Wirtschaft

Go East!

Israelisches Know-how macht chinesische Autos Crashtest-sicher: der Protoyp des neues »Qoros« Foto: qoros

So viel Zeit muss sein. Mitten in der spannungsgeladenen Atmosphäre nur wenige Stunden vor der Freilassung Gilad Schalits aus der Hamas‐Gefangenschaft schickte Benjamin Netanjahu eine Gratulation an Nochi Dankner. »Das ist ein großartiges Ergebnis für die israelische Wirtschaft«, so Israels Premier an den Tycoon. »Dieser Vertragsabschluss beweist einmal mehr die wirtschaftliche Leistungskraft des Staates Israel.«

Dankner ist Herrscher über das Firmenimperium IDB und konnte nach mehr als zwölf Monate dauernden zähen Verhandlungen einen spektakulären Deal unter Dach und Fach bringen.

Für 2,4 Milliarden Dollar kauft die China National Chemical Corporation 60 Prozent von Makhteshim Agan, dem weltgrößten Hersteller generischer Chemikalien für die Landwirtschaft und eine der Perlen im Besitz von IDB. Das ist die bis dato größte Investition aus dem Reich der Mitte im jüdischen Staat.

Aber das Engagement der Chinesen signalisiert noch etwas ganz anderes: Die Karten im Außenhandel und im Bereich Direktinvestitionen werden gerade neu gemischt. Waren es seit dem Aufstieg Israels zur Hightech‐Nation fast ausschließlich Amerikaner oder Europäer, die im »Silicon Wadi« auf Shoppingtour gingen und israelisches Know‐how durch den Einstieg in eines der vielen Start‐up‐Unternehmen erwarben, so vergeht heute kaum noch ein Tag ohne eine Meldung über chinesische Akquisitionen von IT‐ oder Biotech‐Firmen.

wachstum Und obwohl die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten noch keine 20 Jahre bestehen, bezieht Israel heute aus keinem anderen Land außer den USA mehr Waren als aus China. Auch die israelischen Exporte Richtung Osten wachsen überproportional.

Wurden allein in den ersten zehn Monaten des Jahres 2010 israelische Erzeugnisse im Wert von 1,6 Milliarden Dollar nach China (ohne Hongkong) ausgeführt, so betrug das Volumen im selben Zeitraum 2011 bereits 2,2 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: 1992 machte der gesamte Handel zwischen Israel und China keine 60 Millionen Dollar aus.

»Dabei ist es gar nicht so lange her, dass im Verhältnis zwischen beiden Ländern eine Art Eiszeit herrschte«, weiß Jitzchak Schichor, Professor für Ostasiatische Studien an der Universität Haifa, zu berichten. Grund dafür war ein im Sommer des Jahres 2000 geplatztes Rüstungsgeschäft im Wert von 1,2 Milliarden Dollar.

Damals plante Israel den Verkauf des Phalcon‐Radar‐
frühwarnsystems an China. Doch die USA intervenierten, weil man über den Zugriff Pekings auf diese ultramoderne Technologie wenig begeistert war. Für Israel war die Konsequenz eine Konventionalstrafe in Höhe von 350 Millionen Dollar sowie ein eklatanter Gesichtsverlust.

erwartungen »Vor 20 Jahren hatten sowohl China als auch Israel einfach völlig unrealistische und überzogene Erwartungen aneinander«, resümiert der Experte. »Peking hoffte, via Jerusalem die neueste Militärtechnik zu erwerben und den vermeintlichen jüdischen Einfluss in Washington zu seinen Gunsten zu instrumentalisieren. Und Israel glaubte allen Ernstes, sich auf dem chinesischen Markt als Schwergewicht etablieren zu können.«

Auch wenn die Wachstumszahlen beeindruckend sind, nicht einmal 0,2 Prozent aller chinesischen Importe stammen heute aus Israel – Diamanten nicht mitgerechnet. »Doch mittlerweile haben beide Seiten begriffen, was der andere zu leisten vermag, und es ist Sinn für Realität in die Beziehungen eingezogen.«

Diese Realität ist sehr profitabel. Kaum ein Infrastrukturprojekt zwischen Mittelmeer und Jordan kommt noch ohne die Chinesen aus. Schließlich war es die China Civil Engineering Construction Corporation, die den Straßentunnel durch den Karmel im Norden Haifas buddelte – Kosten: 400 Millionen Dollar. Und auch bei dem geplanten Ausbau des Eisenbahnnetzes Richtung Eilat sind chinesische Unternehmen mit an Bord.

elektroautos Zudem gibt es eine neue chinesisch‐israelische Partnerschaft, die jüngst für Aufsehen in der Autowelt sorgte. Der Mischkonzern Israel Corp. hatte vor wenigen Wochen mit Chinas Pkw‐Produzent Chery ein Joint‐Venture ins Leben gerufen und plant nun unter dem Namen Qoros den Aufbau einer eigenen Automarke.

Bereits 2013 sollen die ersten Wagen in Changshu nahe Schanghai vom Band rollen. Qoros‐Fahrzeuge sollen von Anfang an europäischen Standards entsprechen und das gruselige Image, das chinesischen Autos aufgrund katastrophaler Crashtest‐Ergebnissen gerade in Deutschland anhaftet, endlich abschütteln. Auch in Sachen Optik will man auf Nummer sicher gehen und hat den ehemaligen Designchef von BMWs Kleinwagenmarke Mini angeheuert.

Für die Israel Corp. ist es nicht das erste Engagement in der Autoindustrie. Mit 30 Prozent ist das Konsortium auch Haupteigentümer von Better Place, dessen Initiator Shai Agassi sich die Elektromobilität auf die Fahnen geschrieben hat. Und Better Place plant derzeit mit der staatseigenen Firma »China Southern Power Grid« den Ausbau eines Netzes für Elektroautos in China.

Kultur Auch auf kultureller Ebene erleben die chinesisch‐israelischen Beziehungen eine neue Dimension. Chinesisch‐Unterricht gilt fortan an einigen Schulen in Israel offiziell als Lehrfach, und in Tel Aviv eröffnete das erste Konfuzius‐Institut seine Pforten, eine dem Goethe‐Institut ähnliche Einrichtung.

Dennoch: »Israel orientiert sich eindeutig am Westen«, meint Schichor. »China dagegen ist völlig anders. Dort hat man vom Judentum und dem Islam kaum eine Ahnung. Das ist keine solide Basis für die Zukunft.« Angesichts der Indifferenz Pekings gegenüber den atomaren Plänen Teherans klingen die Unkenrufe des Professors aus Haifa nicht aus der Luft gegriffen.

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