Nordgrenze

Gewappnet für Tag X

Möglichst wenig Staub aufwirbeln an der syrischen Grenze: Das ist die Devise der IDF. Foto: Flash 90

Bedächtig schlängelt sich das Fahrzeug entlang der libanesischen Grenze. Es ist dunkel und die Straße kurvig, schmal, schlecht beleuchtet. Schlomi Cohen, 31 Jahre alt, Oberstleutnant der israelischen Armee und eigentlich schon auf dem Heimweg zu seiner Familie, soll zurück zur Basis nach Rosch Hanikra, ein dringender Zwischenfall. Der junge Soldat ahnt nicht, dass er bereits beobachtet wird.

150 Meter weiter, hinter dem Grenzzaun und getarnt von Bäumen und Geäst, liegt ein Scharfschütze der libanesischen Armee. Er verfolgt Cohen durch sein Zielfernrohr. Der Mann legt an, zielt und drückt ab. Insgesamt sieben Schüsse zerreißen die nächtliche Stille, die Kugeln durchschlagen Cohens Fahrzeug, treffen ihn im Oberkörper. Kurze Zeit später erliegt Oberstleutnant Schlomi Cohen seinen Verletzungen, er hinterlässt eine Ehefrau und eine sieben Monate alte Tochter.

Der tödliche Anschlag ist der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe von bewaffneten Auseinandersetzungen an den nördlichen Grenzen Israels. Sprengsätze, Beschuss mit Mörsern und Raketen – mit jeder Woche scheint sich die Situation weiter zu verschärfen. Erst am Sonntag vergangener Woche wurden fünf Katjuscha‐Raketen aus dem Libanon auf israelisches Gebiet gefeuert. Trotzdem hat das israelische Militär nun Einblick in seine Verteidigungsanlagen an der Grenze zum Libanon und zu Syrien gewährt. Es ist das erste Mal seit Monaten, dass ein ausländischer Journalist die Militärbasen besichtigen durfte.

Hisbollah Die israelische Grenzanlage Rosch Hanikra, nach den tödlichen Schüssen auf Schlomi Cohen. Der befehlshabende Kommandeur, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung stehen darf, steht auf einem Bunker, nur wenige Meter trennen ihn von dem Minenfeld und dem Grenzzaun zum Libanon. Es ist ein wunderschöner Tag, die Mittagssonne scheint auf das tiefblaue Mittelmeer. »Der Kontrast hier könnte nicht größer sein: auf der einen Seite die herrliche Landschaft, auf der anderen Seite die tödliche Gefahr«, meint der Befehlshaber. »Ich sage meinen Soldaten jeden Tag: Dieser Ort kann sich innerhalb von wenigen Sekunden in ein tödliches Inferno verwandeln. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder erlebt.«

In der Tat erinnerte die Ermordung Cohens viele Israelis an einen Zwischenfall vom Juni 2006: Damals überfielen Hisbollah‐Kämpfer eine Patrouille der IDF, erschossen und entführten Soldaten der Zahal. Der Zwischenfall stürzte Israel in einen 33‐tägigen Krieg, der Hunderte Menschenleben auf beiden Seiten kostete.

»Die Hisbollah ist heute stärker als noch vor sieben Jahren. Ihre Arsenale sind mit zehntausenden moderner Raketen aus dem Iran gefüllt, ihre Soldaten kampferprobt durch Einsätze im syrischen Bürgerkrieg«, so der israelische Kommandeur. Aufklärungsbilder zeigten im Süden des Libanon fast auf jedem dritten Häuserdach installierte Raketen‐ und Granatwerfer.

»Aber ich sage ganz klar: Meine Truppen sind so gut vorbereitet und ausgebildet wie noch nie zuvor. Wir kennen das Gelände, unsere Technik ist verbessert, unsere Kommunikationswege haben sich geändert.« Über die genaue Verteidigungsstrategie bei einem erneuten Kriegsausbruch will sich der Kommandeur nicht äußern, nur so viel: Kriegsschiffe der Marine, die schon jetzt direkt vor der Grenze ankern, Kampfjets und Artillerie würden wohl mit einem gezielten Raketenbeschuss reagieren, anschließend kämen Élite‐Infanterieeinheiten, die seit Monaten in der Region trainieren, zum Einsatz. »Wir wissen, dass der nächste Krieg kommen wird – und wir sind vorbereitet, um den Feind stark und erbarmungslos zurückzudrängen.«

