Gespräch

»Hamas opfert das eigene Volk vor laufenden Kameras«

»Die Öffentlichkeit und die Regierungen im Westen verstehen nicht, dass sie bereits in die Falle getappt sind«, sagt Eylon Levy. Foto: The Spokesoffice

Herr Levy, stimmt der Eindruck, dass Israel militärisch gegen die Hamas Fortschritte macht, den Kampf um die öffentliche Meinung aber verliert?
Das ist völlig zutreffend. Israels Siege auf dem Schlachtfeld sind erstaunlich, seine strategische Position hat sich grundlegend verändert. Der iranische »Feuerring«, der Israel zerstören sollte, wurde weitgehend demontiert, Israel ist eine Regionalmacht. Doch unsere Feinde waren sehr erfolgreich darin, die weltweite öffentliche Meinung zu vergiften. Wir sehen wachsende Feindseligkeit, vermehrt antisemitische Angriffe. Obwohl Israel den physischen Krieg gewinnt, haben seine Gegner ihr Ziel erreicht, und zwar Israel zu isolieren. Tragisch ist, dass die Welt zwei Jahre zu spät anerkennt, dass Israels Kriegsziele legitim sind. Die jüngste UN-Resolution verurteilte den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 und forderte die Hamas auf, die Geiseln freizulassen, sich zu entwaffnen und die Macht abzugeben. Hätte man durch solche Schritte gleich nach dem 7. Oktober Druck auf die Hamas und ihre Unterstützer ausgeübt, wären wir heute in einer anderen Lage.

Wie konnte eine liberale Demokratie im Kampf gegen eine genozidale islamistische Gruppe ihre moralische Autorität in der öffentlichen Wahrnehmung verlieren?
Weil die Hamas den Gazastreifen so manipuliert hat, dass sie ihr eigenes Volk vor laufenden Kameras opfert. Die Ideologie ist so verdreht, dass man im Westen nicht erkennt, dass es nicht nur um menschliche Schutzschilde geht, sondern um Menschenopfer. Die Hamas führt einen brutalen urbanen Krieg aus einem 500 Kilometer langen Netz von Tunneln, das sich unter Schulen, Häusern, Moscheen und Krankenhäusern erstreckt. Sie hindert Zivilisten an der Flucht, wenn Israel sie vor bevorstehenden Angriffen warnt. Sie entwendet Hilfsgüter und verkauft sie weiter. Ziel ist es, Israels Image in der Welt zu zerstören – das ist kein Nebenkriegsschauplatz, sondern der zentrale Punkt. Leider verstehen die Öffentlichkeit und die Regierungen im Westen nicht, dass sie bereits in diese Falle getappt sind. Sie dürfen über das Leid entsetzt sein, sollten aber die Hamas dafür verantwortlich machen, dass sie diesen Krieg begonnen, aus Tunneln unter Wohnhäusern geführt hat und sich weiterhin weigert, ihn durch die Freilassung der Geiseln und eine Kapitulation zu beenden.

Warum hat sich die Wahrnehmung seit dem 7. Oktober so stark verschoben?
Schon sehr früh im Krieg gab es Druck, die Kämpfe zu beenden. Israel war einer bösartigen Propagandakampagne ausgesetzt, gesteuert von Katar und Iran. Nichtstaatliche Akteure, darunter NGOs und UN-Organisationen, die sich als Teil der globalen »pro-palästinensischen« Bewegung sehen, haben ihre Rolle missbraucht, um einen Informationskrieg zu führen. So beschuldigt beispielsweise Südafrika Israel vor dem Internationalen Gerichtshof des Völkermords, möglicherweise finanziert vom Iran. Die Richter haben es versäumt, diese Klage abzuweisen. Aktivistische NGOs verbreiten diese Botschaft, viele von ihnen wollen, dass die Hamas den Krieg gewinnt. Ein Beispiel ist die »Hungersnot-Lüge« in Gaza. Wäre dort wirklich eine Hungersnot, wären seit ihrem Bekanntwerden gewiss Tausende gestorben. Nichts davon ist passiert, weil Israel die größte Operation in der Militärgeschichte durchführt, um Hilfsgüter in feindliche Gebiete zu bringen. Menschen versuchen, die Hamas vor dem Krieg zu retten, den sie begonnen hat, Israel aber für alles verantwortlich zu machen. Institutionen, die wir für neutral und objektiv halten, sind politisch geworden und verfolgen jetzt eine klare antiisraelische Agenda.

