Religion

Gleichheit gefordert

Das Gremium berät noch: leerer Saal des Obersten Gerichts in Jerusalem Foto: Flash 90

Es ist nicht die erste Schwarze Liste, die auftaucht. Doch es ist eine, die viele Israelis schockiert. Das Oberrabbinat führt offenbar bereits seit 1954 Buch darüber, welche Israelis als »unverheiratbar« gelten. Allerdings gelangten in sechs Jahrzehnten weniger als 4000 Personen auf die berüchtigte Liste. In den Jahren 2015 und 2016 allerdings waren es plötzlich 900 Namen, die neu hinzugefügt wurden.

Zusammengestellt wurde die Liste im Laufe der Jahre innerhalb der Büros der rabbinischen Gerichte. Veröffentlicht wurde sie jetzt aufgrund einer Petition der Organisation ITIM im Rahmen des Gesetzes zur Informationsfreiheit. ITIM setzt sich für Immigranten ein, deren religiöse Rechte bedroht sind. Alle der aufgeführten Personen werden im Personenstandsregister des Innenministeriums als »jüdisch« geführt. Das ultraorthodoxe Oberrabbinat jedoch erklärte sie zu Nichtjuden, denen es in Israel verboten ist, zu heiraten.

Zertifikate für eine Eheschließung müssen in Israel von den Partnern beim Rabbinat eingeholt werden, denn das hält das Monopol über Familienstandsangelegenheiten. Es kann ohne Angabe von Gründen die Heirat verweigern. Und offenbar tut es das in den vergangenen zwei Jahren verstärkt. Gewöhnlich verlangt das Rabbinat von Bewerbern die jüdische Heiratsurkunde (Ketuba) der Eltern und/oder den Brief eines Rabbiners der Heimatgemeinde.

Status Neuerdings allerdings werden bei immer mehr Personen sogenannte Hintergrunduntersuchungen durchgeführt. Wird die Bestätigung für eine Heirat verweigert, weil einer oder beide Partner für das Oberrabbinat als nichtjüdisch gelten, wird demzufolge auch dem Elternteil der Status »jüdisch« aberkannt oder zumindest als »unklar« bezeichnet. In sämtlichen dieser Fälle handelt es sich um Menschen, die zuvor als jüdisch registriert waren.

»Die Vorstellung, dass das Rabbinat Menschen plötzlich als ›nichtjüdisch‹ erklären kann, widerspricht den ethischen Grundsätzen der Halacha«, empört sich Rabbiner Seth Farber, der Direktor von ITIM. »Es steht geschrieben, dass man jenen, die sagen, sie seien jüdisch, vertrauen muss.«

Ein Beispiel: A., eine Nichtjüdin aus den USA, heiratete in einer zivilen Zeremonie einen Israeli. Eine Weile darauf zog die Familie mit ihrem ersten Kind nach Israel. Hier traten A. und ihre Tochter zum Judentum über. Beide wurden anschließend im Innenministerium als jüdisch registriert, wie auch die später geborenen Kinder. Als eine der Töchter beim Oberrabbinat beantragte, in Israel zu heiraten – was ihr verwehrt wurde –, erhielt auch ihre Mutter einen Brief. Darin stand, dass ihre Heirat nicht mehr gültig sei, weil sie nicht jüdisch ist. »Es handelt sich hier um Menschen«, so Rabbi Farber, »denen förmlich der Boden unter den Füßen weggerissen wird.« Die Halacha aber dürfe kein Leid verursachen.

Das höchste Gericht des Oberrabbinats aber urteilte, dass seine Vertreter autorisiert sind, Israelis wiederholt auf ihr Jüdischsein zu prüfen. Zudem entschied es, dass auch Personen untersucht werden dürfen, die überhaupt keinen Heiratsantrag gestellt haben. Das veranlasste ITIM gemeinsam mit anderen Organisationen, im Namen von vier betroffenen Familien vor das Oberste Gericht zu ziehen. Die Petition fordert, dass die Statusänderungen rückgängig gemacht werden, da das Oberrabbinat diese Befugnis überhaupt nicht habe und die Prüfungen eine Verletzung der Privatsphäre darstellten.

Trend Eine neue Umfrage zeigt, dass viele Israelis diese Art der religiösen Zwänge nicht länger hinnehmen wollen. Die Organisation »Hiddusch – Für religiöse Freiheit und Gleichheit« veröffentlichte am Montag den neuen Index »Religion und Staat«. Demzufolge sprechen sich 68 Prozent für eine stärkere Trennung zwischen Religion und Staat aus. Dies sei allerdings keine radikale Wende, sondern vielmehr ein Trend, der bereits seit Jahren anhält, so Hiddusch.

»Der Index zeigt eindeutig die Kluft zwischen dem Verständnis der Öffentlichkeit und den Positionen der Regierung«, erklärt Hiddusch-Direktor Uri Regev. »Kritik und Frustration wachsen stetig, denn die Bevölkerung sucht Schutz durch die Regierung in Form von säkularer Bildung und Kooperation mit dem Judentum in der Diaspora, um Gleichheit und die Freiheit der Religion zu stärken.« Die Regierung aber handle in einem konstanten Widerspruch zu diesen Wünschen.

2012 hätten sich noch lediglich 56 Prozent für eine klare Trennung ausgesprochen. Nach einer repräsentativen Studie, die vom Smith Polling Institute durchgeführt wurde, habe die Mehrheit der jüdischen Israelis »die Hoffnung auf die Möglichkeit einer jüdischen und demokratischen Koexistenz verloren«, heißt es in dem Bericht. Während 86 Prozent befürworten, dass der Staat die Religionsfreiheit sichert, wollen gleichzeitig immer mehr Menschen religiöse Freiheit für sich selbst – ohne Nötigung durch Autoritäten.

Bildung Auch die Bildung war ein Thema der Umfrage. 58 Prozent sprechen von einer »Religionisierung« des säkularen Schulsystems, die sie ablehnen, und die überwiegende Mehrheit (82 Prozent) meint, die ultraorthodoxen Bildungseinrichtungen müssten gezwungen werden, grundlegende Fächer wie Mathematik oder Englisch zu lehren, was die meisten heute nicht tun.

65 Prozent der Befragten erklärten, dass ihrer Meinung nach reformierte und konservative Juden denselben Status haben sollten wie orthodoxe. Besonders rasant aber ändert sich die Meinung in Sachen Eheschließung und Ansehen des Oberrabbinats. Während es vor zwei Jahren noch fast 70 Prozent waren, so äußert 2017 gerade einmal die Hälfte aller Israelis den Wunsch, dass sie selbst oder ihre Kinder vor dem Oberrabbinat heiraten. In Anspielung auf eine zivile Hochzeit im Ausland meint die andere Hälfte: »Lieber fahre ich nach Zypern.«

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