golanhöhen Mit dem Auto geht es weiter, etwa zwei Stunden lang in Richtung Osten, bis zur syrischen Grenze. Schnee bedeckt die Golanhöhen, es sieht fast aus wie in Österreich oder der Schweiz. Wären da nicht das ständige Maschinengewehrfeuer, die Rauchsäulen und Granatexplosionen. Der syrische Bürgerkrieg tobt nur wenige Meter von Israel entfernt – und schwappt immer wieder über die Grenze hinüber. »Knapp 70‐mal sind wir in den letzten Monaten aus Syrien beschossen worden«, Mirit Litman, eine direkt an der Grenze stationierte Soldatin. »Mal waren es Querschläger, mal gezielte Angriffe. Trotzdem haben wir in nur etwa sieben Fällen das Feuer erwidert.«

Die Ausgangslage hier ist eine andere als an der libanesischen Grenze: Israel möchte unter keinen Umständen in den syrischen Bürgerkrieg involviert werden. Für das Militär wäre es ein Albtraum, Truppen über die Grenze schicken zu müssen. Stattdessen setzt die Armee auf Abschreckung: Die Präsenz in der Region wurde verstärkt, Patrouillen vermehrt, ein moderner, fünf Meter hoher Grenzzaun errichtet, ausgestattet mit modernsten Hightech‐Sensoren.

Von einem Außenposten können wir weit ins syrische Hinterland blicken. Auf dem Dach einer Moschee haben Soldaten von Baschar al‐Assad ein MG‐Nest errichtet. Ohne Pause donnern die Salven durch das Städtchen. Noch kontrollieren die Truppen des Regimes das Dorf, doch der Kampf mit den Rebellen läuft ununterbrochen, Häuserblock um Häuserblock, Tag für Tag. »Das ist für uns eine schwierige Situation: 30 Jahre lang war es hier ruhig – und jetzt werden wenige Meter von uns entfernt Menschen abgeschlachtet, Frauen und Kinder getötet. Das lässt niemanden kalt«, sagt Litman.

al qaida Wir fahren weiter und treffen den verantwortlichen Kommandeur, der die israelischen Truppen an der Grenze zu Syrien befehligt. »Die Situation hier verändert sich stündlich«, sagt er. In seinem Büro zeigt der Befehlshaber auf eine riesige Karte: Die gesamte Grenzregion zwischen Syrien und Israel, unterteilt in Dutzende rote und blaue Flecken – Abschnitte, die entweder von Assad oder von den Rebellen kontrolliert werden. Jeden Tag treffen israelische Offiziere zusammen, um ihre gesammelten Erkenntnisse über die Frontverläufe zu diskutieren und zu aktualisieren: Wo mussten Assads Truppen weichen, wo wurden die Rebellen zurückgedrängt?

Der Kommandeur zeigt auf den südlichen Grenzabschnitt und sagt: »Diesen Abschnitt beobachten wir besonders aufmerksam. Hier haben Kämpfer einer lokalen Al‐Qaida‐Zelle die Oberhand gewonnen und sind bis auf wenige Meter an den Grenzzaun vorgedrungen.«

Islamistische Gotteskrieger an der Grenze zum jüdischen Staat – eine Situation, die Israel aus dem Gazastreifen (Hamas) und dem Süden Libanons (Hisbollah) kennt. Und nun auch in Syrien. Zwar kämpfen die Rebellen hier vornehmlich gegen Assad, doch die Gefahr wächst, dass die Terroristen nach Israel vordringen und dort Terroranschläge verüben könnten. Erst vor ein paar Wochen wurde eine Zahal‐Patrouille an der Grenze angesprengt, ihr gepanzertes Fahrzeug von einer selbstauslösenden Bombe beschädigt. Bis heute ist unklar, wer hinter dem Anschlag steckte.

»Wir wissen, dass da drüben Terroristen sind, die nur darauf warten, uns endlich anzugreifen«, sagt der Kommandeur. »Aber dafür sind wir hier: um Israel und seine Bewohner zu beschützen und zu verteidigen.«

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