Terror

Gefahr aus dem Untergrund

Diesen Hamas-Tunnel entdeckten IDF-Soldaten im Jahr 2014. Foto: IDF

Die Meldung ging im alltäglichen israelischen Nachrichtenwahnsinn beinahe unter: Knapp 18 Monate nach dem letzten Gaza-Krieg soll die Hamas bereits wieder fast so viele Terrortunnel nach Israel gegraben haben, wie vor der Operation »Fels in der Brandung« vorhanden waren, berichteten israelische Medien vergangene Woche. Rund 30 solcher Tunnel hat die Armee seinerzeit nach eigenen Angaben zerstört.

Keine zwei Jahre später sehen sich die Menschen im Süden des Landes also wieder in der gleichen schwierigen Lage. Selbst wenn Experten davon ausgehen, dass die Hamas derzeit kein Interesse an einem neuen Aufflammen der Auseinandersetzung hat, kann die Lage eskalieren. Nicht nur, dass, wie am vergangenen Sonntagabend, alle paar Wochen Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgeschossen werden und die Bewohner der Kibbuzim, Moschawim und Städte in der Nähe des Gazastreifens in den Bunkern Schutz suchen. Auch von unten droht wieder Gefahr.

»Die Hamas hat nach dem Ende des Konflikts im September 2014 keine Zeit verschwendet und direkt wieder damit angefangen, die Infrastruktur aufzubauen: Raketenabschussrampen und auch die Tunnel«, sagt Arye Shalicar, Sprecher der IDF. Genaue Zahlen kann er nicht nennen, aber die Aktivitäten seien bekannt.

Dilemma Es scheint absurd, dass eine Terrororganisation in einem so abgeriegelten Gebiet wie dem Gazastreifen dies so erfolgreich schafft. Doch für Arye Shalicar ist die Antwort nicht kompliziert: »Wir wollen die Bevölkerung nicht für die Taten der Hamas bestrafen. So hat Israel nach dem letzten Konflikt, und auch schon vorher, immer wieder Baumaterialien hineingelassen. Pro Tag führen durchschnittlich 800 Lastwagen Güter ein, seit dem Konflikt sind es drei Millionen Tonnen Baumaterialien. Dass die Hamas das ausnutzt, wissen wir.« Es sei ein Dilemma, denn schließlich würden die Materialien auch für neue Schulen und Krankenhäuser verwendet.

Doch das Problem sind nicht allein die legalen Einfuhren aus Israel. »Der Schmuggel aus dem Sinai hat keine Sekunde lang aufgehört. Es lief vielleicht mal besser, aber die Tunnel werden immer noch benutzt. Waffen und andere Materialien gelangen auf diese Weise nach Gaza«, sagt Yoram Schweitzer, Terrorismusexperte am Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv.

Süden Für die Bewohner entlang des Gazastreifens sind das beunruhigende Fakten: »Auch wenn ich mich selbst nicht bedroht fühle: Ich kenne viele Menschen hier in den Kibbuzim entlang des Gazastreifens, die nachts nicht gut schlafen können, die große Angst haben, dass die Hamas jederzeit aus der Erde kommen könnte«, erzählt die 44-jährige Gali Bessudo aus Sderot. Sie hat sich nach dem letzten Krieg der frisch gegründeten »HaTnua LeAttid HaNegev HaMaaravi« angeschlossen, also der »Bewegung für die Zukunft des Westlichen Negev«.

Denn für sie, wie für viele andere Anwohner, ist klar: Rein militärisch lässt sich der Konflikt nicht beenden. »Wir haben damals vor dem Sitz des Premierministers demonstriert und eine Lösung gefordert«, erinnert sich Bessudo. Passiert ist seither nichts. »Es ist völlig unklar, wie die Politiker die Zukunft hier gestalten wollen. Die Regierung tut nicht genug, um eine Lösung zu finden.« Zu Kriegszeiten hätten die Menschen im Süden viel Solidarität erfahren. »Aber jetzt sieht keiner, was wir empfinden. Wir sind es, die die Raketen und den Alarm hören.«

Laut Medienberichten gibt es immerhin regelmäßige Treffen zwischen Vertretern der Armee und der Ortschaften entlang des Gazastreifens. Wie vor einigen Tagen in Sderot. Dabei sind den Berichten zufolge unter anderem verschiedene Angriffsszenarien durchgesprochen worden, zum Beispiel Feuergefechte zwischen Terroristen, die durch die Tunnel in Wohngebiete gelangen, und den israelischen Truppen. Außerdem trainierten die Soldaten regelmäßig für solche Einsätze.

Mediator Doch Sicherheitsexperten sehen eine langfristige Lösung woanders: »Israel hätte schon längst die Zeit nutzen sollen, um Wege zu finden, mit der Hamas zu kommunizieren«, sagt Yoram Schweitzer. Derzeit habe die Hamas zwar kein Interesse an einer neuen Runde der Auseinandersetzungen. Und für die Raketen, die in den vergangenen Monaten auf Israel gefeuert wurden, sind nicht selten andere islamistische Terrorgruppen verantwortlich. »Sie sind daran interessiert, die Stimmung aufzuheizen und für Reibereien zu sorgen«, so Schweitzer. Doch die Hamas kontrolliere den Streifen mit harter Hand und versuche ihrerseits, genau das zu verhindern. »Aber die Situation ist konstant explosiv. Das Potenzial ist da, es kann immer eskalieren. Auch beim letzten Mal wollte es eigentlich keiner.« Schweitzer sieht in der Türkei einen potenziellen Mediator, um einen Gesprächskanal zwischen Israel und der Hamas herzustellen. »Wir sollten Wege finden, um neue Kämpfe zu verhindern.«

Eine politische Lösung ist auch das Ziel der Bewegung für die Zukunft des Westlichen Negev, wenngleich die Gruppe keine konkreten politischen Vorschläge machen will. Doch die Teilnehmer setzen sich auch in Friedenszeiten mit ihrer Lage auseinander, anders als viele andere Anwohner, erklärt Gali Bessudo. »Viele Menschen versuchen, es zu verdrängen. Hier haben jetzt neue Restaurants eröffnet, Häuser werden gebaut. Die Menschen versuchen, ein normales Leben in einer normalen Stadt zu führen.«

Derzeit findet das »Darom Adom«-, also »Roter Süden«-Festival statt, in Anlehnung an die Mohnblumen, die in der regenreichen Zeit die Felder im Süden rot färben. Viele Familien kommen dann in die Gegend entlang des Gazastreifens, genießen die Natur und besuchen die zahlreichen Veranstaltungen und Konzerte. »Wir werden auch mit verschiedenen Ständen vor Ort sein und mit den Leuten sprechen«, so Gali. Damit auch in kriegsfreien Zeiten an einem echten Frieden gearbeitet wird.

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