Tel Aviv

Glückliche Augen

Die Zeit scheint wenige Augenblicke lang stillzustehen, wenn man den Fotoladen »Zalmania Pri-Or« in der Tchernichowski-Straße in Tel Aviv betritt. An den Wänden hängen große Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Orten und Menschen, die vergangen sind. Auch die Ladenvitrine, die Kommoden mit den vielen kleinen Schubladen, Belichtungs- und Beleuchtungsgeräte, altmodische Vorrichtungen für Stempel und Notizzettel zeugen von einer Zeit, die die meisten Kunden nur aus Erzählungen kennen.

Dann nimmt man das Klingeln eines Mobiltelefons wahr, und auf der eisernen Wendeltreppe, die in die obere Galerie des Ladens führt, erscheinen zwei Beine: Ben Weissenstein, Erbe von einer Million Negative, kommt herunter.

Der 36-Jährige hat eigentlich Geisteswissenschaften studiert, aber 2005 begann er, seiner Großmutter Miriam in dem 1940 gegründeten Fotoladen zu helfen. »Sie brachte mir alles bei und vererbte mir schließlich das Geschäft«, sagt er. Aus dieser generationenübergreifenden Kooperation erwuchs nach anfänglichen Schwierigkeiten – die kleine Frau mit der großen Brille war sehr dominant – eine einzigartige Beziehung.

Darüber und über den Kampf der beiden um den Erhalt ihres Ladens in der Allenby-Straße Nr. 30 gibt es einen berührenden Dokumentarfilm der israelischen Fotografin Tamar Tal mit dem Titel Life in Stills, der viele Preise gewann und auch in deutschen Kinos gezeigt wurde. Der Kampf wurde gewonnen, und Ben wird wohl in zwei Jahren in die Allenby in ein dann neu gebautes Haus zurückkehren können.

Tradition Am 20. Oktober 1992 blieb die alte Pendeluhr der Familie Weissenstein zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen. Es war 2.22 Uhr morgens, und genau um diese Zeit starb Simon Rudolph Weissenstein im Alter von 82 Jahren. Er hinterließ Enkel, Kinder, seine Frau Miriam und: mehr als eine Million Fotonegative.

Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Mannes aus Iglau, einer böhmischen Kleinstadt im heutigen Tschechien, ist auch die Geschichte des Staates Israel. Rund 40 Jahre lang reist der Sohn eines Kartonage-Fabrikanten im Land umher und dokumentiert mit seiner Kamera, wie Einwanderer auf illegalen Schiffen ankommen.

Er hält fest, wie aus einer Ansammlung von Zelten Dörfer entstehen, wie aus Tel Aviv eine Stadt mit Bauhaus-Architektur und schicken Läden wird, wie Menschen in mühseliger Handarbeit Straßen bauen, wie Bauern unter heißer Sonne den staubigen Boden urbar machen und wie stolze Beduinen durch die Wüste ziehen. Er zeigt die Erhabenheit der Wüste Negev, den kühlen Schatten in Galiläa, die flirrende Hitze am See Genezareth, und er zeigt vor allem die Menschen in all diesen Landschaften: Gesichter voller Optimismus, Fröhlichkeit und Zuversicht.

Ein historisches Ereignis am 15. Mai 1948, das Rudi Weissenstein als einziger Fotograf aufgrund einer exklusiven Einladung ablichten konnte, ist dann vollends der Durchbruch: David Ben Gurion proklamiert im Tel-Aviv-Museum die Gründung des Staates Israel. Nach dem Festakt singen die Menschen die Hatikwa, und der glühende Zionist hört für diesen Moment auf, Fotograf zu sein, und singt voller Inbrunst mit.

Moderne Rudis Enkel Ben versucht, Tradition und Zukunft unter einen Hut zu bringen. So werden die Negative in einem langwierigen und teuren Prozess mit moderner Technik digitalisiert, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Ben hatte die Arbeit zusammen mit Miriam begonnen, aber auf Dauer geht es nicht alleine. »Ich habe lange Hilfe gesucht«, sagt er. Nun habe sich die Nationalbibliothek zwar bereit erklärt, diese Arbeit zu übernehmen. »Aber es fehlt noch an Geld, wir suchen Spender.«

Tradition bewahrt Ben auch beim Umgang mit den Kunden. Wer die Zalmania besucht, darf ungestört in den Ordnern mit den von Miriam fein säuberlich eingeklebten und beschrifteten Fotos blättern, bis er das richtige Motiv gefunden hat. »Wir vergrößern die Fotos und ziehen sie auf«, sagt Ben. Zudem gibt es die bekanntesten Motive von Rudi Weissenstein als Poster, Postkarte und Abzug.

Die Zalmania ist für viele Israelis ein Ort der Erinnerung. Etwa für die ehemalige Tänzerin, die eines Tages in den Laden tippelte und Ben aufforderte, das Schaufenster mit ihrem Foto von damals zu dekorieren. »Es hing im alten Laden, und sie war überzeugt, dass es unbedingt auch in den jetzigen gehört«, erzählt Ben. Die alte Dame sei so beharrlich gewesen, dass er schließlich nachgab. Andere kommen, um mithilfe der Fotos die Geschichte zu ergründen, »viele Historiker, Studenten und Architekten«. Von deren Arbeit profitiert auch Ben. »Immer wieder bekomme ich interessante Artikel geschickt, etwa über die Archivstruktur meines Großvaters.«

Auch Alexandra Keilmann ist auf der Suche. Die Doktorandin der Architekturtheorie stöbert in den Ordnern über Tel Aviv. Sie sucht Plätze und wie sie gestaltet wurden. »Mich interessiert vor allem, wie eine Idee letztlich umgesetzt wurde«, erklärt sie. Die Berlinerin ist nicht zum ersten Mal hier. »Der Laden ist ein unglaublicher Fundus.«

Zukunft Als Fotograf tritt Ben nur teilweise in die Fußstapfen seines Opas. »Was soll ich noch dokumentieren?«, fragt er und meint damit zum einen, dass heutzutage jeder fotografiert. Und zum anderen, dass viele Illusionen und Träume über den Staat verloren gegangen sind. Wenn Ben fotografiert, sucht er sich Nischen, wie etwa Wassertürme. Sie sind nicht nur vielfältig in ihrem Aussehen, sondern auch ein Symbol der Pionierarbeit. »Sie wurden immer als Erstes gebaut.« Ben hat Anlagen aufgesucht, die schon Rudi abgelichtet hatte, und ihre Veränderung sowie die der Umgebung dokumentiert. Daraus ist eine Ausstellung entstanden.

Ausstellungen sind ein Teil der Zukunft des Ladens. Ben will die laufende mit dem Titel »Ihr glücklichen Augen«, die seit Langem in Europa und den USA gezeigt wird, durch eine neue ersetzen. Zwei Süddeutsche, der Böblinger Andreas Grau-Fuchs und der in Mutlangen geborene Frank Domhan, helfen ihm bei der Konzeption und Vermarktung der Ausstellungen und der drei geplanten Bücher. Im neuen Laden will Ben auch wieder ein Fotostudio für Porträts einrichten und setzt damit eine weitere Tradition seines Großvaters fort.

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