Besuch

Glückwünsche und Warnungen

Im Gespräch: Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein, Wiens Oberrabbiner Arie Folger und Frankfurts Rabbiner Avichai Apel (v.l.) Foto: Sabine Brandes

Sie sind aus aktuellen Anlässen in Israel. Der eine ist freudig, der andere besorgniserregend. Mitglieder der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) besuchen Israel dieser Tage im Rahmen des 70. Geburtstages des Staates und um Maßnahmen gegen den wachsenden Antisemitismus in Europa zu besprechen. Die Verbindungen zwischen europäischem und israelischem Judentum sollen gestärkt werden. Mitgereist ist der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein.

CER hat 700 Mitglieder, ihr Präsident ist Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, der die Delegation leitet. »Wir sind hier, um Israel anzuerkennen und zu beglückwünschen, und zudem, weil Antisemitismus wieder ein großes Problem geworden ist.« Dieser habe drei Seiten, erläuterte Goldschmidt: islamistischen Terror, der vor allem in Frankreich auftrete, eine Welle von rechtsradikalen Taten, die offen rassistisch aber nicht immer antisemitisch sind, und Angriffe gegen jüdisches Religionsleben, zum Beispiel beim koscheren Fleisch und der Beschneidung. »CER versucht, den Problemen entgegenzuwirken.«

HERAUSFORDERUNG Dazu gab es Gespräche mit der israelischen Regierung, darunter Bildungsminister Naftali Bennett, Knessetsprecher Yuli Edelstein und Präsident Reuven Rivlin. Der sagte: »Sie leben heute in einer Umgebung, in der die jüdische Identität nicht als selbstverständlich angenommen werden und wo sie sogar feindlich sein kann. In vielen Bereichen sind Sie an der Front, und wir können viel von ihnen lernen.« Rivlin lobte die Besucher für ihren Kampf gegen Antisemitismus und für die Stärkung der jüdischen Identität. »Und das ist zweifellos eine komplexe Herausforderung.«

Antisemitismus hat heute fast immer einen Israelbezug.

»Die Entwicklung in Europa wird in Israel natürlich mit Sorge gesehen«, führte der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein aus, »besonders die Verrohung und die Offenheit, mit der die Anschläge durchgeführt werden.« Antisemitismus habe viele Facetten, doch alle hätten heutzutage in irgendeiner Form mit Israel und oft mit dem Nahostkonflikt zu tun. »Israel sieht es zu Recht als deutsches Problem an, gegen das die Regierung etwas unternehmen muss. Es wird von uns erwartet, dass wir die Vorfälle ahnden und viel für die Prävention tun.« Das tut Deutschland mittlerweile durch eine Vielzahl an Maßnahmen auf Länder‐ und Bundesebene sowie in der Zusammenarbeit mit verschiedenen israelischen Organisationen und Einrichtungen, etwa der Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem. Klein: »Eine gute Bildungspolitik ist der Schlüssel im Kampf gegen Antisemitismus. Wir wollen als Zivilgesellschaft nicht wieder versagen.«

WUNDER In diesem Zusammenhang machte Klein deutlich, dass er natürlich da sei, um gegen Antisemitismus zu kämpfen, aber nicht ausschließlich. Zu seinem Job gehöre es genauso, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und zu bewahren. Daher steht er in regem Kontakt mit den Rabbinern im Land und in ganz Europa. »Es ist ein Wunder, dass es nach 1945 wieder jüdische Gemeinden in Deutschland gibt und die Zahl der Juden sogar wächst.« Über den Zentralrat der Juden in Deutschland sind etwa 104.000 Juden registriert, doch die Zahl der im Land lebenden sei weit höher. Heute wird sie auf bis zu 250.000 geschätzt, vor rund zehn Jahren seien es insgesamt etwa 120.000 gewesen. »Und sie steigt stetig, das ist fantastisch. Juden kommen gern in unser Land, um hier zu arbeiten, Geschäfte zu eröffnen und mit ihren Familien zu leben.«

»Juden lieben Deutschland«, sagte Rabbiner Apel.

»Die einzige Gemeinde in Europa, die wächst, ist die in Deutschland«, betonte auch Goldschmidt. »Dafür möchten wir uns bei der Bundesregierung für ihre Mithilfe bedanken.«

Frankfurts Rabbiner Avichai Apel bestätigte das. »Juden lieben Deutschland.« Es habe sich viel getan beim Engagement gegen Antisemitismus. Besonders bei der Zusammenarbeit mit den Behörden sowie im interkulturellen und interreligiösen Dialog. Dennoch müsse noch mehr geschehen. »Denn wir wollen uns nicht verstecken, sondern die Kippa tragen, den Davidstern um den Hals, und die Synagogen offen halten. Wir müssen auch den jungen jüdischen Menschen vermitteln, dass Deutschland ihre Heimat ist und sie hier Perspektiven haben. Wenn es bei einer Neonazi‐Demo andere Demos dagegen gibt, ist es gut, dann haben wir Vertrauen.«

VERBÜNDETE Auf die Frage, wie Juden in Europa die Aufrufe des Staates Israel sehen, oft nach einem terroristischen Anschlag, nach Israel zu emigrieren, antwortete der Wiener Oberrabbiner Arie Folger: »Wir pflegen das jüdische Leben, wo wir gerade sind. Natürlich haben wir auch Israel im Herzen. Aber Juden leben seit mehr als 2000 Jahren in Europa. Wir gehen hier nicht weg!«

»Ich möchte dazu beitragen, dass jüdisches Leben in Deutschland normaler wird«, fasste der Beauftragte der Bundesregierung zusammen. Dafür habe er glücklicherweise viele Verbündete an seiner Seite: den Zentralrat, die Rabbinerkonferenz und die vielen jüdischen Gemeinden. »Denn«, ist Felix Klein überzeugt, »den Kampf gegen Antisemitismus dürfen wir nicht den Juden und Jüdinnen bei uns überlassen. Diese Angriffe sind Angriffe auf uns alle.«

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