesen Treffen beschlossen wird, müssen die Impfstoffproduzenten dann umsetzen. Denn jedes Jahr zirkulieren unterschiedliche Virenstämme, die zudem im Verlauf einer Grippesaison auch noch mutieren können. Gibt es Auffälligkeiten und Veränderungen auf der Südhalbkugel der Erde, so fließen diese Erkenntnisse in die Entscheidungen für den Norden ein und selbstverständlich auch umgekehrt. Aber weil die Influenza während der vergangenen Infektionsphase in der südlichen Hemisphäre außergewöhnlich heftig wütete und mehr Mutationen als üblich hervorbrachte, brauchte man für die Auswertung der Daten deutlich mehr Zeit, weshalb sich auch die Entscheidungsprozesse verzögerten.

Die von der WHO dann freigegebenen Vakzine standen den Israelis also erst seit Mitte November zur Verfügung, was den Impfschutz der Bevölkerung ganz generell verschlechterte. »Die diesjährigen Virenstämme zeichnen sich zudem durch eine höhere Aggressivität aus und verschlimmern daher die Symptome«, bringt es Erez Carmon, zuständig für die Region Zentrales Israel bei der Meuhedet, auf den Punkt. »Deshalb sind auch junge und sonst gesunde Menschen davon deutlich stärker betroffen als üblich. Und weil die Grippe sowieso eine häufig auftretende Infektionskrankheit ist, spiegelt sich das alles in den aktuellen Zahlen wider.«

ENTSCHEIDUNGEN Was noch hinzukommt: Die Influenzaviren nehmen wenig Rücksicht auf die politische Situation in Israel. Denn weil es seit Monaten keine funktionierende Regierung gibt, konnte auch bis dato kein Haushalt für 2020 verabschiedet werden. Wichtige finanzielle Entscheidungen sind schlichtweg auf Eis gelegt, und das betrifft gleichfalls den Gesundheitsbereich. Zwar diskutierte die Knesset über weitere Gelder, mit denen medizinische Dienstleistungen, Ausrüstungen oder Medikamente bezahlt werden sollen. Doch ohne einen Haushalt ist so etwas ziemlich unsinnig.

Nun preschte der ohnehin umstrittene amtierende Gesundheitsminister Jakov Litzman mit einem Brandbrief an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach vorne und forderte den sofortigen Bau einer Produktionsanlage für Impfstoffe. Das klingt erst einmal gut. Der Haken aber: So ein Projekt dauert Jahre und hilft den aktuell Erkrankten herzlich wenig. Mehr Vakzine in der jetzigen Grippesaison wird es deshalb ebenfalls nicht geben.

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