Hat Israel selbst Fehler in der Kommunikation, in der Public Diplomacy gemacht?
Ja, die Bemühungen waren unkoordiniert, unterfinanziert und oft nicht existent. Israels Public Diplomacy war ein Desaster. Als der Krieg begann, war ich Privatmann und engagierte mich im Rahmen der zivilen Mobilmachung. Dieses System brach aber schnell zusammen, weil Reservisten in ihr ziviles Leben zurückkehrten und nicht ersetzt wurden. Ich musste meine Position aus politischen Gründen aufgeben. Israel hat keine Sprecher proaktiv ins Fernsehen geschickt, sondern immer nur reagiert. Und verschiedene Politiker untergruben die Kommunikation mit empörenden Äußerungen, um Unterstützung von extremistischen Wählern zu gewinnen. Der Premierminister selbst sagte erst kürzlich, wenn er zwischen dem Sieg auf dem Schlachtfeld und dem Sieg gegen Propaganda wählen müsste, würde er sich für den militärischen Sieg entscheiden – als wäre das eine Entweder-oder-Entscheidung. Israel kämpft in diesem Informationskrieg nicht effektiv. Selbst als das Außenministerium eine Finanzspritze erhielt, wurden Botschaften Medienberichten zufolge angewiesen, Öffentlichkeitskampagnen zu stoppen, weil die Mittel womöglich nicht richtig flossen. Das ist keine ernsthafte Verteidigungsstrategie, insbesondere vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Katar weltweit PR-Firmen engagiert und eigene Medien einsetzt, um Israel als das ultimative Böse darzustellen. Es geht also nicht um legitime Kritik, sondern um eine Kampagne, Israel als illegitim darzustellen. Das Problem ist nicht, dass Israel Verbrechen begeht, sondern dass Israel selbst als »Verbrechen« gelten soll. Viele Vorwürfe sind keine seriöse Kritik, sondern dienen allein der Delegitimierung.

Glauben Sie, dass ohne klare Strategie selbst die beste Öffentlichkeitsarbeit nicht funktionieren kann?
Die öffentlichen diplomatischen Bemühungen müssen besser koordiniert werden. Es gibt auf vielen Ebenen sehr kompetente Leute, die ihr Bestes geben, aber auf nationaler Ebene fehlt eine effektive Leitung.

Ist ein fairer Kampf um das Image Israels überhaupt möglich?
Wir haben immer schlechte Karten. Es gibt weltweit nur 15 Millionen Juden gegenüber zwei Milliarden Muslimen, die naturgemäß eher mit der palästinensischen Seite sympathisieren. Wir können es besser machen, aber wir müssen realistisch sein. Probleme gibt es nicht nur in unserer Region, sondern auch im Westen, wo jüdische Gemeinden zahlenmäßig weit unterlegen sind.

Wie begegnen Sie Anschuldigungen wie »Völkermord«?
Der größte Fehler ist, überhaupt auf diese Anschuldigung zu reagieren, weil man ihr so Glaubwürdigkeit verleiht. Sie ist absurd: Israel führt einen Krieg, der ihm von einer genozidalen Terrorgruppe erklärt wurde, deren Ziel die Zerstörung Israels ist. Kein Militärexperte wiederholt diese Vorwürfe, weil man den Unterschied zwischen Völkermord und Krieg genau kennt. Der Krieg könnte sofort beendet sein, wenn die Hamas die Geiseln freilässt, ihre Waffen niederlegt und die Macht abgibt.

Und der Vorwurf der »Aushungerung der Zivilbevölkerung in Gaza«?
Tatsache ist, dass Israel die größte Operation in der Militärgeschichte durchgeführt hat, um Hilfsgüter in ein feindliches Gebiet zu liefern. Zwei Millionen Tonnen Hilfsgüter sind nach Gaza gelangt. Wäre es eine echte Hungersnot, müssten täglich Hunderte sterben. Selbst die Hamas behauptet solche Zahlen nicht. Ja, es gibt Hunger und Ernährungsunsicherheit, vor allem in den von den Dschihadisten kontrollierten Gebieten. Ja, die Hamas stiehlt Hilfsgüter, und die UNO versagt bei der Verteilung. Aber es gibt ausreichend Nahrung. Viele dramatische Fotos zeigen Kinder mit angeborenen Krankheiten, darunter Fälle von solchen, die Israel selbst evakuiert hat, um sie medizinisch versorgen zu lassen.

Will Regierungschef Benjamin Netanjahu den Krieg beenden?
Er würde den Krieg beenden, sobald die Geiseln zurückgekehrt sind und die Hamas entmachtet wird, sodass Israels Sicherheit nicht länger bedroht ist. Wenn die Hamas im Rahmen eines Abkommens die Geiseln freilässt und die Macht abgibt, ist Israel damit einverstanden. Wenn sie den Krieg aber fortsetzt, wird Israel weiterkämpfen. Was Israel keinesfalls will, ist ein Ende, das lediglich eine Pause bis zum nächsten Krieg bedeutet. Denn die Hamas existiert allein deshalb, um einen ewigen Dschihad gegen Israel zu führen.

Sie waren bis März 2024 Sprecher der israelischen Regierung. Was tun Sie seitdem, um Israels Sicht darzustellen?
Wir haben das Israeli Citizen Spokespersons’ Office gegründet. Unsere Organisation mobilisiert Israels beste Fürsprecher und sorgt dafür, dass sie in den internationalen Medien zu Wort kommen. Wir wollen sicherstellen, dass überall eine israelische Perspektive kommuniziert werden kann. Seit Jahresbeginn haben wir fast 700 Interviews veröffentlicht, um uns gegen die koordinierte Propagandakampagne zu wehren. Ich arbeite außerdem mit einem israelischen KI-Unternehmen zusammen, um meine Social-Media-Inhalte ins Deutsche zu übersetzen und mit meiner Stimme zu synchronisieren – diese sind auf Instagram und YouTube verfügbar. So machen wir Informationen für Unterstützer weltweit zugänglich.

Mit dem ehemaligen Sprecher der israelischen Regierung sprach Detlef David Kauschke. Eylon Levy ist Gründer des »Israeli Citizen Spokespersons’ Office« und Host des »State of a Nation«-Podcasts.

Kommentar

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