Wirtschaft

Gefahr für den Markt

Dieser Tage schauen nicht nur politisch Interessierte gen Nahost. Auch internationale Finanzexperten beobachten Israel und seine Nachbarn mit Argusaugen. Wie wird die Landkarte zukünftig aussehen? Bleibt es friedlich, oder wirbelt ein neuer Sturm der Gewalt durch die Region? Gravierend können die Folgen des palästinensischen Drängens vor den Vereinten Nationen, ih-
ren Staat anzuerkennen, nicht nur für die Diplomatie der Welt sein, sondern ebenso für sämtliche Faktoren des Wirtschaftslebens.

Tendenz Eigentlich geht es Israels Markt bestens. Während der Weltwirtschaftskrise stand er inmitten bröckelnder Finanzmärkte fast gänzlich unangetastet da, und auch die Umwälzungen in anderen nahöstlichen Staaten rüttelten nur wenig an den stabilen Mauern dieser kleinen, aber florierenden Wirtschaft.

Vor einigen Tagen jedoch gingen die Makler an Tel Avivs Börse (TASE) nicht vor Freude in die Luft, sondern vor Wut. Nachdem die Kurse um 20 Prozent des Jahreshochs nach unten gepurzelt waren, stellte man sich auf fallende Tendenz ein. Dieser neue Status ändere komplett die Wahrnehmung ausländischer Investoren, erklärte Hadar Oschrat, hiesige Chefhändlerin der Deutschen Bank, in israelischen Zeitungen. Es gäbe einen starken Rückgang internationaler Aktivität hierzulande, sagte sie weiter. »In den vergangenen zwei Wochen sehen wir sogar einen fast gänzlichen Stillstand.«

Eine alarmierende Entwicklung, deren Hintergründe Asaf Sussman, Professor an der Wirtschaftsfakultät der Hebräischen Universität, genauestens kennt: »Der Börsenmarkt gibt eine Prognose darüber ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Investoren bewerten mit ihren Handlungen die Geschehnisse in einem Land oder einer Region.«

Faktoren Als Beispiel nennt Sussman die Entwicklungen nach den Wahlen 1996: Damals hatte Benjamin Netanjahu das Rennen gemacht, wurde zum ersten Mal Premierminister. »Eigentlich ist er ein sehr wirtschaftsorientierter Mann, die Märkte hätten demzufolge in die Höhe schnellen müssen.« Taten sie aber nicht. Stattdessen fielen sie heftig ab. »Die politische Lage ist der dominante Faktor in den Einschätzungen der Wirtschaftsleute«, interpretiert der Experte, »auch wenn das auf den ersten Blick oft nicht den Anschein hat. Und Netanjahu galt offenbar schon damals nicht als Friedensbringer.«

Auch dieser Tage ist die politische Situation alles andere als stabil. Nach dem Fall des einstigen Präsidenten Hosni Mubarak, gleicht der 30 Jahre alte Friedensvertrag mit Ägypten heute einer Wackelpartie. Die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Staaten aber waren auch in drei Dekaden nicht ins Rollen gekommen. Außer einigen Gastlieferungen an Israel herrschte ein kalter Frieden – auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Selbst wenn der Handel ganz ausgesetzt werde, seien die öko-
nomischen Folgen kaum spürbar, so der Professor.

Handel Ganz anders sähe das bei der Türkei aus. Das binationale Handelsvolumen betrug noch bis vor Kurzem nahezu zwei Milliarden Euro, etwa jeweils zur Hälfte auf die beiden Staaten verteilt. »Wir reden hier über riesige Summen. Wenn die wegfallen, hat das selbstverständlich einen äußerst negativen Effekt.« Bislang hat die Türkei den Handel zwischen den Regierungen suspendiert, etwa militärische Lieferungen aller Art.

Private Firmen in beiden Ländern dürfen zwar nach wie vor miteinander Geschäfte machen, doch niemand weiß, ob nicht auch in diesem Bereich bald Restriktionen eingeführt werden. »Der Blick in die Zukunft sieht alles andere als rosig aus«, meint Sussman, »Israel sollte daher vorsichtig mit seinen externen Beziehungen umgehen.«

unruhe Die größte Sorge aber macht dem Wirtschaftsprofessor der Ausblick zum nächsten Nachbarn: »Wenn es mit den Palästinensern eskaliert, könnte das zu einem ökonomischen Fiasko für uns werden«. Zwar gehe er davon aus, dass niemand – weder die Palästinenser noch die Israelis – eine gewalttätige Auseinandersetzung wünschen, doch oft genüge ein Funke. Überschatte Gewalt tatsächlich die Staatsbemühungen der Palästinenser, könnte das für dauerhaft fallende Märkte sorgen.

Wie geschehen bei der zweiten Intifada 2000/01, als die Kurse bis zu einem Drittel nach unten rutschten. »Eine gigantische Zahl«, so Sussman. Der Wind der Friedenshoffnung, der bei den Oslo-Abkommen wehte, brachte hingegen einen Höhenflug von bis zu 30 Prozent mit sich.

Neben den Börsen seien gleichermaßen die Wechselkurse betroffen. Auch sie sind äußerst empfänglich für politische Instabilität. Durch einen Ausbruch von extremer Gewalt könnte der heimische Markt schnell Milliarden von Dollar verlieren. Sussman zeichnet ein Bild: Israel sei ein winziges Boot im riesigen Ozean der Weltwirtschaft. Eine große Welle könne es einfach umkippen. »Kämpfe sind schlecht fürs Geschäft.«

Boykot Doch damit nicht genug Gefahr für den Markt. Ein von den Vereinten Nationen anerkannter Palästinenserstaat könnte für Israel weitere Unannehmlichkeiten mit sich bringen: Wirtschaftsboykotte. »Ja«, sagt Sussman, »ökonomische Sanktionen verschiedener Art könnten dann auf der Agenda vieler Staaten stehen. Und Israel zum regelrechten Paria-Staat machen.«

Während er meint, dass sich die politische Landschaft nicht unmittelbar verändern wird – »die jüdischen Siedlungen im Jordanvorland werden erst einmal da bleiben, wo sie sind« –, könnten die Auswirkungen für die Wirtschaft schnell und
drastisch spürbar werden. »Und zwar in Form eines geringeren Lebensstandards für alle.«

vorschläge Gerade den wollen die Teilnehmer der sozialen Proteste in Israel aber nicht nur unangetastet sehen, sondern verbessert. Am Montag stellte Netanjahu gemeinsam mit Finanzminister Yuval Steinitz und Zentralbank-Gouverneur Stanley Fisher ein erstes Ergebnis des Konzentrationskomitees vor.

Das hatte der Premier einberufen, nachdem die Proteste wegen der überhöhten Lebenshaltungskosten begonnen hatten. »Die zu hohen Preise kommen von zu wenig Wettbewerb«, stellte Netanjahu klar. Das solle zukünftig anders, die Konzentrationen auf dem hiesigen Markt verringert und ausländische Konkurrenten eingeladen werden.

Damit ausländische Unternehmen kommen, braucht es allerdings kein Komitee, sondern in erster Linie Stabilität. Der Wirtschaftsexperte aus Jerusalem macht deutlich: »Internationale Investoren wollen Zuverlässigkeit in der Politik, das garantiert ihnen beständige Märkte. Unsicherheit mögen sie nicht, Gewalt noch viel weniger.«

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