Der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, Eyal Zamir, hält einen erneuten Militärschlag gegen Iran vor der Parlamentswahl am kommenden Dienstag offenbar nicht für notwendig. Das berichtete der israelische Fernsehsender Kanal 13 unter Berufung auf eine vertrauliche Besprechung. Sollte sich die militärische Lage ändern und ein Angriff erforderlich werden, werde die Armee allerdings handeln, wurde Zamir zitiert.
»Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass ein Angriff auf Iran vor der Wahl notwendig ist. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass ein Angriff auf Iran erforderlich ist, werden wir ihn durchführen«, soll der Generalstabschef gesagt haben.
Gadi Eizenkot, Vorsitzender der Partei Jeschasch und wichtigster Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, äußerte sich in eine ähnliche Richtung. Gegenüber Kanal 13 erklärte er am Donnerstag, von Iran gehe derzeit keine unmittelbare Bedrohung aus, die einen Krieg noch vor der Wahl erforderlich mache.
Verschärfung der Lage
Netanjahu wird von politischen Gegnern vorgeworfen, eine Wiederaufnahme des Krieges gegen Iran anzustreben, um die Abstimmung am 27. Oktober zu beeinflussen oder möglicherweise verschieben zu lassen. Der Regierungschef weist diese Anschuldigungen zurück.
Während in Israel über einen möglichen neuen Militäreinsatz diskutiert wird, nehmen die Spannungen in der Region weiter zu. Nach Angaben iranischer Staatsmedien gerieten in der Nacht zum Donnerstag sieben Öltanker in der Straße von Hormus in Brand oder wurden beschädigt. Als Ursache wurden iranische Angriffe oder Seeminen genannt. Die Nachrichtenagentur AP konnte die Angaben zunächst nicht unabhängig bestätigen.
Der Bericht des iranischen Staatsfernsehens berief sich auf die Marine der Revolutionsgarden. Diese drohte erneut mit Angriffen auf amerikanische Militärstützpunkte in der Region, sollte Washington die Unterstützung für Handelsschiffe bei der Durchfahrt durch die Straße von Hormus fortsetzen. Angaben zu möglichen Opfern machte der Bericht nicht.
Angriffe nicht registriert
Die Kontrolle über die strategisch bedeutende Meerenge gehört zu den wichtigsten Druckmitteln Teherans in den Auseinandersetzungen mit den USA. Ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels führt durch diese Passage zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman.
Nach Angaben der britischen maritimen Überwachungsstelle United Kingdom Maritime Trade Operations wurden im Oktober so viele Angriffe auf die Handelsschifffahrt gemeldet wie seit März nicht mehr. Damals hatte der Krieg gerade begonnen. Die Organisation registrierte die jüngsten, von Iran gemeldeten Vorfälle allerdings nicht. Zugleich stellte sie fest, dass einige Reedereien offenbar zunehmend darauf verzichten, Zwischenfälle zu melden.
Ölexporteure versuchen nach Einschätzung von Fachleuten weiterhin, ihre Lieferungen aufrechtzuerhalten. Die Umgehung der Gefahren und die Sicherung der Transportwege verursachten jedoch steigende Kosten.
Militärische Lehren
Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte am Mittwoch, die Führung in Teheran sei trotz ihrer Wachsamkeit weiterhin zu diplomatischen Gesprächen bereit. Gleichzeitig sei das Land entschlossen, sich zu verteidigen.
Die iranische Führung betont, aus dem Krieg, der am 28. Februar mit amerikanischen und israelischen Angriffen begonnen hatte, militärische Lehren gezogen zu haben. In den vergangenen Tagen deutete sie zudem an, im Fall einer erneuten Eskalation auch Ziele jenseits klassischer militärischer Einrichtungen ins Visier nehmen zu können. Dazu könnten unter anderem Unterseekabel und Rechenzentren gehören.
Die USA verstärken unterdessen ihre militärische Präsenz im Nahen Osten. Zu den angekündigten beziehungsweise laufenden Verlegungen gehören ein dritter Flugzeugträger und Tausende zusätzliche Soldaten. Damit baut Washington eine Streitmacht auf, deren Umfang nach Einschätzung des Berichts seit Jahrzehnten nicht mehr erreicht worden ist. im